Seelotse Krusenbein und die Jakobsleiter


Mensch, Kinners. Habe ich Euch eigentlich schon mal etwas über die  Lotsen erzählt? Nein? Sauerei!

Dann fange ich mal mit dem lehrreichen Teil an. Ein Lotse ist in der Seefahrt meist ein erfahrener Nautiker mit mehrjähriger praktischer Erfahrung als Kapitän, der bestimmte Gewässer so gut kennt, dass er die Führer von Schiffen sicher durch Untiefen, vorbei an Schifffahrtshindernissen und den übrigen Schiffsverkehr geleiten kann. Sie fungieren somit als Berater für den Kapitän. Mit Lotsenbooten werden sie von einem Schiff zum anderen gebracht. Außerdem führen Lotsen in den Revierzentralen Radarberatungen über Funk durch. In vielen Gewässern besteht eine Lotsenannahmepflicht. In Deutschland gibt es See-, Hafen- und Flusslotsen, die sich in Lotsenbrüderschaften selbst organisieren, und die Lotsendienste auf dem jeweiligen Revier für die internationale Seeschifffahrt rund um die Uhr sicherstellen. Flusslotsen betreuen z.B. die Strecke von Bremerhaven bis Bremen. Neben diesen Lotsen gibt es noch den Überseelotsen, sowie in der Binnenschifffahrt den so genannten Hilfsschiffsführer.
Der Begriff Lotse kommt aus der Seefahrt vom englischen Loadsman, was Geleitsmann bedeutet. Die Engländer selbst nennen einen Lotsen Pilot. Den Deutschen den Namen Lotse geben, aber selbst einen anderen Begriff benutzen! Ja, so sind die Engländer!

Kinners, kennt Ihr eigentlich Jakob Krusenbein, meinen alten Kumpel aus großen Tagen? Ach, nein, wie könnt Ihr auch! Es muß um das Jahr 1780 – vielleicht auch 1790 – ich weiß es nicht mehr so genau – gewesen sein, als wir beide zusammen bei Madame Marie O’Graus während eines Wochenendseminars das Klöppeln erlernten. Was? Weiberkram? Uns hat es eben Spaß gemacht, Leute. Und nach so vielen Jahren werde ich mich jetzt auch nicht mehr dafür schämen!

Er war Kapitän auf Großer Fahrt, aber auch ein unruhiger Geist und notorischer Heimwerker, der an Bord ganze Luken – natürlich von innen – mit Holz verkleidete, die Masten mit Dämmung ummantelte – damals wurde lumpenähnliches Material verwendet, und das eine oder andere auch im Mannschaftslogis ausbesserte. Und wenn das getan war – natürlich neben seiner Tätigkeit als Nautiker – nahm er sich den Anker vor, und entfernte die sich darauf angesiedelten Muscheln. Nun hatte er handwerklich alles getan, was getan werden konnte, und seine Untergebenen begannen zu beten.

„Gnade uns, Gott,“ riefen sie zum Himmel, wenn sie sahen, wie Jakob Krusenbein von Tag zu Tag unruhiger und nervöser wurde, und schließlich seine Leute auch bei Kleinigkeiten mächtig anschnauzte. Dann konnte er auch ganz gewöhnlich werden und sagte schon mal einen Satz wie: „Ich wring’ Dir gleich deine Nudel aus.“
Und das war noch einer der netteren Sprüche, die er dann von sich gab. So war es schließlich reine Notwehr der Reederei, inklusiv aller Besatzungsmitglieder, ihn als Seelotsen wegzuloben. Und obwohl sich Jakobs Frau Meta vehement dagegen gewehrt hatte, gelang es, Jakob Krusenbein von Bord zu bekommen.

Natürlich begann er auch auf dem Lotsenschiff Renovierungsarbeiten durchzuführen, aber seine Aufenthaltszeiten auf dem kleinen Schiff waren nicht lang genug, um für große Unruhe unter den wartenden Lotsen zu sorgen. Und Kapitän Jakob Krusenbein wurde immer unzufriedener, bis er für sich die Strickleiter als Betätigungsfeld entdeckte. Denn ihm gefiel die langweilige Schlichtheit dieser Strickleitern nicht sonderlich, und er erinnerte sich dessen, was er mit mir zusammen im Klöppelkurs gelernt hatte.

Und bevor Ihr fragt, hier ist schon einmal die Antwort: Die Strickleiter entspricht von der Form her der normalen Holzleiter. Allerdings werden die beiden starren Holme aus Holz durch elastische Seile ersetzt, die Sprossen bleiben aber meistens weiterhin aus Holz. Der Vorteil dieser Leiter ist, dass man mit ihr auch krumme Erhöhungen erreichen, und dass sie platzsparend zusammengerollt werden kann. Die Strickleitern werden vor allem an Schiffen verwendet. Diese werden an der Bordwand heruntergelassen, so dass man hinaufklettern kann, und bei Bedarf auch wieder hinunter. Und gerade ein Seelotse benutzt diese Strickleitern mehr als häufig.

So begann er diese Strickleitern – auch bei starkem Seegang – wenn er nur irgendwie Zeit fand, mit vielen bunten Motiven zu verzieren. So entstanden farbenfrohe Strickleitern, die viele Lotsen zum Verweilen einluden. So kam es auch schon mal vor, dass ein Schiff Anker werfen musste, nur weil der Lotse einfach nicht an Bord kam, und stattdessen lieber jede kleine Verzierung an der Strickleiter in Ruhe betrachten wollte. Mit den Jahren bearbeitete Jakob Krusenbein voller Inbrunst hunderte – wenn nicht sogar tausende – von diesen Strickleitern, und es gab Kapitäne, die Jakob einluden, um auch ihre mit bunten Blumen verschönern zu lassen.

Den Namen Jakobsleiter erhielt sie vom Ständigen Vertreter des Vatikan am Hof des Bessarabischen Fürsten Barummi dem Übergroßen, Anastasios von der Bürzel, der von einem sinkenden Schiff nur mit der nackten Gewalt zweier Besatzungsmitglieder gerettet werden konnte, da er beim Abstieg in ein Rettungsboot von der wunderschön verzierten Strickleiter so überaus fasziniert war, dass er sie nicht verlassen wollte. Bevor die „Donna Maria da Gloria“, die auf dem Weg nach Ostia war, unterging, sandte er ein Stoßgebet zum Himmel, und besprengte die Strickleiter mit Weihwasser, was er ständig bei sich trug, und gab ihr, als er den Namen des großen Künstlers erfuhr, den Namen Jakobsleiter.

Ja, so war das mit Jakob Krusenbein, der manchmal sogar mich, der an sich ein ruhiger Mensch ist – wer lacht da? – manchmal nervös machte. Und so wurde aus der Strickleiter die Jakobsleiter. Ja, und Ihr wisst jetzt endlich, wofür ein Lotse gut ist.

Oder so ähnlich. Nicht wahr? 


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