Die Schiffsausrüster


Gegen 1620, Kinners, entdeckten die beiden Bauernsöhne Hans Wampe und Franz Plautz aus der Gegend um Beverstedt den Hafen als Absatzmarkt für das frische Gemüse ihrer Felder. Abnehmer waren begeisterte Schiffsköche, und schon nach kurzer Zeit florierte das Geschäft. Aber als Wampe und Plautz damit begannen auch andere Artikel, wie Schiffszwieback, Frischwasser, Fleisch und Tauwerk den Kapitänen anzubieten, bekamen sie Ärger mit dem größten Schiffsausrüster in Bremerhaven, Gordon Fleischhauer, einem eingewanderten Schotten aus dem Berner Oberland, der in Fachkreisen nur MacGammel genannt wurde. Warum brauche ich wohl nicht zu erklären, oder?

Hans Wampe und Franz Plautz waren sehr korpulente Männer, die oft Mühe hatten, die engen Gänge an Bord der Schiffe zu passieren. Aber auch das hatte seine Vorteile, denn wenn MacGammel den gleichen Kapitän besuchen und seine Waren anbieten wollte, versperrten Plautz und sein Partner mit ihren Bäuchen einfach den Durchgang, und der Konkurrent musste frustriert das Feld räumen. Sonst waren die beiden Bauernsöhne aber fröhliche, lustige Männer, die immer freundlich und hilfsbereit waren, und nur gegenüber Fleischhauer, dessen Geschäftspraktiken die Schiffsausrüster in Bremerhaven in einen allgemein schlechten Ruf gebracht hatten, hart und unerbittlich waren.

Gordon Fleischhauer verspottete, so oft er nur konnte, die beiden Beverstedter bei den Kapitänen, und brachte bei seinen Geschäftsgesprächen immer wieder die dicken Bäuche seiner Konkurrenten ins Spiel. Die Ausdrücke Wampe und Plautze für „dicke Bäuche“ entwickelten sich aus MacGammels Kampagne gegen die beiden Bauernsöhne.
Und sein Lieblingsspruch war: „Wer kauft schon von jedem Hans und Franz?“ 
Daraus entstand der Ausdruck: „Jeder Hans und Franz.“
Was ja soviel bedeutet wie: „Jeder X-Beliebige“, und natürlich abwertend gemeint ist.
Plautz erkannte sehr schnell – er war der Marktstratege der beiden Partner – das auch negative Werbung durchaus etwas Positives haben kann. Nach seinem Abschied aus dem Berufsleben ging diese Erkenntnis verloren, und wurde erst viele Jahrhunderte später wieder neu entdeckt.
„Hauptsache man ist im Gespräch,“ sagte er seinem Partner des öfteren, wenn dieser wieder einmal leichte Depressionen bekam.
Er ließ die Pferdewagen, die die Waren in den Hafen brachten, neben dem Firmennamen „Wampe & Plautz – Schiffsausrüster“ auch mit: „Hier liefert jeder Hans und Franz für jeden Hans und Franz“ beschriften. Und die Leute fanden es gut.

Damals gab es unter den Schiffsausrüstern neben Fleischhauer und Wampe & Plautz noch einen weiteren ziemlich interessanten Mann. Dieser, der einst von Helgoland gekommen war, und Fritz-Carl von Quanten hieß, hatte bei dem Wettlauf um einen Vertrag, der unter den Schiffsausrüstern jedes Mal einsetzte, wenn ein Schiff eines neuen Reeders anlegte, große Vorteile. MacGammel, der mögliche neue Kunden gerne mit einem Schottenrock, den er nur zu diesen Anlässen trug, im Sommer legte er zu diesem Zweck auch seine ewige lange Unterhose ab, überraschte, und die korpulenten Wampe & Plautz hatten gegen die Behendigkeit von Fritz-Carl von Quanten keine Chance. Es waren nicht seine besonders großen Füße, sondern eher seine ungewöhnliche Sprungkraft, die ihn die Gangway praktisch hinaufkatapultieren ließ. So war er oft der erste Schiffsausrüster, der beim Kapitän vorstellig werden konnte. Franz Plautz und Hans Wampe nahmen es sportlich fair, denn immer konnte von Quanten nicht zur Stelle sein, und dann standen sie wieder mit ihren Bäuchen parat.

Von Quantens Füße erlangten mit den Jahren wahren Kultstatus, der dazu führte, dass der Abdruck seiner Füße, neben dem Hafenamt in der neu zementierten Zuwegung zur Bedürfnisanstalt des Bremerhavener Vereins für Hygiene und Kultur,  bei einer kleinen Feier verewigt wurde, und als „Walk of Fame“ des Bremerhavener Hafens der Öffentlichkeit bekannt wurde. Von Quanten selbst schämte sich seiner großen Füße wegen, und sprach immer nur vom „Walk of Shame“. Das der Ausdruck Quanten für Füße dank des Schiffsausrüsters in die deutsche Sprache einging, und später immer nur vom Quantensprung gesprochen wurde, wenn es über einen großen, sprunghaften Fortschritt zu berichten galt, ist natürlich ebenfalls dem großen Schiffsausrüster von der Insel Helgoland zu verdanken.

Übrigens hieß der Verein für Hygiene und Kultur nicht umsonst so, denn der höhere Sinn dieser Bedürfnisanstalt – natürlich neben der Entsorgung von Darm- und Blaseninhalten – galt der Kunst. Der pensionierte Chefdramaturg und gelernte Kasemattenflechter W.C. Bickenbarth förderte die – Toilettenschmierereien, wie viele Leute sagen würden – Kreativität von Klosprüchemachern und Klozeichnern voller Inbrunst. Das heißt, es war sogar erwünscht, die Wände und Türen der Bedürfnisanstalt mit tiefsinnigen – wenn man es nach der Kraft kostenden Entsorgung noch konnte – Sprüchen zu verzieren. Die damals 1. Graffiti-Welle genannte Phase ging in die Kulturgeschichte ein, die in den folgenden Jahren viele Künstler nach Bremerhaven zog, die dann die meiste Zeit des Tages „auf dem Trichter“ saßen und über Gott und die Welt philosophierten, bzw. die Sprüche ihrer Kollegen in sich aufnahmen, bewerteten und je nach Begabung evtl. eine aussagekräftige Zeichnung hinzufügten. Es war schon ein komisches Völkchen, was sich damals in dem kleinen Häuschen traf. Große und berühmte Künstler, wie Smartie Geheim-Weißbach, Bird Bakkarat der Ältere, Theo van Vlissingen oder Pippin Schlappsack der Dritte gaben sich die Klinke und das Klopapier in die Hand, und förderten allein durch ihre Anwesenheit Nachwuchskünstler, wie die Brüder Schwägerlein aus Lüneburg, Tobias Schwarzpeter aus Schortens oder Thorsten Thorstensen, der als Laienprediger und Volksschauspieler schon große Erfolge gefeiert hatte, und sich nun mehr der bildenden Kunst und der Dichtung widmete.

Hier einmal 3 besonders schöne Klosprüche, die ich einst las:

„Manche Frauen sind wie Klopapier: Sie reiben sich an beschissenen Typen und sind hinterher die Angeschmierten.“

„Was suchst Du Witze an der Wand,
den größten hältst Du in der Hand.“

„Liebe Köchin, lieber Koch, hier fällt eure Kunst ins Loch.“

Nun aber wieder zurück zu den Schiffsausrüstern, Kinners, aber ich musste einfach von dieser phantastischen Kunstbewegung, die von Bremerhaven aus die ganze Welt erobern sollte, erzählen.
Der Vollständigkeit halber muß ich Euch leider vom tragischen Ende Gordon Fleischhauers berichten. Denn er, der sehr geizig war, verstarb an einer Verstopfung, als er die Reste einer reklamierten Weißkohllieferung zu Mittag, zu Abend, und am nächsten Tag wieder zum Frühstück, und zu Mittag und abschließend den letzten Rest mit einer Tasse dünnen Kaffees – McCoffee Light, von den Hochlagen Schottlands, seiner Hausmarke – hinunterspülte.

So entwickelte sich die Schiffsausrüsterbranche, und der Quantensprung und weitere Wortschöpfungen gingen in die deutsche Sprache ein. Und nicht zuletzt bekam die Kunst eingeleitet durch W.C. Bickenbarth einen großen Schub.

Oder so ähnlich.
Nicht wahr?


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