Hans Wampe und Franz Plautz waren sehr korpulente Männer, die oft Mühe hatten, die engen Gänge an Bord der Schiffe zu passieren. Aber auch das hatte seine Vorteile, denn wenn MacGammel den gleichen Kapitän besuchen und seine Waren anbieten wollte, versperrten Plautz und sein Partner mit ihren Bäuchen einfach den Durchgang, und der Konkurrent musste frustriert das Feld räumen. Sonst waren die beiden Bauernsöhne aber fröhliche, lustige Männer, die immer freundlich und hilfsbereit waren, und nur gegenüber Fleischhauer, dessen Geschäftspraktiken die Schiffsausrüster in Bremerhaven in einen allgemein schlechten Ruf gebracht hatten, hart und unerbittlich waren.
Gordon
Fleischhauer verspottete, so oft er nur konnte, die beiden
Beverstedter bei den Kapitänen, und brachte bei seinen
Geschäftsgesprächen immer wieder die dicken Bäuche seiner
Konkurrenten ins Spiel. Die Ausdrücke Wampe und Plautze für „dicke
Bäuche“ entwickelten sich aus MacGammels Kampagne gegen die beiden
Bauernsöhne.
Und sein Lieblingsspruch war: „Wer kauft schon
von jedem Hans und Franz?“
Daraus entstand der Ausdruck:
„Jeder Hans und Franz.“
Was ja soviel bedeutet wie: „Jeder
X-Beliebige“, und natürlich abwertend gemeint ist.
Plautz
erkannte sehr schnell – er war der Marktstratege der beiden Partner
– das auch negative Werbung durchaus etwas Positives haben kann.
Nach seinem Abschied aus dem Berufsleben ging diese Erkenntnis
verloren, und wurde erst viele Jahrhunderte später wieder neu
entdeckt.
„Hauptsache man ist im Gespräch,“ sagte er seinem
Partner des öfteren, wenn dieser wieder einmal leichte Depressionen
bekam.
Er ließ die Pferdewagen, die die Waren in den Hafen
brachten, neben dem Firmennamen „Wampe & Plautz –
Schiffsausrüster“ auch mit: „Hier liefert jeder Hans und Franz
für jeden Hans und Franz“ beschriften. Und die Leute fanden es
gut.
Damals gab es unter den Schiffsausrüstern neben
Fleischhauer und Wampe & Plautz noch einen weiteren ziemlich
interessanten Mann. Dieser, der einst von Helgoland gekommen war, und
Fritz-Carl von Quanten hieß, hatte bei dem Wettlauf um einen
Vertrag, der unter den Schiffsausrüstern jedes Mal einsetzte, wenn
ein Schiff eines neuen Reeders anlegte, große Vorteile. MacGammel,
der mögliche neue Kunden gerne mit einem Schottenrock, den er nur zu
diesen Anlässen trug, im Sommer legte er zu diesem Zweck auch seine
ewige lange Unterhose ab, überraschte, und die korpulenten Wampe &
Plautz hatten gegen die Behendigkeit von Fritz-Carl von Quanten keine
Chance. Es waren nicht seine besonders großen Füße, sondern eher
seine ungewöhnliche Sprungkraft, die ihn die Gangway praktisch
hinaufkatapultieren ließ. So war er oft der erste Schiffsausrüster,
der beim Kapitän vorstellig werden konnte. Franz Plautz und Hans
Wampe nahmen es sportlich fair, denn immer konnte von Quanten nicht
zur Stelle sein, und dann standen sie wieder mit ihren Bäuchen
parat.
Von Quantens Füße erlangten mit den Jahren wahren
Kultstatus, der dazu führte, dass der Abdruck seiner Füße, neben
dem Hafenamt in der neu zementierten Zuwegung zur Bedürfnisanstalt
des Bremerhavener Vereins für Hygiene und Kultur, bei einer
kleinen Feier verewigt wurde, und als „Walk of Fame“ des
Bremerhavener Hafens der Öffentlichkeit bekannt wurde. Von Quanten
selbst schämte sich seiner großen Füße wegen, und sprach immer
nur vom „Walk of Shame“. Das der Ausdruck Quanten für Füße
dank des Schiffsausrüsters in die deutsche Sprache einging, und
später immer nur vom Quantensprung gesprochen wurde, wenn es über
einen großen, sprunghaften Fortschritt zu berichten galt, ist
natürlich ebenfalls dem großen Schiffsausrüster von der Insel
Helgoland zu verdanken.
Übrigens hieß der Verein für
Hygiene und Kultur nicht umsonst so, denn der höhere Sinn dieser
Bedürfnisanstalt – natürlich neben der Entsorgung von Darm- und
Blaseninhalten – galt der Kunst. Der pensionierte Chefdramaturg und
gelernte Kasemattenflechter W.C. Bickenbarth förderte die –
Toilettenschmierereien, wie viele Leute sagen würden – Kreativität
von Klosprüchemachern und Klozeichnern voller Inbrunst. Das heißt,
es war sogar erwünscht, die Wände und Türen der Bedürfnisanstalt
mit tiefsinnigen – wenn man es nach der Kraft kostenden Entsorgung
noch konnte – Sprüchen zu verzieren. Die damals 1. Graffiti-Welle
genannte Phase ging in die Kulturgeschichte ein, die in den folgenden
Jahren viele Künstler nach Bremerhaven zog, die dann die meiste Zeit
des Tages „auf dem Trichter“ saßen und über Gott und die Welt
philosophierten, bzw. die Sprüche ihrer Kollegen in sich aufnahmen,
bewerteten und je nach Begabung evtl. eine aussagekräftige Zeichnung
hinzufügten. Es war schon ein komisches Völkchen, was sich damals
in dem kleinen Häuschen traf. Große und berühmte Künstler, wie
Smartie Geheim-Weißbach, Bird Bakkarat der Ältere, Theo van
Vlissingen oder Pippin Schlappsack der Dritte gaben sich die Klinke
und das Klopapier in die Hand, und förderten allein durch ihre
Anwesenheit Nachwuchskünstler, wie die Brüder Schwägerlein aus
Lüneburg, Tobias Schwarzpeter aus Schortens oder Thorsten
Thorstensen, der als Laienprediger und Volksschauspieler schon große
Erfolge gefeiert hatte, und sich nun mehr der bildenden Kunst und der
Dichtung widmete.
Hier
einmal 3 besonders schöne Klosprüche, die ich einst las:
„Manche
Frauen sind wie Klopapier: Sie reiben sich an beschissenen Typen und
sind hinterher die Angeschmierten.“
„Was suchst Du Witze
an der Wand,
den größten hältst Du in der Hand.“
„Liebe
Köchin, lieber Koch, hier fällt eure Kunst ins Loch.“
Nun
aber wieder zurück zu den Schiffsausrüstern, Kinners, aber ich
musste einfach von dieser phantastischen Kunstbewegung, die von
Bremerhaven aus die ganze Welt erobern sollte, erzählen.
Der
Vollständigkeit halber muß ich Euch leider vom tragischen Ende
Gordon Fleischhauers berichten. Denn er, der sehr geizig war,
verstarb an einer Verstopfung, als er die Reste einer reklamierten
Weißkohllieferung zu Mittag, zu Abend, und am nächsten Tag wieder
zum Frühstück, und zu Mittag und abschließend den letzten Rest mit
einer Tasse dünnen Kaffees – McCoffee Light, von den Hochlagen
Schottlands, seiner Hausmarke – hinunterspülte.
So
entwickelte sich die Schiffsausrüsterbranche, und der Quantensprung
und weitere Wortschöpfungen gingen in die deutsche Sprache ein. Und
nicht zuletzt bekam die Kunst eingeleitet durch W.C. Bickenbarth
einen großen Schub.
Oder so ähnlich.
Nicht wahr?