Schiemann, der Ur-Matrose


Nepomuk Schiemann hatte Ende des .... tja, welches Jahrhundert war es noch gleich? Ich hab's vergessen, Kinners. Das Alter! .... bei Meister Ambrosius Dickdarm in Wulsdorf eine Lehre als Flickschneider begonnen. Die ältliche und ziemlich stabil gebaute Tochter des Hauses mit Namen Melusine, die überall nur unnett „die Matrone“ genannt wurde, hatte bald ein Auge auf ihn geworfen. Nepomuk gefiel ihre Schwärmerei, denn bisher hatte das Leben für ihn nichts sonderlich Aufregendes zu bieten gehabt. Melusine hatte sein Herz über einem Teller Bratwürste gewonnen. Denn wenn Schiemann einen Teller voller Bratwürste vor sich stehen hatte, wurde er voller Begeisterung regelrecht religiös. Und wenn denn noch eine, oder auch zwei, oder drei Frikadellen dabei lagen, wurde er schließlich sogar zum Romantiker. Ja, so war der gute Nepomuk Schiemann, der damals in meiner Nachbarschaft wohnte und ein eher unscheinbares Leben führte. Ich war damals noch sehr jung und habe einiges nur aus Erzählungen erfahren, also seid nachsichtig mit mir altem Herrn.

Aber nach vielen wohlschmeckenden Bratwürsten und Frikadellen flüchtete der gute Nepomuk Schiemann doch eines Tages vor Melusine, die vehement an Heirat gedacht hatte. Oder war es nur eine Flucht vor der ständigen Abfütterung? Er suchte sein Heil auf der „Carlotta Hammel“, die gerade in Bremerhaven angelegt hatte. Kapitän Adam Adamsapfel aus Niebüll fand Nepomuk kurz darauf schnarchend an Deck vor und stellte ihn als Segelmacher ein. Adamsapfel bemerkte bald, daß Nepomuk Schiemann einer der wenigen war, der mit Hanfgarn umzugehen verstand. Und genau so einen Mann benötigte der Kapitän. Schon am selben Abend verließ die „Carlotta Hammel“ Bremerhaven in Richtung Atlantik.

Kapitän Adam Adamsapfel war der erste Couturier der Welt, der es verstand die Damenwelt mit immer neuen und ausgefallenen Kreationen zu euphorisieren. Was hat das mit einem Segelmacher zu tun, der als Flickschneider in Wulsdorf arbeitete, fragt Ihr? Ja, natürlich war Schiemann nicht als Schneider für Damenmode vorgesehen, aber die Segel der „Carlotta Hammel“ sollten das Logo der Modemarke Adamsapfels tragen. Mit Hanfgarn begann er das Firmensymbol in die Segel zu nähen. Übrigens war das Logo ein Apfel – nein, kein Adamsapfel, Kinners, sondern das Obst – mit einem umgelegten roten Schal, dem Markenzeichen des Kapitäns. Es sah sehr malerisch aus, wenn Adamsapfel an Deck stand und den Wind durch sein schütteres Haar und dem roten Schal streichen ließ.

Schiemann, der von Melusine meistens nur „mein kleines Makrönchen“ – nach dem kleinen Rundgebäck – genannt worden war, hatte als Gesellenstück einen Anzug für sie angefertigt, und war dazu gezwungen, diesen Anzug, den er während seiner kopflosen Flucht mehr zufällig mitgenommen hatte, bald zu tragen, da sich seine Fluchtbekleidung langsam auflöste. Er, der sehr schlank gebaut war, sorgte damit für mächtige Erheiterung an Bord, denn der Anzug war für ihn mehrere Nummern zu groß. Adamsapfel aber, dem großen Modekenner, gefiel der interessante Schnitt. Er sah die Möglichkeit, die Kreation Schiemanns profitabel zu vermarkten. Die spätere Bezeichnung Matrosenanzug rührt entweder von Makrone oder Matrone her. Ich tendiere zu Matrone, da der Anzug ja für die Matrone Melusine angefertigt worden war. Aber genau weiß ich es nicht. Und warum nicht nach Matrose, fragt Ihr? Ganz einfach, weil es damals den Begriff, Namen und Beruf des Matrosen noch gar nicht gab. Der Matrosenanzug wurde durch den Couturier Adam Adamsapfel der Renner. Besonders von männlichen Sprößlingen vornehmer Familien wurden sie mit Begeisterung getragen. Zur Kaiserzeit war diese Bekleidung praktisch Standard.

Der Begriff Matrose entstand erst, als Nepomuk Schiemann mit dem Vernähen der Logos fertig war, und nach einer neuen Betätigung Ausschau hielt. Schließlich begann er sich über den Berufsstand des Seemanns Gedanken zu machen und erarbeitete in der Folgezeit Arbeitsrichtlinien, die zum Teil noch heute Gültigkeit besitzen. Bald wurde ein Seemann auch als Schiemann bezeichnet. Später entwickelte sich aus – siehe auch Matrosenanzug – Makrone/Makrönchen/Matrone die Berufsbezeichnung Matrose. Aber in niederdeutsch blieb der Name Schiemann als Bezeichnung für den Seemann erhalten. Ebenso heißt die von Nepomuk Schiemann verwendete Hanfgarnart Schiemannsgarn. Und Schiemannsgarn steht in niederdeutsch auch für maritime Lügengeschichte, und so eine Lügengeschichte wird heute normalerweise als Seemannsgarn bezeichnet. Jetzt fragt Ihr natürlich nach einer Verbindung zwischen Schiemann und einer Lügengeschichte? Nicht wahr?

Einige Jahre nach diesen Ereignissen – Nepomuk Schiemann war der See treu geblieben – trug es sich zu, daß er – wie mir erzählt wurde, also kann ich meine Hand dafür nicht ins Feuer legen – Kontakt zu einer Frau aufnahm. Es war die erste Frau gewesen, für die er sich nach Melusine Dickdarm, die er seit seiner Flucht aus Bremerhaven nie wiedergesehen hatte, interessierte. Ihre Beziehung war über eine Brieffreundschaft entstanden, in deren Verlauf Nepomuk, was sein Aussehen betraf, gelogen hatte. Innerhalb kürzester Zeit hatte er nämlich fast sein komplettes Haupthaar verloren, aber – wie es sonst üblich ist, ich weiß wovon ich spreche – als Ausgleich hatte die Brustbehaarung merkwürdigerweise nicht zugenommen. Und was wirklich ungewöhnlich ist, die Augenbrauenbehaarung wucherte nun auch nicht kräftiger. Von den Nasenhaaren ganz zu schweigen! Er war fast haarlos, und diese Tatsache belastete den guten Schiemann sehr. So hatte er also in seinen Briefen von seiner Haararmut nichts berichtet. Und als es – nein, Kinners, damals gab es noch keine Fotoapparate – zu einem Treffen kommen sollte, griff Nepomuk Schiemann aus Verzweiflung zu seinem Hanfgarn und fertigte sich daraus eine Perücke. Schließlich – als das Ergebnis zufriedenstellend war – begann er an einem Brusthaarteil zu arbeiten, aber die notwendigen Löckchen wollten ihn nicht recht gelingen. Trotzdem klebte er sich, der beruflich voller Selbstvertrauen, privat von gewaltigen Selbstzweifeln geplagt war, das Teil auf seine Brust. Dann kam es endlich zu dem Treffen zwischen Nepomuk und Farina Furunkel – so hieß seine Brieffreundin. Aber auch sie hatte geflunkert, denn sie trug nicht nur Stützstrümpfe, sondern auch ein Glasauge, was farblich leider nicht ganz zu ihrem echten Auge passte. Als sie sich bei dem Stelldichein in vorgerückter Stunde in dem Brusthaar Schiemanns verkrallt hatte, riß sie nicht nur das Brusttoupet, sondern auch sein letztes ihm verbliebenes echtes Brusthaar mit heraus, aber das wollte ich nur am Rande erwähnt wissen, Leute. Farina und Nepomuk wussten sofort, dass sie für einander bestimmt waren und blieben für immer zusammen. Mit den Jahren musste Schiemann erfahren, dass Farina Furunkel noch einige weitere körperliche Defizite verschwiegen hatte, aber darüber möchte ich aus Höflichkeit und Respekt gegenüber der großen Lebensleistung Nepomuk Schiemanns schweigen.

So entstanden die Begriffe Schiemann, Schiemannsgarn, Seemannsgarn, Matrose und Matrosenanzug.

Oder so ähnlich. Nicht wahr?


Startseite Jack Pott Meerjungfrau Salzhering Kruschinski Urschriften Impressum Presse Links