Leseprobe zu: Die wunderlichen, aber wahren Hafengeschichten des Jakob Kruschinski:
Aber auch kulturell wurde schon einiges im Hafen geboten.
Das Pornokino
Vorarbeiter
Fiete Piepmeier, der aus Ritterhude stammte und schon lange im Hafen
arbeitete, hatte eine Vorliebe für Pornofilme und Sexmagazine. Und der
Beate-Uhse-Katalog besaß bei ihm den Stellenwert wie die Bibel für
einen religiösen Menschen. Er bekam einen richtig verklärten Blick,
wenn er im Katalog herumblätterte. Bei seinen Kollegen genoss der eher
kleine, aber sehr drahtige Fiete Piepmeier allein schon wegen seiner
genannten Vorlieben große Anerkennung und Bewunderung. Hatte einer der
Kollegen Fragen zu einem sexuellen Problem, Fiete wusste Rat. Er holte
den Beate- Uhse-Katalog aus seinem Spind, blätterte nur wenige Sekunden
darin herum und gab dem Kollegen fundierte Vorschläge mit
Fotobeispielen, wie er das jeweilige Problem lösen könne. Ja, der gute
Fiete war wirklich der Fachmann, der auf alles eine Antwort wusste. Er
konnte auch über das für Liebesspiele angebotene Equipment praktische
Tipps geben. Niemand hatte es nötig die Gebrauchsanleitungen zu lesen,
denn Piepmeier hatte sich ein fundiertes Wissen über diese Dinge
angeeignet.
Bald
brachte er sogar einige Artikel von zu Hause mit in den Hafen. Und das
waren nicht nur Kondome oder vielleicht mal ein Vibrator. Nein, er
hatte einfach alles da und begann schließlich sogar am Arbeitsplatz
damit zu handeln. Er bekam vom Betriebsleiter, der einer seiner besten
Kunden wurde, einen extra Spind, wo er die Utensilien zwischenlagern
konnte. Vorarbeiter Fiete Piepmeier baute sich so mit der Zeit ein
zweites äußerst lukratives Standbein auf. Und als ihn Kollegen auch
nach Pornofilmen fragten und er zufällig noch einen zweiten kleinen
Filmprojektor besaß, kam er auf die glorreiche Idee ein kleines
Pornokino im fast leeren Fahrradkeller des Betriebsgebäudes
einzurichten. Schnell wurde etwas weiße Farbe von zu Hause mitgebracht,
eine Wand angepinselt, die als Leinwand dienen sollte, und der
Projektor aufgebaut. Dann gab es noch etwas Arbeit für den
Betriebselektriker, der eine zusätzliche Stromleitung in den
Fahrradkeller verlegen musste. Ein weiterer Spind nur für die
Filmrollen hatte ihm der Betriebsleiter schnell zur Verfügung gestellt.
Stühle wurden herangeschafft und schon konnte die erste Vorstellung
über die Bühne gehen.
Zuerst
waren es nur Fiete, der Betriebsleiter und noch drei oder vier Leute,
die im Keller saßen. Aber es sprach sich in Windeseile herum, was sich
im Fahrradkeller abspielte. Der Besucherstrom nahm immer mehr zu,
sodass nach zwei Wochen Laufzeit schon mehr als zwanzig Leute
zuschauten. Und nicht nur der Betriebsleiter, sondern auch andere
Prominenz ließen sich zu den Aufführungen sehen. Es wurde ein riesiger
Erfolg, obwohl das Kino natürlich nur während der Pausen geöffnet war.
Böse Zungen behaupteten sogar, dass es auch während der Arbeitszeiten
lief, aber dieses wurde immer bestritten. Probleme gab es bald mit den
zunehmenden Kinobesuchern, denn es waren einfach nicht genug Stühle in
der Betriebseinheit vorhanden, sodass einige Kollegen begannen
Klappstühle von zu Hause mitzubringen um ja nicht einen Film zu
verpassen. Fiete Piepmeiers Filmpalast im Fahrradkeller wurde zu einer
Erfolgsgeschichte; und damit sein Publikum einen Überblick über die
Filmvorführungen hatte, ließ der Veranstalter sogar kleine
Programmhefte drucken.
Piepmeier
bot dem Publikum vor und nach den Filmen seine Waren an. Und diese
Verkaufsveranstaltungen fanden auch ihre Liebhaber, die es privat
sonst
nicht wagten in einen Sexshop zu gehen oder etwas per Post bei den
entsprechenden Versandhäusern zu bestellen. Fietes Geschäft blühte und
er war damit so ausgelastet, dass er sich sogar beurlauben ließ um mehr
Zeit für seine außerbetrieblichen Aktivitäten zu haben. Aber auch
außerhalb des Kinoprogramms und seinen Verkaufsveranstaltungen bot er
den Leuten einiges an Attraktionen. So gab es an jedem zweiten Sonntag
eine Mega-Vorführung von drei Stunden. Als zum Beispiel ein
schwedisches Kühlschiff an der Kaje lag, veranstaltete Fiete Piepmeier
einen Themenabend, an dem es nur schwedische Pornofilme zu sehen gab.
Einmal im Monat trafen sich Interessierte im Fahrradkeller zu einer Art
Tupperparty für Sexartikel und Dessous. Auch dort ging es immer hoch
her.
Piepmeiers
Erfolg erreichte seinen Höhepunkt, als zu jeder Filmvorführung mehr als
50 begeisterte Zuschauer kamen. Im Hochgefühl beging er dann aber einen
schweren Fehler. Er lud an einem Samstagnachmittag eine dunkelhaarige
Stripperin ein, die mit ihrer aufregenden und sehr professionellen
Stripshow die anwesenden 57 Kollegen, die den kleinen Fahrradkeller
fast zum Bersten brachten, so richtig aufheizte. Leider brach eine
große Schlägerei zwischen mehreren Männern aus, als die Künstlerin
angeblich einem der Männer einen schmachtenden Blick zuwarf und dieser
sich gegenüber seinen Kollegen damit brüstete, dass er sie nach der
Show flachlegen würde – wie er sich ausdrückte. Aber ein anderer
Kollege, der meinte ebenfalls von der Stripperin mit einem anzüglichen
Blick bedacht worden zu sein, wollte die Aussage des anderen nicht
gelten lassen und zettelte einen Streit an. Piepmeier brachte die
Stripperin – sie nannte sich Sunny Fantastic – in Sicherheit, aber es
war zu spät. Das Blut kochte in den Adern der Männer und die Schlägerei
tobte bald vom Fahrradkeller bis hoch in die anderen Betriebsräume. Und
als endlich auch einige Fensterscheiben zu Bruch gingen, rückte die
Polizei an und führte einige der Hafenarbeiter, dummerweise waren auch
zwei Betriebsleiter unter den Festgenommenen, ab ins Revier. Und für
das illegale Pornokino Fiete Piepmeiers bedeutete das auch das abrupte
Ende. Nie vergaßen die Kollegen ihr wunderbares Kino dort im
Fahrradkeller, wo sie so viele schöne Stunden verlebt hatten.