Meine Begegnung mit Napoleon
Da
staunt ihr! Ja, auch Napoleon Bonaparte bin ich begegnet. Es war
während der
Franzosenzeit in Norddeutschland, als
fast ganz Europa von Frankreich erobert worden war. Es war das Jahr
1806. Der Kaiser der Franzosen hatte die Kontinentalsperre
gegen England verhängt. Er wollte damit
den englischen Handel unterbinden, denn an eine militärische Eroberung
der britischen Insel war nicht zu denken. Aber niemand in Europa wollte
auf die
englischen Kolonial- und Industriewaren
verzichten. So blühte der Schmuggel auf, und Blockadebrecher waren die
Helden der damaligen Zeit.
Nach dem Streß mit meinem
Naturdüngergeschäft wechselte ich
für ein paar Jahre ins schöne Eckwarden,
auch das Florenz von Butjadingen genannt. Dort war ich als Lademeister
für das Gouvernement tätig und hatte mit Truppentransporten,
Verpflegungs- und Munitionsnachschub zu
tun. Logistik war das Zauberwort.
Aber nicht nur Napoleon
begegnete ich, sondern auch einige seiner Marschälle. Unter ihnen möchte
ich besonders Marschall
Mallow erwähnen, den später die
Entwicklung des berühmten Marshmallows gelang. Eine gerade für
Amerikaner bedeutsame Erfindung, denn sie verzehren diese Süßigkeit
sogar gegrillt! Für
mich unvorstellbar, der mit Heringen,
Kartoffeln und Steckrüben großgezogen worden war. Und bin ich nicht
steinalt geworden?
Die Franzosen waren damals sehr innovativ – da
staunt ihr, nicht
wahr, was für Wörter so ein alter Zausel
wie ich noch drauf hat? Aber auch mir gelangen Erfindungen! Und
nebenbei beeinflußte ich unbeabsichtigt die Weltgeschichte, und ohne
mich wäre
Napoleon nicht der Napoleon, den wir
heute kennen. Aber dazu später mehr.

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Nun
zu einer kleinen Erfindung. Zusammen mit dem Apotheker der
französischen Truppen in Eckwarden, Jean-Claude Toilette,
entwickelte ich ein Parfum, daß wir Eau
d´Eckwarde 45 nannten. 45 war die Hausnummer meines Quartiers. Leider
konnte sich unser Produkt nicht gegen 4711 Eau de Cologne, oder auch
Echt
Kölnisch Wasser genannt, durchsetzen.
Toilette und ich stellten die Produktion nach einigen Monaten wieder
ein, obwohl der Anfangserfolg uns Mut gemacht hatte.
Bevor ich von meinem
geschichtsträchtigen Einfluß berichte, möchte ich euch noch von meiner
Arbeit im wunderschönen Eckwarden erzählen. Als Lademeister war ich für
die Ent- und
Beladung, oder wie wir an der Küste
eigentlich sagen, für das Löschen und Laden der französischen Schiffe
zuständig. Und die Ladung bestand nicht nur aus Kanonen, Munition oder
Lebensmitteln. Oh, nein, auch Luxusgüter
waren darunter, denn die Franzosen wußten zu leben. Und das galt
besonders für die Offiziere mit ihren Familienangehörigen. Ich war ein
Meister im
Organisieren. Dieses Talent erkannten
auch die Franzosen, die mich bald als Ausrichter ihrer Feste
engagierten. Dank meiner einflußreichen französischen Bekannten, war für
mich die Gefahr
gebannt, eines Tages in eine
französische Uniform gesteckt zu werden, und als Soldat irgendwo in der
Welt für Napoleon Bonaparte zu sterben. Außerdem lernte ich schnell die
unwahrscheinlich lange französische
Mittagspause zu achten, denn wenn man einen Franzosen
um diese Zeit störte, konnte er sehr ungemütlich werden.

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Henri
de Mulsac, der damalige Militärstatthalter von Eckwarden, der als Heini
Müllsack irgendwo im Oberbergischen geboren
worden war und bis zum Einmarsch der
französischen Truppen dort als Hilfsfischer sein Leben fristete, hatte
sich schnell angepaßt und gelernt wie die Franzosen zu leben und zu
feiern.
Und dieser besagte Henri de Mulsac gab
mir eines Tages – ich glaube es war Mitte April, das Wetter war
wunderbar – den Auftrag ein Fest zu Ehren Napoleon Bonapartes zu
gestalten,
denn der Kaiser der Franzosen kam zwecks
Inspektion – nein, nicht seines Autos, was denkt ihr bloß – seiner
Truppen nach Eckwarden.
Ein großer, ehrenvoller und interessanter
Auftrag! Für mich als
Lademeister war es ein leichtes,
besonders gute und frische Waren für das Fest zu organisieren, auch wenn
Eckwarden für die Ladungen eigentlich nur als Durchgangsstation gedacht
war, denn
außer Toilette, Mallow und de Mulsac
standen mir auch andere bekannte Persönlichkeiten zur Seite. So hatte
jeder sein kleines Zubrot. Auch das Städtchen Eckwarden blühte als
Garnisonsstadt
unter der französischen Herrschaft auf.
Es war ein Geben und Nehmen. Moderne Marktwirtschaft eben.
Dann
die Feier. Und ich muß sagen, Napoleon I. war kleiner als
ich erwartet hatte. Auch ich bin kein
Riese, aber der Kaiser der Franzosen war wirklich recht klein. Er
brachte seine obersten Marschälle und Adjutanten mit. Die berühmtesten
Kriegsherren
der damaligen Zeit. De Mulsac war ein
guter Gastgeber und ich ein guter Organisator, der an alles gedacht
hatte, auch wenn es sehr unbescheiden klingt. Friedrich Maximilian
Treu-Dummdorf,
einer der großen Sänger seiner Zeit,
auch Freddie, die Lunge genannt – heizte die Stimmung bei diesem
bedeutendsten Fest, das Eckwarden jemals gesehen hatte, an. Die
schönsten
Mädchen der Saison warteten den Gästen
mit Speis und Trank auf. Ich stand nur im Hintergrund und beobachtete
das Treiben und gab Anweisungen an meine Mitarbeiter. Die zwei
Adjutanten
des Kaisers, Jean-Michel de Body und
Jean-Marc de Guard wichen nicht von der Seite Napoleons. De Body und de
Guard waren die ersten Personenschützer weltweit. Der Abend wurde
ein voller Erfolg. Napoleon und seine
Begleiter sprachen dem Wein stark zu. Kein Wunder, es war der beste Wein den Norddeutschland zu bieten hatte.

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Leider gibt es ihn heute nicht
mehr. Er hieß Jadebuser Nymphendrossel
und stammte von den Südhängen des Butjadinger Hochgebirges. Trotz einer
grandiosen Gesangsdarbietung der Sopranistin Caroline
Meyertünss aus Langwarden schlief
plötzlich der Kaiser der Franzosen ein, und seine Begleitung – speziell
de Body und de Guard sprachen weiter dem Alkohol zu, und als ihre
Aufmerksamkeit ganz auf Frau Meyertünss
und den Tänzerinnen Friedrich Maximilian Treu-Dummdorfs gerichtet war,
ritt mich irgendwie der Teufel. Ich weiß bis heute nicht, warum ich es
tat,
aber da es nichts böses war, muß ich
mich auch nicht für meine Tat schämen. Ich hoffe, daß das die Historiker
ähnlich sehen.
Nun zu meiner – man kann sagen – historischen
Tat. Ich muß
vorausschicken, daß damals das vornehme
männliche Volk den Dreispitz trug. Also einen Hut mit drei Spitzen oder
Ecken. Und dieser Dreispitz war Napoleon vom Kopf auf den Boden
gerutscht. Ich sah es und wollte den Hut
nur auf den Tisch zurück legen, als – wie gesagt – mich der Teufel
ritt. Ohne nachzudenken, nahm ich den Hut und ging in die Küche, schnitt
mit einer starken Schere die nach vorne
zeigende Spitze ab und vernähte – das hatte ich bei der christlichen
Seefahrt gelernt – das entstandene Loch. So erfand ich den Zweispitz!
Dann brachte
ich Napoleons Hut zurück und legte ihn –
ohne von jemandem beobachtet zu werden – auf den Tisch.
Und
ich muß noch etwas gestehen, eigentlich wollte ich es nie preisgeben,
aber meine Frau meinte, ich sollte endlich reinen Tisch machen, so werde
ich Euch noch
ein Geheimnis anvertrauen: Ich malte
roten Nagellack, den Caroline Meyertünss liegengelassen hatte, auf
Napoleons Fingernägel seiner linken Hand, die entspannt auf dem Tisch
lag.
Niemand bemerkte es. Angespannt und
erregt schlich ich mich davon.
Als am nächsten Morgen – die ganze
Gesellschaft hatte im Festsaal genächtigt – plötzlich Reiter zum Kaiser
vorgelassen
werden wollten, um irgendwelche
wichtigen Meldungen vorzutragen, wurde Napoleon I. von seinen Adjutanten
geweckt, die wie auch ihr Kaiser noch leicht vom Wein umnebelt waren.
Napoleon griff nach seinem Hut und
setzte ihn auf, ohne die Veränderung zu bemerken, und trat vor seine
Reiter. Glücklicherweise entdeckte de Body rechtzeitig die rot
lackierten
Fingernägel an der linken Hand des
Kaisers und ergriff – zur großen Verwunderung Napoleons – mit Gewalt die
kaiserliche Hand und steckte sie in die kaiserliche Uniformjacke.
Und so sah ihn die Welt von nun an
immer. Die linke Hand in der Uniformjacke versteckt – natürlich jetzt
ohne rot lackierte Fingernägel, das nehme ich wenigstens an – und den
Zweispitz
auf dem Kopf. Napoleons Hut! Und alles
war meine Schuld. Heute würden so etwas die Marketing-Strategen
arrangieren, und es Imagepflege nennen.
So beeinflußte ich die Weltgeschichte.