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Meine Odyssee oder: Schmietwechs sonderbare Abenteuer
28. Teil: Willy-Willy und das große Whooling
Kaum war wieder etwas Ruhe auf Brava eingekehrt, als das nächste Unheil nahte. Er hieß Nuno und war der Ex-Freund meiner Leticia der Zweiten! Er
brach wie ein Willy-Willy, so nennen die Australier tropische Wirbelstürme in ihren Gewässern, in meine schöne, heile Welt an der Seite der schönen Leticia herein.
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Nuno hatte Landurlaub und war auf seine Heimatinsel Brava gekommen um den Bürgermeister um Leticias Hand zu bitten.
Leticia sagte mir, dass sie bereits vor meiner Ankunft auf der Insel Schluss mit Nuno gemacht hatte, der meiner Meinung nach ein ganz ansehnlicher, junger Bursche war, der sich noch nicht
die Augenbrauen schneiden musste und volles, lockiges, schwarzes Haar hatte. Aber Leticia die Zweite mochte mich – wie es schien – wesentlich lieber, als den unsteten und unruhigen
Nuno, was mich natürlich freute, aber auch leicht verwunderte. Das wolltet Ihr auch gerade sagen, nicht wahr? Manchmal, Kinners, hat man einfach Glück im Leben. Nuno gab sich aber mit
einem entschiedenen „Nein“ seiner Angebeteten nicht zufrieden und sorgte für viel Unruhe auf der Insel. Immer wieder sprach er mit Leticias Vater, ihrem Onkel, der in einem anderen Dorf eine
Schenke besaß, setzte auch seine Mutter ein, die eine Schulfreundin des Bürgermeisters gewesen war und aktivierte sein ganzes Heimatdorf, das eines Abends singend vor Leticias
Fenster Aufstellung nahm und eine schöne Weise sang. Er gab nicht auf. Mich schaute er immer sehr böse an und schüttelte entrüstet den Kopf. Dieser Rabauke!
Einmal hörte ich Nuno zu Leticia der Zweiten sagen: „Was willst Du eigentlich mit diesem alten Mann?“
Das traf mich doch sehr, aber als sie ihm antwortete: „Er ist nicht alt“, ging es mir wieder besser.
Oder hatte sie etwa geantwortet: „Er ist nicht zu alt.“
Ich bin mir jetzt nach so vielen Jahren gar nicht mehr so sicher.
Sie hätte natürlich noch etwas wesentlich Netteres sagen können, aber durfte ich mich beschweren? Natürlich nicht.
Aber das Whooling, was er anrichtete, war schon enorm. Zur Erklärung: Die Seefahrer sprechen von Whooling, wenn sie ein
großes Durcheinander meinen.
Brava stand Kopf. Nuno setzte die gesamten Insulaner ein, um Leticia umzustimmen. Er kniete vor ihr nieder und schenkte ihr
Blumen. Er beschenkte auch ihren Vater und ihre Mutter, die Nuno – wie ich leider feststellen musste – sehr gern mochte, mit Blumen, Süßigkeiten und Zigarren, die er von weit her
mitgebracht hatte. Also die Zigarren für Leticias Vater – ist klar, oder?
Schließlich hatte der Heimkehrer es geschafft und Leticia die Zweite stand allein an meiner Seite. Alle anderen waren für eine
Vermählung Leticias mit Nuno.
Nach ungefähr drei Wochen zähen Ringens sah ich mit Bedauern, oder sollte ich lieber Entsetzen sagen, wie ein Lächeln
über Leticias Gesicht ging, als ihr Nuno wieder einmal einen bombastischen Hibiskusblütenstrauß überreicht hatte und sie wieder um ihre Hand bat. Aber noch stand sie zu mir und lehnte
ab. Instinktiv spürte ich, dass es wohl das letzte Mal gewesen war, dass sie sich gegen Nuno entschieden hatte.
Die Stimmung auf der Insel wurde für mich zusehends unangenehmer. Ließ ich mich irgendwo sehen, wurde ich nur
noch scheel betrachtet und hinter meinem Rücken wurde getuschelt. Gut, das ich nicht allzu viel davon verstand, was so über mich gesagt wurde. Ich bemerkte, wie Leticia die Zweite zu
leiden begann. Sie hatte Mitleid mit mir, was mich aber keineswegs freute. Denn eine Beziehung, die auf Mitleid aufgebaut ist, ist keine gute Grundlage für ein gemeinsames Leben.
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Kurz darauf fand an einem Sonntag das große Hibiskusblütenfest auf Brava statt. Der Höhepunkt des Jahres! Die Ortschaften und
die Damen schmückten sich, dass es eine Freude war. Es gab Musik, Tanz und viel zu essen. Auch eine Miss Hibiskusblüte wurde gewählt. Leticia die Zweite durfte leider nicht mehr am
Wettbewerb teilnehmen, da sie die letzten zehn Jahre gewonnen hatte und natürlich dieses Mal auch siegreich gewesen wäre. Aber die Bürgermeister und Räte der Insel fanden, dass es nun
genug war und andere Mädchen/Frauen endlich auch mal eine Chance bekommen sollten. Leticia fand die Idee gut und war gar nicht frustriert. Schade, denn ich hätte sie gerne mit einer Krone
in ihrem herrlichen Haar gesehen.
Am Abend saßen noch hunderte von Bürgern auf dem Festgelände zusammen und aßen und tranken. Der Wein
schmeckte mir vorzüglich. Ja, Kinners, und dann machte ich mich lächerlich. Schmietwech wurde zu einer Witzfigur! Ich saß auf einem Stuhl, betrachtete meine wunderschöne Leticia die Zweite,
beäugte misstrauisch Nuno, der in der Nähe immer wieder zu uns herüberschaute und schlief plötzlich mit einem fast noch vollen Weinglas in der Hand ein. Daraufhin entglitt mir natürlich das
Weinglas, das auf dem Steinboden in viele Scherben zerbrach. Ich schreckte hoch. Zu spät! Alle hatten mein Einschlafen bemerkt. Die ganze Insel lachte über mich.
„Habt ihr den alten Mann gesehen? Großväterchen? Der neben einer schönen Frau sitzend einfach eingeschlafen war? Und
diesen ältlichen, schlappen Mann will Leticia heiraten?“
Mein ganzes Selbstvertrauen war plötzlich dahin. Und als Leticias Mutter auf ihrem und ihrer Tochter Kleid auch noch Weinflecken
entdeckte, schien auch Leticia mit mir böse. Von ihrer Mutter wollen wir erst gar nicht reden. Und Nuno triumphierte. Er lachte besonders laut und strahlte regelrecht. Oh, nein, wie peinlich!
Dieser Tag verfolgte mich noch viele Jahre in meinen Träumen. Das könnt Ihr mir glauben, Leute! Furchtbar.
Am nächsten Tag, als ich nach einem langen Spaziergang und einer Aussprache mit Leticia meine Behausung zerstört vorfand,
war endgültig für mich klar, was ich zu tun hatte. Ich gab auf, verabschiedete mich tränenreich von meiner geliebten Leticia und verließ schwimmend Brava.
Die Nachbarinsel Fogo sollte für ein paar Tage – bis ein Schiff vorbeikam – mein Aufenthaltsort sein. Und ich schwor erst wieder
Frauen anzuschauen, wenn ich daheim in Bremerhaven war. Die letzten Tage waren doch sehr schmerzlich für mich gewesen. Und nicht nur für mich. Die arme Leticia! Ich hatte sie enttäuscht.
Auf Fogo richtete ich mich mehr recht als schlecht ein, denn lange wollte ich ja nicht bleiben. Ein Kreuzfahrtschiff mit lärmenden
Kegelschwestern oder süffelnden Skatbrüdern würde bestimmt bald in der Nähe ankern. Auf Fogo suchte ich keinen Kontakt, denn irgendwie schien ich die Menschen zu polarisieren.
Vielmehr begann ich mir ernsthaft Gedanken über meine Zukunft zu machen. Ich war nun schon so viele Jahre fort von zu Hause. Und es hatte sich in der Zwischenzeit sicherlich einiges geändert.
Und damit meine ich nicht meine wuchernden Augenbrauen oder mein löchriges Deckhaar, Kinners!
Zum 29. Teil!
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