|
Meine Odyssee oder: Schmietwechs sonderbare Abenteuer
30. Teil: Unter Piraten
Aber, wie soll es anders sein? Ich kam dort natürlich nie an. Vielleicht gerade einmal fünf Stunden auf See, wurde das Cateringboot von Piraten
aufgebracht. Jawohl, Piraten. Ich konnte es nicht fassen. Und dann auch noch so dämliche Freibeuter! Denn das Boot mit zwei Mann Besatzung und meiner Wenigkeit war nur mit leerem, dreckigem Geschirr beladen. Eben
die Überreste der Hochzeit.
Ein schon älteres und gar nicht mal so großes Segelschiff – mit einer ziemlich ungelenk gezeichneten Totenkopfflagge, aber, wie ich
zugeben muss, konnte man den Totenkopf nach längerer Betrachtungszeit durchaus erkennen – hatte uns gekapert. Dann sahen wir den Kapitän. Er sprach faszinierenderweise deutsch, war
aber der miesen Prise wegen nicht gerade gutgelaunt.
„Dann verhökern wir das Boot und verkaufen die drei Mackers an Menschenhändler oder lassen sie an Bord arbeiten“, schrie der
gepflegte und prachtvoll ausstaffierte Piratenkapitän entrüstet seinen enttäuschten Männern zu.
Was mir an ihm sogleich auffiel – neben seinem ziemlich jungen Äußeren – waren seine fast weißblonden Haare und dieser auffallend
knallrote Vollbart. Irgendwie passte das nicht zusammen.
Der Piratenkapitän hieß Möbius Blasdahl und stammte aus der Mittleren Niedereifel. Sein Vater – einst ein gefeierter Varietekünstler
– hatte zuletzt als einfacher Köhler seinen und seiner Familie Lebensunterhalt verdient. Seine Mutter, Tochter eines Postsekretärs, die noch den jonglierenden Künstler zugejubelt hatte und nun die
harte Arbeit im Walde miterleben musste, war ihrem Manne bis zu seinem Lebensende gram, dass er sie aus der Welt der B-Promis in die Welt der armen Schlucker versetzt hatte. Aber Jean-Claude
Blasdahl, genannt Klausi, hatte sich nur seiner zitternden Hand gebeugt, die einfach nicht mehr auf der Bühne zu gebrauchen war, um Kegel oder Teller unfallfrei wieder aufzufangen.
Möbius’ Mutter hatte so große Angst, dass ihr Sohn auch mal als Köhler enden könnte und redete unentwegt auf ihn ein und sprach
Worte, wie diese: „Du wirst bald ein großer, berühmter Mann mit Macht, Ansehen und Geld sein.“
Den Zusatz „und schöne Frauen werden zu deinen Füßen liegen“ ließ sie als eifersüchtige Mutter natürlich aus.
 |
Aber so baute sie sein Selbstbewusstsein unendlich auf, bis Möbius selbst daran zu glauben begann. Nur fehlte es noch an der
Umsetzung. Und beruflich hatte er einfach keinen Erfolg. Er schleimte bei seinen Vorgesetzten und machte sich bei seinen Untergebenen unbeliebt, begann immer wieder neue Berufe auszuprobieren und
landete schließlich bei einer Schauspieltruppe, wo er immerhin das Fechten erlernte. Und als die Truppe sich – gerade in Italien befindend – wegen mangelnden Erfolges auflöste, stand der ziemlich
talentlose Möbius Blasdahl ohne Perspektive auf der Straße. Er lebte daraufhin in einer billigen Herberge und hörte eines Abends eine Geschichte über Cheireddin Barbarossa, der um 1500 herum ein
berühmter und berüchtigter Piratenkapitän auf dem Mittelmeer gewesen war. Irgendwie faszinierte ihn diese Figur aus längst vergangenen Tagen, und warum, fragte er sich, sollte so etwas wie
damals nicht auch noch heute möglich sein. Kurz darauf – Möbius sah sich schon als neuer Cheireddin, vor dem das ganze südliche Europa und Nordafrika zittern sollte – gewann er, was für ein Zufall, beim
Glücksspiel einen alten Segler, der „Omis Liebling“ hieß. Flugs ließ er das Schiff in „Tod und Teufel“ umbenennen und rekrutierte aus den Herbergen, wo Mittellose und sogenannte Verlierer lebten, eine
Besatzung. Unter ihnen befand sich auch genügend Fachpersonal, dass er dringend benötigte, da er selbst über keinerlei nautische Erfahrungen verfügte. Als Piratenkapitän nahm Möbius Blasdahl den
Namen Cheireddin Barbarossa II. an und färbte sich dem Namen entsprechend seinen Bart rot.
Als Gefangener durfte ich – wie großzügig – die Kajüte Blasdahls in Ordnung halten. Eine ziemlich einfache Arbeit, die ich zur
Zufriedenheit des Piraten, der sich bis dahin noch keinen großen Namen als Schrecken der Weltmeere bzw. auch nur des Mittelmeeres gemacht hatte, erledigte. Als ich eines Tages sah, wie
er sich die Augenbrauen zupfte, konnte ich nur grinsen und betrachtete meine einzigartigen Augenbrauenzöpfchen bewundernd im Spiegel, den ich immer bei mir trug.
„Möbius, du altes Weichei“, dachte ich kopfschüttelnd.
Und seine Augenbrauen waren schon fast gänzlich verschwunden. Ich hatte auf Bildern immer nur Piratenkapitäne mit buschigen
Augenbrauen gesehen. Cheireddin Barbarossa II. benutzte schon einen Augenbrauenstift, um wenigstens noch den Anschein von Brauen zu wahren.
Es gab damals im Mittelmeer andere Piraten, die Möbius und seine Mannen schnell und ohne allzu große Mühe aus dem Gewässer
vertrieben. Möbius’ nicht mehr ganz junge Besatzung hatte einfach nicht den Biss erfolgreiche Freibeuter zu sein. Und wenn man von blutrünstigen Seeräubern sprach, so konnte man die Männer von
Cheireddin Barbarossa II. nicht dazurechnen. So segelte also die „Tod und Teufel“ mehr recht als schlecht im Atlantik zwischen den Azoren und der nordwestafrikanischen Küste herum und konnte doch
ab und an mal einen kleinen Erfolg feiern. Siehe unser kleines Cateringboot.
So blieb ich mehr als 6 Monate an Bord der „Tod und Teufel“ als Helfer eines Seeräubers, besser gesagt: eines erfolglosen
Seeräubers. Denn unsere Kaperfahrten endeten fast immer in einen Desaster. Wie oft wurde ein Schiff vom Ausguck ausgemacht und wir Piraten nahmen dann sofort Kurs auf den Segler, die mögliche fette
Prise immer im Auge. Aber meistens mussten wir beidrehen, weil der Gegner größer und besser bewaffnet war wie wir. Dann waren wir die Gejagten, nahmen die Totenkopfflagge schnell herunter und
verkrochen uns irgendwo in einer abgelegenen Bucht und warteten auf ein schwächeres Schiff, dessen es aber nicht sehr viele gab, bei denen es sich lohnte sein Leben zu riskieren. Bis auf 3 Cateringboote
brachten wir keine anderen Schiffe auf. Immerhin war das eine Boot mit Lebensmitteln voll beladen gewesen, sodass die Besatzung mit ihrem mürrischen Kapitän und Nichtnautiker Cheireddin Barbarossa
II. zu Mindest genug zu essen hatte.
Ich belauschte eines Morgens ein Gespräch zwischen Möbius Blasdahl und dem Zahlmeister, der praktisch als Geschäftsführer an Bord
fungierte, Gianpietro Schmidt, der intensiv auf seinen Kapitän einredete: „Die Betriebskosten sind einfach zu hoch! Wir verdienen nicht genug, Käpt’n.“
„Vielleicht müssen wir logistisch neue Wege gehen“, sinnierte Möbius nachdenklich.
„Hören wir mit der Seeräuberei auf, Käpt’n“, sagte der Zahlmeister.
„Ich hatte den Traum Cheireddin Barbarossa wieder auferstehen zu lassen, Gianpietro, und nicht ein Schiff zu befehligen, was
beispielsweise Hundefutter von Marokko ins Baltikum transportiert!“
Da horchte ich auf. Möbius sprach vom Baltikum! Und was lag geographisch zwischen Marokko und dem Baltikum? Bremerhaven. Jawohl, die Heimat.
Aber Blasdahl dachte trotz aller Misserfolge nicht daran die Seeräuberei aufzugeben. So versuchten wir es weiter und brachten
einige Tage später tatsächlich einen alten Segler auf, der noch kleiner und noch schlechter bewaffnet war, wie unsere „Tod und Teufel“. Und was war es? Ein Missionsschiff! Die „Neuer Stern von
Bethlehem“ befand sich auf einen kleinen Betriebsausflug, wie der Leiter der Seemannsmission Bützfleth, der auch als Kapitän fungierte, Pfarrer Willi von Schluri freundlich lächelnd uns Piraten
mitteilte. Habe ich eben schon wieder „uns Piraten“ gesagt? Leute, so kann ich mich mit meiner jeweiligen Tätigkeit identifizieren. Faszinierend, nicht wahr? Die Besatzung der „Neuer Stern von
Bethlehem“ hatte sich widerstandslos ergeben, als unsere „Tod und Teufel“ sich anschickte längsseits zu gehen. Blasdahl schickte eine Hand voll Männer auf das aufgebrachte Schiff, das uns folgen sollte,
bis es lukrativ verkauft werden konnte. Pfarrer Willi von Schluri und seine 8 Mann starke Besatzung waren nun Gefangene von Möbius Blasdahl, mussten aber – wie ich – auf dem Piratenschiff arbeiten.
Einer der neuen Gefangenen hieß Jasmund Vögele und entstammte einer alten Seefahrerfamilie aus dem Stader Oberland. Jasmund war ein großer, kräftiger und herzensguter Mensch, ungefähr 40 Jahre alt
und ledig. Er war praktisch die rechte Hand des Pfarrers und hielt ihn bei der Seemannsmission in Bützfleth in allen Bereichen den Rücken frei, denn von Schluri war auch noch entsetzlich unordentlich, und so
musste Jasmund immer dem Pfarrer alles hinterher räumen. Natürlich war es auf der „Neuer Stern von Bethlehem“ nicht anders gewesen. Aber hier auf der „Tod und Teufel“ war Willi von Schluri auch nur ein
einfacher Gefangener eines rotbärtigen Freibeuters.
Kinners, kennt ihr den Ausdruck: Schluri? Ja, genau, die Unordentlichkeit des Pfarrers war legendär und so setzte sich sein
Name als Synonym für Unordentlichkeit in der deutschen Sprache zumindest in Norddeutschland fest.
In Tanger wurde die „Neuer Stern von Bethlehem“ verkauft, und Blasdahl und die Mannschaft bekamen endlich richtiges Geld in die
Finger, aber dort blieb es nicht allzu lang. Schließlich gab es in Tanger eine Menge Möglichkeiten sein Geld auszugeben. Die anderen Gefangenen und ich gingen natürlich leer aus, aber wir
konnten uns nicht beschweren, denn wir hatten feste Fingernägel und eine gesunde Kopfhaut. Ach, was bin ich jetzt wieder ironisch. Was hatte man als Gefangener denn sonst?
Von Tanger segelten wir bald zurück aufs offene Meer, bevor Piratenjäger uns vielleicht noch im Hafen der Stadt entdecken konnten.
Wie ich schon erzählte, war Cheireddin Barbarossa II. ein sehr eitler Mensch, der sich sehr pflegte und oft vor einem großen Spiegel stand
und sich bewunderte. Und fast täglich färbte er seinen Bart nach und zupfte an seinen Augenbrauen herum. Und dabei beobachtete ihn eines Tages Pfarrer Willi von Schluri, der entsetzt dem Treiben des
Freibeuters ein Ende bereiten wollte, neben ihn trat und sprach: „Mein Sohn, du versündigst dich. Deine Augenbrauen wurden Dir vom Herrn gegeben, damit sie wachsen und gedeihen mögen. Und was machst
Du? Du entfernst sie! Das ist nicht gut, mein Sohn. Nicht gut!“
Möbius Blasdahl war sprachlos.
„Lasset uns beten, mein Sohn“, sagte von Schluri und kniete nieder.
„An Bord der „Tod und Teufel“ wird nicht gebetet, Gefangener“, schimpfte Blasdahl entsetzt, „verlassen Sie sofort meine Kajüte!“
Willi von Schluri gehorchte nicht, sondern sprach das Vaterunser.
Cheireddin Barbarossa II. wollte gerade zur Waffe greifen, als ihm von Schluris wunderschönes, wallendes Haar ins Auge stach.
„Pfaffe, du hast aber besonders schönes Haar“, und er fuhr mit seinen Händen durch die üppige Frisur des Leiters der Seemannsmission Bützfleth.
„Wollen wir nicht mal zusammen unsere Haare waschen“, fragte Möbius plötzlich ganz sanft, „oder uns gegenseitig die Fingernägel maniküren?“
„Vielleicht“, antwortete Willi von Schluri plötzlich sehr ängstlich, der ansonsten ein durchaus mutiger Mann war und rannte so schnell er
konnte hinaus.
Noch in der Nacht verließ Willi von Schluri voller Angst die „Tod und Teufel“. Begleitet wurde er natürlich von Jasmund Vögele und von mir.
Ich konnte doch die beiden unerfahrenen Männer nicht allein in der Weltgeschichte herumstolpern lassen. Wir nutzten die nächtliche Nähe des Schiffes zur marokkanischen Küste und sprangen in den
Atlantik. Von Schluri und Jasmund waren keine großen Schwimmer, aber mir tat das Bad im Meer richtig gut. Nach zwei Stunden des rüstigen Schwimmens betraten wir – ich natürlich federnd, die
anderen beiden keuchend und kriechend – die nordwestafrikanische Küste und waren endlich wieder frei.
Zum 31. Teil!
(vor) (zurück)
(Odyssee) (Startseite)
|