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Meine Odyssee:
17. Teil: Stephanie und die Zahlen
Der Tag der Abreise rückte näher, und T. Beutel und ich wurden immer unruhiger. Aber nicht vor freudiger Erwartung, sondern weil wir auf St. Helena ziemlich
glücklich waren. Tobbie Sattelstrecker, Frank Obolus, Theseus und ich waren richtig dicke Freunde geworden, die sich nur ungern trennten. Und als auch noch eine Frau zwischen Theseus und mich trat, ließen wir das
Postschiff ohne uns fahren und blieben.
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Sie hieß Stephanie Drüsenkämper und stammte aus Langendammsmoor. Ihr Vater Arnold sang damals – obwohl
vollkommen untalentiert – frivole Lieder im Gasthof „Zur feisten Braut“ in Langendammsmoor, der Metropole zwischen Bremen und Bremerhaven. Er sorgte besonders bei der ländlichen Bevölkerung
für große Furore. Und bald stand er im Bekanntheitsgrad dem Pastor, dem Schulmeister und dem Bürgermeister in nichts nach. Ihre Mutter Juditta litt darunter, nicht so sehr wegen des Erfolges, sondern
der frivolen Lieder wegen, denn sie war die Tochter des Stubbener Pastoren Fritz Gerd Rülpsenberg, der ein berüchtigter Redner war und im Ruf stand ein Heiliger zu sein. Unter diesen Bedingungen
wuchs Stephanie Drüsenkämper also auf. Als der Kult um ihren Vater dem Höhepunkt zusteuerte – man sah es an den jungen Frauen, die vor dem Hause der Drüsenkämpers flanierten und darum bettelten
einen Augenblick mit ihrem Idol sprechen zu können oder nach Autogrammen hechelten – heiratete Stephanie, um ihren Elternhaus zu entfliehen, überstürzt den Dorfkrämer und Hobby-Sargschnitzer
Friedrich Heisskocher. Recht glücklich wurde sie mit ihrem Friedrich nicht, der ein unheimlicher Pedant war. Ein richtiger Erbsenzähler, obwohl das eine ihrer Aufgaben im Geschäft ihres Mannes war.
Schließlich scheiterte ihre Beziehung eben an diesen Erbsen. Ihre Ehe blieb übrigens kinderlos. Jeden Samstagabend musste sie ihrem Mann die genaue Stückzahl der noch verkaufbaren Erbsen
aufgeben. Glücklicherweise stand im Laden immer nur ein Sack voller Erbsen, aber trotzdem war das Zählen eine furchtbare Aufgabe. Während sie zählte, schnitzte Friedrich Heisskocher kunstvoll an einem Sarg herum.
„Der ist für mich. Das Du ihn nicht verkaufst, sollte ich vor dir sterben“, sagte er fast täglich.
Aber an diesem Abend war sie irgendwie unkonzentriert und musste immer wieder von vorne anfangen zu zählen. Er lag schon im Bett, als
sie endlich fertig war, und schnarchte. Als sie sich niederlegen wollte, fand sie auf ihrem Kopfkissen einen Zettel vor.
Dort stand: „Letzter Erbsenbestand: 1 712 351 Stück – in dieser Woche verkauft: 309 779 – aussortiert: 15 = Soll: 1 402 557 Stück.“
Leider hatte Stephanie Drüsenkämper-Heisskocher ein Ergebnis von 1 401 901 erzählt und in das Geschäftsbuch eingetragen. Voller
Verzweiflung – nur mit ihrem Nachthemd bekleidet – machte sie sich wieder ans Werk und begann zu zählen. Als ihr Mann aufstand, zählte sie noch immer. Nun kam sie auf 1 402 112.
„So geht das nicht, Frau“, sagte er und schaute sie böse an.
„Ich kann nicht mehr, Friedrich!“
„Im Geschäftsleben muss man verlässlich sein, Frau“, entgegnete er unwillig.
Sie war so müde, dass sie nichts mehr entgegnete.
„So geht das nicht, Frau“, sagte er wieder.
„Und wo ist das Frühstück? Wir müssen gleich zur Kirche“, fuhr er fort.
Als er aß, packte sie schnell ihren Koffer und verließ ihren Friedrich und Langendammsmoor für alle Zeiten.
Eines Tages strandete Stephanie Drüsenkämper auf St. Helena, wo mir sogleich ihre vorsichtige Art auffiel. Außerdem war sie noch
relativ jung und ausnehmend hübsch. Jawohl, das war sie.
Auf St. Helena gab es eine Fabrik, die Rosenkränze herstellte. Und dort hatte Stephanie Drüsenkämper Arbeit gefunden. Und wenn Ihr
es nicht wisst: Ein Rosenkranz ist eine Perlenschnur, die als Zählkette für das vielgliedrige Rosenkranzgebet dient. In der Fabrik musste sie die Anzahl der Perlen auf den Schnüren kontrollieren.
Also wieder zählen. Sie kam einfach nicht davon los. Arme Stephanie!
Als Ausgleich war sie Mitglied im Verein „Deutsche Eiche“ geworden, dem Sammelbecken aller deutschen Einwanderer auf St.
Helena. Sie kümmerte sich dort hauptsächlich um die Neuankömmlinge. Und so lernten T. und ich sie kennen. Sie bot allen Einwanderern bzw. den Schiffbrüchigen psychologische Betreuung
an, die sie eigentlich viel nötiger gehabt hätte als wir. Denn sie zählte unentwegt. Sie zählte die Bäume an einer Straße, die Knöpfe an der Jacke, die Flaschen im Schaufenster des Spirituosenhändlers und
die Blumen im Garten von Obolus. Und als ich sie eines Abends küsste – Theseus machte Überstunden, hätte sie fast auch meine Zähne gezählt, aber als sie gerade damit anfing, gab ich ihr einen
kleinen Klaps auf den Po und lenkte sie damit ab. Denn so etwas mochte sie gar nicht. Es war wirklich schlimm mit ihr. Sie beschwerte sich sogar noch bei mir, dass sie nun nicht wüsste, wie viel Zähne ich besaß.
„Theseus hat übrigens einunddreissig!“
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Und damit hatte sie mich tief getroffen. Nein, nicht das ich eventuell weniger Zähne besaß, Kinners, sondern nun wusste ich auch, dass
sie meinen besten Freund ebenfalls geküsst hatte. Und das auch noch vor mir. Ich war maßlos enttäuscht und gab ihr vollkommen frustriert noch einen Klaps auf den Po, der übrigens sehr hübsch
anzusehen war. Nun war sie auch entrüstet und wir sahen uns fast eine ganze Woche nicht. Nachdem sie sich wieder beruhigt hatte, traf sie sich mit mir. Bereitwillig öffnete ich nun auch meinen Mund und
sie zählte meine Zähne. Und es waren sogar nur neunundzwanzig. Peinlich. Na ja, mir fehlten eben Weisheitszähne. Und man sieht es, auch ohne Weisheit kann man weit kommen – und sei es nur bis St.
Helena. Wir küssten uns sehr innig. Es war richtig schön, bis sie anfing die Haare auf meinem Kopf zu zählen. Es war furchtbar, denn schon damals hatte ich Haarprobleme. Mancher Mann fühlt sich
einfach nicht wohl, wenn sich der Scheitel zusehends lichtet. Auch ich bin sensibel! Jawohl! Und wie! Warum sind Frauen manchmal so unsensibel?
Und als sie dabei noch murmelte: „Viel ist das aber nicht ….“, war ich nicht mehr zu halten.
In einer Partnerschaft, die ich mit Stephanie damals durchaus anstrebte, kann es – so habe ich es von Freunden gehört, selbst
blieb mir dieses erspart – auch mal so zugehen:
„Bin ich zu dick?“ fragt sie. Leicht zögernd eine halbe Sekunde zu spät die Antwort: „Nein.“
„Siehst Du. Du sagst es auch. Ich bin dick.“ „Nein, bist Du nicht.“
„Hast Du aber gesagt!“ „Nein, stimmt nicht. Du bist nicht dick!“
„Aber es hat so geklungen. Ach, was bin ich unglücklich.“ „Du bist genau richtig so.“
„Also, Du magst dicke Frauen!“ „Nein, das habe ich nicht gesagt!“
„Du meinst es aber so.“ „Stimmt nicht! Du bist nicht dick.“
„Doch!“ „Nein!“ „Du willst mich nur beruhigen. Du weißt genau, dass ich dick bin.“ „Bist Du nicht!“
„Doch.“ „Nein!“ „Ich bin so unglücklich.“ „Du hast eine tolle Figur.“ „Ach, das sagst Du nur so.“ „Nein.“ „Also ich bin dick!“ „Nein, bist Du wirklich nicht. Glaub’ es mir.“
„Aber die anderen glauben es.“ „Welche anderen?“
„Unsere Bekannten, Nachbarn, alle. Alle sehen, dass ich dick bin.“ „Du bist nicht dick!“ „Doch.“ „Nein!“
Und so kann eine Unterhaltung mit einer Frau noch stundenlang weitergehen, Kinners.
Wenigstens wurde mir so berichtet. Und warum soll ein Mann nicht auch – was sein Äußeres betrifft – sensibel, vielleicht sogar übersensibel reagieren?
Ich ließ sie einfach stehen, packte meine Sachen, ließ mir meinen Lohn auszahlen, kaufte ein geräumiges Floß und Lebensmittel und
verließ noch am selben Abend St. Helena, Stephanie, Theseus Beutel und meine anderen Freunde. Es war eine schöne Zeit auf St. Helena gewesen, aber meine empfindliche Seele konnte diese
Beleidigung – so empfand ich es damals – nicht verkraften. Ich sagte mir, lieber allein auf dem Meer, als auf der Insel als Haarloser verspottet zu werden. Ich war damals eben ein richtiges
Sensibelchen, Leute.
Übrigens traf ich Theseus Beutel mehr als zwanzig Jahre später in Bremerhaven wieder. Die Sympathie war noch vorhanden, und wir
nahmen unsere alte Freundschaft wieder auf, so, als wären wir noch immer auf St. Helena. Stephanie Drüsenkämper hatte – wie mir T. erzählte – kurz nach meiner Abreise ebenfalls die Insel verlassen und
war nach Kapstadt ausgewandert, wo sie die erste afrikanische Tallyfirma (Zählen, Messen, Wiegen) im dortigen Hafen gründete.
Zum achtzehnten Teil!
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