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Meine Odyssee:
14. Teil: Siegfried und Theseus
Ich hatte Mühe mich zwischen den Robben am Strand und meiner Bootswerft – wenn ich es einmal so nennen darf – zu bewegen. Es
waren eine Menge Freunde, die Marlene gerufen hatte. Sie schien wirklich sehr eifersüchtig zu sein. Marlene und ich passten doch gar nicht zusammen, aber sie sah es
wohl anders. Trotz allem arbeitete ich, so gut es ging, an meinem Floß weiter, und Marlene beäugte mich dabei aufmerksam. Auch brachte sie mir immer noch Fische, die ich
widerwillig, aber respektvoll aß. Eine Woche später war mein Floß fast fertig, und ich hätte es ins Meer schieben können, aber leider war der Weg versperrt. Wie sollte ich das Floß durch die
massigen Körper hindurch ins Wasser bekommen? Selbst ein kleines Feuer trieb sie bald nicht mehr weit genug fort. Ich musste auf den richtigen Augenblick warten. Aber dieser wollte
einfach nicht kommen, bis Siegfried, so nannte ich ihn sogleich, die Bühne betrat. Siegfried war eine gewaltige männliche Klappmütze mit einer riesigen Nase, die er wie einen großen
Ballon aufblasen konnte. Richtig imposant wirkte er. Er übernahm sofort das Kommando am Strand und beeindruckte die gute Marlene – was mich sehr freute – maßlos. Marlene
vergaß mich mehr und mehr und schenkte bald ihre ganze Aufmerksamkeit dem gewaltigen, imposanten Siegfried, der sich intensiv um sie bemühte. So vergingen die nächsten drei
Wochen. Dann war es endlich soweit. Marlene kam zu mir – aufmerksam von Siegfried beobachtet – und schaute mich lange an. Sie wollte sich von mir verabschieden. Ich spürte es
instinktiv. Nein, sie hat mir zum Abschied nicht die Flosse gereicht, aber sie stupste mit ihrer Nase gegen mein Knie – ich glaube, es war das linke, aber das wird Euch wohl nicht so sehr
interessieren – und robbte langsam davon.
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„Tschüß, Marlene,“ rief ich ihr hinterher, und sie drehte sich noch einmal um und schaute mich so wie früher an.
Mir wurde ganz wehmütig ums Herz, denn wir beide hatten auf der Sahneinsel doch einige sehr schöne Tage miteinander verlebt.
„Tschüß, Marlene,“ sagte ich noch einmal und hob zum Abschied die Hand.
Marlene und ich schauten uns wohl zu lange an, denn der gewaltige Siegfried schob sich zwischen uns und drängte sie in
Richtung Strand ab. Ich sah noch, wie er und Marlene ins Meer robbten. Gleich darauf folgten ihnen auch die anderen Seehunde, Klappmützen und sonstigen Robbenarten.
Plötzlich war ich auf der Insel ganz allein. Der ewige Schiffbrüchige! Kein Mitleid bitte! Die Traurigkeit Marlene
verloren zu haben, verließ mich in den folgenden Tagen einfach nicht, aber ich begann wieder fleißig an meinem Floß zu arbeiten.
Zwei Tage später war mein Floß fertig, und ich schob es rüstig in die kleine seichte Bucht und befestigte es an einer in der
Nähe stehenden Palme. Dann trug ich Proviant – soviel nur ging – und andere nützliche Dinge zu meiner schwimmenden Hoffnung. Das Paddel nahm ich als letztes zur Hand und
verabschiedete mich von meiner wunderschönen Sahneinsel. Ich setzte mein winziges Segel, was aus Palmenblättern bestand, und stach in See. Mein Ziel war Fernando Poo, wo
sicherlich schnell ein Schiff in Richtung Heimat zu finden sein würde, und ich vielleicht auch etwas über die „Oktopussia“ und meine Freunde erfahren konnte. Das Wetter war wieder einmal
wunderschön und ich voller Zuversicht.
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Zwei Tage verbrachte ich fröhlich auf meinem Floß, als plötzlich das Wetter umschlug. Es wurde richtig ungemütlich. Ein
gewaltiger Sturm umpeitschte mich, und ich versuchte mich krampfhaft an meinem Floß festzuklammern. Aber die Naturgewalten waren stärker als ich, und ich wurde wieder
einmal ins Meer geworfen. Riesige Wellenberge verschlangen mich und spieen mich auch wieder aus. Ich hatte schwer zu kämpfen, aber schließlich ließ der Sturm, so schnell wie er über
mich gekommen war, auch wieder nach. Es war wie ein irrwitziger Spuk gewesen, mit dem Ergebnis, dass ich schon wieder allein im Meer schwamm. Es war nur ein kurzer Ausflug
mit dem Floß gewesen, und leider war die gute Marlene nicht an meiner Seite. Ich musste auf die Nacht warten, um anhand der Sternenkonstellationen die rechte Richtung einschlagen zu
können. Aber da ich mich ja über Wasser halten musste, begann ich verhalten einfach nur zu schwimmen, in der Hoffnung nicht in Richtung offenes Meer hinaus zu gelangen. Ich hätte auch auf
den Rücken liegen können, aber einen Sonnenbrand auf meinem Bauch wollte ich um jeden Preis vermeiden.
„Auch auf den Weg nach Fernando Poo,“ sprach mich plötzlich mitten im Meer eine männliche Stimme an.
Ich erschrak und sagte nur: „Ja.“
„Schön, dann können wir ja zusammen schwimmen.“
Und dann schwamm er neben mir.
„Tach,“ sagte er, „ich heiße Theseus Beutel und mache hier gerade Urlaub.“
„Angenehm,“ antwortete ich noch immer sehr überrascht, „Jan Schmietwech. Wie weit ist es noch bis Fernando Poo, Theseus?“
„Ich schätze vier bis fünf Tage, Jan,“ sagte er lächelnd, „und bitte nenn’ mich nicht Theseus. Ich hasse den Namen. Sag` einfach T. zu mir.“
„Das packen wir, T.,“ meinte ich angeberisch.
„Klar.”
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Und so legte ich mich kräftig ins Zeug, denn T. Beutel schien ziemlich fit zu sein, und eine Blöße wollte ich mir nicht geben.
Glücklicherweise blieb die See sehr ruhig, und als wir die ersten Seevögel am Himmel sahen, wussten wir, Fernando Poo war nicht mehr weit. Wir unterhielten uns pausenlos. T. Beutel und ich
ähnelten uns sehr. Wir waren fast auf der gleichen Wellenlänge, und außerdem stammte T. auch noch aus Bremerhaven. Was für ein Zufall! Er kannte viele Leute, die ich auch kannte. T. Beutel
war als Sohn des Kirchenmusikus und Gründers des „Vereins für die Unterstützung lebensmüder Legehennen e.V.“ und einer gewissen Agnetha Fatelskog, einer gebürtigen Schwedin
persisch-finnischer Herkunft mitten im blühenden Bremerhavener Stadtteil Wulsdorf geboren worden. Er war ein stets siegender Selfmademan, der es verstand, unentwegt seine
Umwelt und besonders fast allen Frauen zu imponieren. Als seine größte Lebensleistung musste zur Zeit unserer Begegnung, die als Bananenbiegen bekannte Art der
pfleglichen Behandlung von Bananen betrachtet werden, die er entscheidend mitgestaltete und zur Blüte brachte.
Als die Nacht hereinbrach, schwammen wir rüstig, und uns unterhaltend und nicht auf die Sterne achtend, immer weiter.
Keiner wollte dem anderen eine Schwäche zeigen – so sind Männer meistens – und gerieten irgendwie in eine starke Strömung. Und als die Sonne wieder herrlich aufging, waren
keine Seevögel mehr am Himmel zu sehen. Aber T. Beutel und ich taten, als würde uns diese Erkenntnis nicht weiter beeindrucken. Unbeirrt schwammen wir weiter und steigerten
sogar noch unser Tempo. Wir unterhielten uns nicht über Fernando Poo oder unsere schmerzenden Arme, sondern über Friedrich Hasselhenker, den Kohlenhändler aus der
Dümpelstraße, der ständig ausgesehen hätte, als würde er aus Schwarzafrika stammen, und über Fatima Schultze-Stäuble, genannt „die Nadel“, die damals die erste
Änderungsschneiderei in Bremerhaven eröffnet hatte, und nicht nur deswegen die Nadel gerufen wurde, sondern auch weil sie so furchtbar dünn war, dass Spötter meinten, sie würde durch ein Nadelöhr passen.
Wir waren so in unsere Gespräche vertieft, dass wir Zeit und Raum vergaßen. Mir fehlten ein paar Jahre, die T. Beutel mir mit vielen Anekdoten
nun näher brachte. Da gab es die Lehrerin Mia Mautzenheim, die einen gewissen Heinerich von Spülacker geehelicht hatte, der aber noch mit der in Hannoversch Münden lebenden ehemaligen Pastorin Hedwig
Fürchtetdenherrn verheiratet und Vater zweier Kinder war, die Helmuth und Helmutha hießen. T. Beutel erzählte von Kapitän Valerian Siegmusterson, der eines Tages von einer
Antarktis-Reise zwei Pinguine mitgebracht hatte, und sie nach unserem amtierenden Bürgermeister Hippo Eichhorn und seiner Frau Rhina, auch bekannt als das Rhinozeros, die nicht nur
äußerlich, sondern auch von ihrer Durchsetzungskraft diesem Tier sehr ähnlich war, benannt hatte. Der Kapitän nahm die Pinguine zu jeder Feier mit, und hatte eine große Freude daran,
die beiden dort mit Frischfisch zu füttern, was beispielsweise bei einem Klavierkonzert natürlich nicht sonderlich gut ankam. Aber das scherte – wie wir in Bremerhaven sagen – ihn wenig.
Drei Wochen schwammen wir so dahin, und noch waren uns die Gesprächsthemen nicht ausgegangen, als wir wieder Seevögel
am Himmel beobachten konnten. Irgendwie waren wir nun doch erleichtert Land in unserer Nähe zu wissen. Zwei Tage später betraten wir federnd und voller Elan eine Insel. Und es war nicht Fernando Poo!
Zum fünfzehnten Teil!
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