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Meine Odyssee
1. Teil: Shanghait
Kinners, heute geht es nicht um die chinesische Stadt Shanghai, sondern eigentlich um eine Jugendsünde meinerseits. Als junger Mensch
– ich gebe es ungern zu – habe ich ab und an auch mal dem Alkohol zugesprochen.
Und eines Tages – es muß schon am Vormittag gewesen sein – saß ich volltrunken und unfähig mich zu wehren, an einem alten
Haus gelehnt, in der Nähe der letzten von mir besuchten Kneipe, als ich von einem Presskommando shanghait wurde. Was ist das denn schon wieder für ein Kram, fragt Ihr? Shanghaien bedeutet
Männer zur Arbeit pressen, also mit Gewalt verschleppen und zu Zwangsarbeit auf einem fremden Schiff verpflichten. So kamen nicht nur richtige Seeleute zu einem neuen ungewollten Job, sondern auch Berufsfremde.
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Es war der 22. Mai 1702 als ich mich – nun wieder nüchtern – an Bord der “Schönen Kathrein” wiederfand. Das Schiff befand sich
auf dem Weg nach Australien. Sie war ein kleiner Frachtensegler unter dem Kommando eines gewissen Hector Finglis, der aus Regensburg im wilden Kurdistan stammte, ein überaus harter
Kapitän, obwohl er nur von kleiner Statur und ein Fan der damals populären ältlichen Damenkapelle “Liebesperlen” war, die sämtliche Hitparaden beherrschte, und das mit faszinierenden
Titeln wie: Graue Nacht über Reykjavik, Dackel Frederick oder Rote Sonne, schwarzer Wein und Du.
Warum heißt es eigentlich “shanghaien”, unterbricht mich jemand? Natürlich weil in Shanghai das erste Presskommando
weltweit im Einsatz war. Und das erste Opfer kannte ich sehr gut – natürlich Schmietwech wieder, der Spinner! Ich höre es wohl. Es war der Hilfskaplan Hellmut Maria Dummenbüttel aus
Hengstenscherz in Unterfranken, der als Missionar in China aktiv gewesen war, als er auf die “Mondlicht von Mombasa” verschleppt wurde, und fünf Jahre seines noch jungen Lebens an
Bord des Schiffes mit dem Heimathafen Wiener Neustadt schwer arbeiten mußte. Aber er – wie auch ich – überlebte diese Strapazen, und man kann durchaus sagen, es war eine Schule
des Lebens, Kinners, das könnt Ihr mir wirklich glauben! Dummenbüttel lernte ich einige Jahre später kennen, als er als Seelsorger für die Seeleute in Bremerhaven arbeitete und eine
Armenküche ins Leben rief, wo ich manchmal aß. Dick Geld mit Pferdeäpfeln gemacht, aber da den armen Mann mimen, was? Nein, Kinners, das stimmt so nicht! Ich habe den Armen wirklich
nichts weggegessen. Wer buht jetzt, was? Der einzige Grund, warum ich zur Armenküche ging, war eine Frau, so jetzt wißt Ihr´s! Vielleicht eine von der Heilsarmee? Na und, und wenn es so
wäre? Jetzt Schluß damit. Keine Spekulationen, bitte. Nein, ich sage weiter nichts mehr dazu. Basta.
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Es war ein sehr hartes Leben an Bord der “Schönen Kathrein”, denn als shanghaiter Matrose wurde man fast wie ein Sklave
behandelt. Man arbeitete praktisch Tag und Nacht, denn Kapitän Hector Finglis war ein äußerst geschäftstüchtiger Schiffsführer, der beim Personal kräftig gespart hatte, um seinen Gewinn, den
diese Reise einbringen sollte, massiv zu steigern. Ich war nicht der einzige shanghaite Seemann an Bord. Neben mir waren noch der Grundschullehrer Jasmund Bockmöller aus Puddinghausen,
der Zollsekretär Karl Martell Dungmast aus Cuxhaven oder war es Nordenham (?) und der Hamburger Koch Lukull von Bickmeck auf der “Schönen Kathrein”. Mit ihnen freundete ich mich bald an, und
somit wurde die lange Reise nach Australien ein wenig erträglicher, obwohl ich mit dem Zollsekretär Dungmast doch sehr viel Mühe hatte, denn er hatte die Angewohnheit beim
Segelsetzen die Wanten nicht wieder herunterklettern zu können. Er hing dann dort voller Angst und weigerte sich noch einen Fuß vor den anderen zu setzen. So mußte ich mich jedesmal opfern
um meinen Leidensgenossen zu retten, denn ich war der einzige der Shanghaiten, der schon Berufserfahrung als Seemann hatte. Die regulären Matrosen sahen nur zu und amüsierten sich
prächtig und machten üble Scherze, besonders wenn Dungmast sich vehement gegen seine Rettung wehrte. Stop! Was sind Wanten? Und jetzt wieder der Oberlehrer: Wanten sind Taue zum
seitlichen Stützen des Mastes, bei Segelschiffen durch eingebundene Webeleinen zu Strickleitern zusammengefaßt. So, jetzt wißt Ihr´s!
Als wir in einen starken Orkan vor Borneo gerieten – ich war nun ungefähr ein halbes Jahr an Bord – nutzte ich das Durcheinander
auf der “Schönen Kathrein” und sprang einem Beiboot hinterher, daß vor meinen Augen vom Orkan von Bord gerissen worden war. Aus heutiger Sicht betrachtet war es sehr leichtsinnig, was ich
tat, aber ich erreichte das Boot und überlebte mit viel Glück das tosende Inferno um mich herum. Das Beiboot war sehr seetüchtig konstruiert und wuchs mir in den nächsten Tagen richtig ans Herz.
Später hörte ich, daß auch die “Schöne Kathrein” und mit ihr die gesamte Besatzung diesen gewaltigen Sturm fast unbeschadet
überstanden hatten. Lukull von Bickmeck gelang nur zwei Monate nach mir die Flucht, als die Besatzung zur Wasseraufnahme in Australien an Land ging. Er eröffnete dort bald ein Restaurant und
kreierte den ersten Hamburger, der von dort die ganze Welt eroberte und besonders bei den jungen Leuten viele Anhänger fand. Dungmast und Jasmund Bockmöller hatten Pech und
mußten fast vier Jahre auf der “Schönen Kathrein” abdienen, bevor sie wieder ihre Freiheit bekamen. Übrigens übernahm Bockmöller – wenn auch unwillig – nach meiner Flucht die
Aufgabe den Zollsekretär Karl Martell Dungmast aus den Wanten zu holen.
Ich erreichte nach einigen Tagen vollkommen erschöpft die Küste Nord-Borneos. Leider ging bei dem Landungsversuch mein geliebtes Boot
entzwei, das ich Brünhilde, nach der damals berühmten Opernsängerin Brünhilde von Brunshausen, genannt hatte. Denn bei dem gerade herrschenden Hochwasser hatte ich die Felsbrocken am Strand nicht gesehen.
Vollkommen zerschmettert lag die arme Brünhilde am fremden Gestade. Somit war ich allein in einer für mich unbekannten, exotischen Welt. Meinen Lebensabschnitt als shanghaiter
Matrose hatte ich nun glücklich hinter mich gebracht, aber wie ging es jetzt weiter? Kinners, was mir dann widerfuhr, erfahrt Ihr demnächst auf diesen Seiten.
Zum zweiten Teil!
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