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7. Teil: Schniedelholzners Seezeichen

 

Die Insel von Dr. Babettus Schniedelholzner erreichte ich problemlos. Als ich mit meinem Einbaum Heiner Amadeus den Strand betrat, wurde ich von einem aufgestellten Schild mit der Aufschrift: „Betreten auf eigene Gefahr“ begrüßt. Ich zog Heiner Amadeus vom Strand und legte ihn liebevoll, aber verwirrt, ab. Denn ein zweites Schild drängte sich in mein Blickfeld: „Hier wache ich!“ mit einem etwas ungelenk gezeichneten Hundekopf. Kurz vor der ersten Baumgruppe – kaum hundert Meter vom Strand entfernt – stand wieder eines dieser ziemlich primitiv angefertigten Schilder mit dem Text: „Vorsicht! Bissiger Hund!“

Die Bäume – in der Hauptsache Palmen – standen hier sehr dicht. Kaum hatte ich kopfschüttelnd das Schild passiert, erklang Hundegebell, wohl nicht sehr kraftvoll, aber aus der Nähe. Vorsichtig ging ich weiter – nein, Kinners, natürlich hatte ich keine Angst. Das Gebell wurde immer heiserer und erstarb schließlich ganz. Dann hörte ich ein Pfeifen. Merkwürdig. Wenige Schritte weiter das nächste Schild: „Halt! Sperrzone“ versehen mit einem irgendwie lustig aussehenden Totenkopf. Das Pfeifen wurde lauter. Und dann stolperte ich über irgend etwas. Eine Baumwurzel? Nein, Leute, es war ein Mensch, der nach Luft schnappend, laut ein „Aua“ von sich gab. Ungerührt und geschmeidig – wie sonst – erhob ich mich und stellte mich vor: „Schmietwech! Sie,“ eigentlich hatte ich ihn duzen wollen, „sind Babettus Schniedelholzner?“

Ich reichte Schniedelholzner die Hand, und er erhob sich, jammernd und weiter nach Luft ringend, denn er hatte sich beim Bellen vollkommen verausgabt, denn einen Hund gab es natürlich nicht, oder habt Ihr das geglaubt?

„Doktor Schniedelholzner, bitte,“ verbesserte er mich mit schwacher Stimme.

„Angenehm,“ antwortete ich, „was sollte das mit dem Hund. Konnten Sie sich nicht denken, dass ich es sein würde. Sie wussten doch, dass ich alle Schiffbrüchigen nach und nach zu mir auf die Salzheringsinsel bringen wollte.“

„Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste,“ erwiderte er und blickte mich unfreundlich und abschätzig an.

Ich hatte nicht vor mit ihm zu streiten und fragte nach seiner Behausung, denn ich hatte furchtbaren Durst. Babettus – ungefähr von meiner Statur – trug eine Brille mit irrsinnig dicken Gläsern und winkte nur kurz ihm zu folgen. Sein scheinbar sehr mühevoll, aber nicht erfolgreich zusammen gezimmertes Schilfhüttchen lag noch ungefähr fünfhundert Meter von uns entfernt. Auf dem Weg dorthin standen noch mindestens sieben Schilder. Ich habe mit den Jahren die einzelnen Texte vergessen, aber an die Schilder mit der Aufschrift: „Lebensgefahr“ und „Halt! Hier wird scharf geschossen!“ sind mir noch in Erinnerung.

Dr. Babettus Schniedelholzner humpelte mir in seine Hütte voran. Auch drinnen Schilder über Schilder. Über seiner Schlafstelle hing ein Schild: „Schlafstatt von Dr. B.“ und an einer Art Schrank: „Vorsicht beim Öffnen“. Neben der Tür: „Wir müssen draußen bleiben“ mit der Zeichnung eines Insekts.

„Hilft das,“ fragte ich ihn und deutete auf das Schild neben der Tür.

„Weniger,“ brummte er, „aber ich will nichts dem Zufall überlassen, Schmietwech.“

Dabei schaute er mich missbilligend an. Immerhin bot er mir etwas zum Essen und Trinken an. Natürlich waren auch seine Kochutensilien mit sinnlosen Sprüchen beschriftet: „Wie bei Muttern“, „Schau hinein, oder laß es sein“, „Babettus’ Liebling“ oder „Hallo Sie“.

Wir aßen, immerhin schmeckte es ganz ordentlich. Eine Unterhaltung kam mit dem standesbewussten und wohl auch hochnäsigen Dr. Babettus Schniedelholzner kaum auf. Gut, ich bin kein Akademiker, aber etwas Mühe hätte er sich schon geben können, um sich mit seinem ungebildeten – ja, Kinners, warum es nicht mal deutlich aussprechen – Gast zu unterhalten.

Am nächsten Morgen machten wir uns auf die Reise zu meiner Insel. Er schien etwas unwillig zu sein und blickte scheinbar traurig zu seiner Insel zurück. Das war die erste menschliche Regung, die ich bei Schniedelholzner je feststellen konnte. Die Fahrt, immer der Flasche hinterher, verlief sehr ruhig, da er keinen Ton von sich gab. Nicht einmal ein Rülpser entrang sich seinen Lippen. Sein Mund war wie versiegelt, aber plötzlich prasselte es aus ihm raus: „Gibt es auf dem Meer eigentlich keine Hinweisschilder? Vorsicht Korallenriff! Oder: Nicht baden! Haie! Oder einfach ein Verkehrshinweis. Nach Mikronesien 800 Seemeilen, oder so ähnlich?“

„Nein,“ antwortete ich einsilbig.

„Das muß sofort geändert werden,“ sagte Zahnarzt Schniedelholzner mit drohendem Unterton in der Stimme, „so geht das hier nicht, Schmietwech. Man weiß ja gar nicht, wo man ist!“

Und plötzlich redete er wie ein Wasserfall. Er fragte mich über Navigation und über die Schifffahrtsstraßen aus, und entwickelte in seinem Hirn einen ganzen Schilderwald für unsere Weltmeere. Er redete noch, als wir schon längst die Salzheringsinsel erreicht hatten. Natürlich ignorierte er meinen Freund Salzhering, als ich ihn vorstellte, aber mit dem Pfarrer verstand er sich sofort blendend. Mein Plan war also leider nicht aufgegangen. Sie mochten sich!

Das Leben auf der Salzheringsinsel wurde durch die Ankunft Schniedelholzners nicht angenehmer, denn ich wusste wirklich nicht, wie lange ich es mit dem Pfarrer und den Schilderaufsteller noch aushalten konnte, der schon damit begonnen hatte meine Insel mit seinen hässlichen Schildern zu verunzieren. Als ich mir darauf auch noch beim Tauchen vor meiner ehemals idyllischen Insel den Kopf an den Pfosten eines von Babettus aufgestellten Schildes kräftig stieß, war das Maß voll. Und so bestieg ich – nachdem ich mir die Wunde verbunden hatte, bitte, jetzt kein Mitleid, Kinners – geschmeidig wie immer Heiner Amadeus und machte mich auf den Weg zu Heini Dünnsupp. Es wurde höchste Zeit ein Schiff zu bauen.

Viele Jahre später, als jeder für sich sein normales Leben wieder aufgenommen hatte, entwickelte Dr. Babettus Schniedelholzner mit anderen die Seeschifffahrtsstraßen-Verordnung, die festlegt, wie die Fahrwasser und Schifffahrtshindernisse durch schwimmende Zeichen, wie Bojen und Tonnen, und feste Zeichen wie Baken gekennzeichnet werden.

Zum achten Teil!

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