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Meine Odyssee
4. Teil: Salzhering und Möwe
Wer hat nicht schon einmal von einer einsamen Insel
geträumt? Ich habe nicht nur davon geträumt, sondern auch eine Zeitlang auf einer gelebt. Jawoll! Glaubt Ihr natürlich nicht? Aber es ist wahr.
Ich hatte Miri, glücklich den Häschern des Sultans von Brunei
entkommen zu sein, mit der „Hertha Dombrowski“ verlassen. Kapitän Toroslaw Zimmermann aus dem schönen Husum und seine Besatzung machten einen „guten Job“, wie es heute heißt.
Bald war Borneo außer Sichtweite, und wir segelten durch die Straße von Malaka dem Indischen Ozean entgegen. Als zahlender Kunde wurde ich vom Kapitän und seinen Offizieren sehr gut
aufgenommen, und wir trafen uns jeden Abend in der Offiziersmesse zum Kartenspiel. Ich war ein schlechter, aber zahlungskräftiger Spieler, was den anderen recht angenehm war.
Es waren sehr schöne Wochen auf der „Hertha Dombrowski“, und die Aussicht bald wieder in der Heimat zu sein, erfreute mein Herz ungemein.
Doch dann geschah das Unfaßbare. Die „Hertha Dombrowski“
wurde von einem Seeräuberschiff angegriffen. Es ging alles so unwahrscheinlich schnell. Im Schutze der Nacht schlugen die Freibeuter zu. Im aufkommenden Tumult, als die Besatzung der
„Hertha Dombrowski“ zu den wenigen vorhandenen Waffen griff und versuchte sich zu verteidigen, ging ich, als ich mich gegen
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einen grimmigen, regelrecht zum Fürchten aussehenden, Piraten zur Wehr setzte, bei einem gewaltigen Hieb meines Kontrahenten
über Bord. Ein paar Sekunden muß ich wohl ohnmächtig gewesen sein, denn ich erwachte erst wieder, als Seewasser mich zu ersticken drohte. In Panik strampelte ich mich an die
Wasseroberfläche zurück. Einige hundert Meter von mir entfernt kämpfte die „Hertha Dombrowski“ chancenlos gegen die verbrecherische Übermacht. Es war stockdunkel, aber der
Fackelschein der Angreifer ließ das Geschehen an Bord erahnen. Das war es also, dachte ich, der Verzweiflung nahe. Doch plötzlich verspürte ich einen Schlag gegen meine Schulter, und ich erschrak
furchtbar. Aber es war nur ein leeres Holzfaß, daß sich zu mir gesellt hatte. Vielleicht war es doch noch nicht das Ende. Ich kletterte auf das Faß und krallte mich daran fest. Es trug
glücklicherweise mein nicht unerhebliches Gewicht. Erschöpft schlief ich ein.
Die Sonne weckte mich am nächsten Morgen. Ich schaute mich ängstlich um, aber vom Piratenschiff und der „Hertha Dombrowski“
war nichts mehr zu sehen. Ich schien abgetrieben worden zu sein, aber .... Was sollte jetzt der Zwischenruf: „Endlich gibt er es zu!“ Mann, Mann, ich erzähle, wie ich zu überleben versuchte, und Ihr
macht Scherze. Widerlich! Darf ich nun fortfahren, Kinners? Also, mein Faß und ich schienen die einzigen Lebewesen auf dem weiten Ozean zu sein. Ja, ja, aber Holz lebt, heißt es doch immer. Oder etwa nicht?
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Das Faß – auch wenn es etwas streng roch – und ich wurden in den nächsten Tagen richtige Freunde. Ich erzählte Salzhering – so
hieß er, wie die schwarze Schrift auf ihn verriet – von meinem Leben. Stundenlang mußte Salzhering mir zuhören, aber bald war auch diese Idylle vorbei. Eine Möwe hoch am Himmel schien uns
nicht wahrgenommen zu haben, oder war es Absicht? Die Wahrheit werde ich nie erfahren, aber dieses Tier entledigte sich seines Kots. Und traf mich vollkommen unvorbereitet. Und zwar so,
daß ich aus dem Gleichgewicht geriet, den Halt auf Salzhering verlor und ins Meer stürzte. Dummerweise waren wir unbemerkt in eine leichte Strömung geraten, in der der leichtere Salzhering sich
nun sehr schnell von mir entfernte. Ich versuchte verzweifelt meinen Freund zu erreichen, aber obwohl ich damals noch richtig fit war, trieb Salzhering immer weiter von mir fort. Verzweifelt schwamm
ich ihm hinterher. Ich fühlte mich furchtbar einsam und verfluchte die vermeintlich böse Möwe.
So schwamm ich also allein mitten im Indischen Ozean. Ohne Hilfe
und ohne Aussicht auf Rettung. Bis mein Gehirn endlich wieder richtig zu arbeiten begann. Eine Möwe? Das bedeutete doch, daß in der Nähe Land sein mußte. Aber in welcher Richtung? Ich
versuchte mich als Rückenschwimmer und starrte unentwegt in den Himmel. Ich sah mit der Zeit immer mehr Vögel, die alle das gleiche Ziel zu haben schienen. Festland! Ich jubelte. Schon
wechselte ich vom Rücken- auf das Kraulschwimmen und schwamm stillvergnügt wie ein Weltmeister den Vögeln hinterher.
 Nur fünf Tage später erreichte ich eine kleine Insel. Kaum erschöpft – ja, ja, ich weiß, Ihr glaubt, daß ich ein Angeber bin, aber es ist die
Wahrheit – schleppte ich mich, leichtfüßig wie ein Reh, an den Strand. Dann fiel mein Blick auf ein Holzfaß. Salzhering! Er war schon vor mir angekommen, wohlauf, wie ich sofort erkannte. Salzhering und
ich waren wieder zusammen! Aber wo befanden wir uns? Gehörte die Insel zu den Andamanen oder Nikobaren? Also einer der Inselgruppen, die östlich von Indien lagen. Oder war ich gar bis zu
den Malediven geschwommen? Aber diese Frage war im Moment nicht wichtig, denn wichtiger war die Insel zu erforschen. Es ging wieder einmal nur um das nackte Überleben. Ich barg Salzhering
und brachte ihn zu einem höheren Punkt der Insel, und legte ihn liebevoll unter eine schön gewachsene Palme. Dann machte ich mich frohgemut auf den Weg unsere neue Heimat zu erkunden.
Zum fünften Teil!
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