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Meine Odyssee:
Teil 9: Der Quetschbüdel und die Putzfrau von Madagaskar
Ich hatte genug von den Menschen, aber das Paddeln auf dem Meer, und die traute, stille Zweisamkeit mit Heiner Amadeus beruhigte mich bald wieder.
Dummerweise hatte ich keine Lebensmittel oder eine Flasche mitgenommen. So war ich gezwungen eine der Inseln, die ich in den letzten Tagen besucht hatte, anzusteuern.
Glücklicherweise fand ich Katjas Eiland ohne große Mühe, denn die ungefähre Position hatte ich mir gemerkt. Mensch, war das eine schöne Insel. Ich badete wie einst die schöne Katja im See,
aber alles hier erinnerte mich an sie, und die große Traurigkeit überkam mich wieder. Also packte ich Früchte, und was es sonst noch Essbares hier gab, und soviel Frischwasser wie möglich in
das Boot, und verließ mit wehmütigen Blicken Katjas Insel. Ich stellte mir vor, sie würde am Strand stehen und mir zuwinken, aber dann zerstob das Bild in meinem Kopf, und ich steuerte
wieder die offene See an. Eigentlich ohne konkretes Ziel paddelte ich in den Sonnenuntergang hinein. Malerisch, nicht wahr?
Die See blieb in den ersten Tag ruhig, aber die Sonne brannte erbarmungslos auf mich herunter, und die Wasservorräte gingen
langsam zur Neige. Ich aß und trank nur soviel, wie zwingend nötig war. Nach fast drei Wochen Paddelei war es dann aber endgültig mit meinen Vorräten vorbei. Richtig ungemütlich wurde
es, als dann auch noch Sturm aufkam. Aber ich hatte nicht vor mit Heiner Amadeus unterzugehen. Wir beide kämpften bis zur völligen Erschöpfung gegen die immer größeren Wellen an. Für
einen Einbaum hielt sich Heiner Amadeus recht wacker. Als es dunkel wurde und um uns die Hölle tobte, kamen mir doch die ersten Zweifel, ob wir es überstehen könnten. Aber ich begann
lauthals irgendwelche blöden Lieder zu singen, die mir gerade einfielen und paddelte um mein Leben. Und natürlich um die Ehre vom guten Heiner Amadeus. Plötzlich – ich sang gerade ein
äußerst schmutziges Lied – stießen wir krachend mit etwas zusammen.
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Ich konnte gerade noch verwirrt und ärgerlich: „Scheiße“ von mir geben – dann wurde ich ohnmächtig. Ja, stimmt, Kinners, genau
wie in einem billigen Abenteuerfilm. Aber es war genauso, Leute, wie ich es beschrieben habe.
Und dann erwachte ich auf der „Herzogin Gisela“, einem deutschen Schiff. Das Schicksal hatte es gut mit mir gemeint.
Leider war bei dem Zusammenstoß, wie ich später erfuhr, mein schöner Einbaum verloren gegangen. Der arme Heiner Amadeus! Zuerst Salzhering und nun mein Gefährte der letzten
Wochen. Ich musterte auf der „Herzogin Gisela“ an, die damals unter Kapitän Friedrich Auwei-Hermestaler, einem gebürtigen Unterpfaffenhofener aus Mecklenburg, im Liniendienst
Mitteleuropa/Südsee eingesetzt war. Heimathafen der „Herzogin Gisela“ war das schöne Otterndorf an der Elbe. Nicht weit von Bremerhaven. Heimat, ich komme, rief es in mir. Wir waren auf
dem Weg nach Europa. Was hatte ich für Glück!
Die gesamte Besatzung war guter Stimmung, denn mit dem Bootsmannsmaat Bubi Büdel – nein, nicht aus Büdelsdorf – war
ein großer Spaßmacher an Bord. Er spielte auf seinem Schifferklavier, oder auch Handharmonika, Ziehharmonika und Akkordeon genannt, keine traurigen Seemannslieder, denn die
gab es schon genug, sondern dachte sich zu den bekannten Melodien seine eigenen Texte aus. Und diese handelten natürlich von schönen Frauen und paradiesischen Inseln, aber auch
gutmütige Seeungeheuer und liebe Klabautermänner spielten in seinen Liedern eine große Rolle. Jeden Abend bot sich uns ein buntes Programm, denn andere Besatzungsmitglieder beteiligten
sich ebenfalls an diesen Liederabenden. Freddy Winkelschneider aus Nordenham spielte auf einem Kamm, Ralf Borstentier, der wegen seiner borstenartigen Haare so genannt
wurde, liebte es auf der singenden Säge zu spielen, Jürgen W. Grinsmann und Wolfgang Kratzenheimer trommelten mit selbst angefertigten Schlaginstrumenten. Außerdem hatten wir drei
wirklich gute Sänger an Bord: Klaus Fritzen aus Brake, der mit seinem Holzbein, was er immer sehr pflegte und polierte, sehr schön den Takt schlagen konnte, Carl „die Lunge“ Carlsen aus
Hamburg – eine Erklärung, wie er zu seinem Beinamen kam, kann ich mir wohl ersparen – und Erwin Sargnagel aus Bremerhaven. Eigentlich hieß Erwin Sargnagel gar nicht
Sargnagel, sondern … Puttfarken, Mausehund, nein, ach, nun ist mir sein richtiger Familienname entfallen. Er hatte, bevor er: „Auf Wiedersehen Heimat“ sagte, bei einem Bestattungsinstitut eine
Lehre als Tischler erfolgreich beendet. An Bord waren seine Tischlerarbeiten sehr begehrt. Glücklicherweise brauchte er während meiner Fahrenszeit auf der „Herzogin Gisela“ keinen
Sarg zu tischlern, obwohl dieser bestimmt phantastisch ausgesehen hätte. So hatten wir also ein richtiges kleines Orchester mit Chor an Bord – ein unwahrscheinlich großes
kulturelles Angebot für einen Frachtensegler zu damaligen Zeiten. Das Wetter war gut, und die Arbeit auf dem Segler wohl hart, aber …. Und was ich zu den abendlichen Shows beitrug? Nicht
viel, doch, gute Laune, Leute.
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Es war eine gute Zeit, die wir auf der „Herzogin Gisela“ gemeinsam verbringen durften, bis zu jenem Tag, als wir zwecks
Trinkwasseraufnahme einen Zwischenstopp auf Madagaskar einlegen mußten. Erwin Sargnagel, Klaus Fritzen, Bubi Büdel – sein Schifferklavier immer am Mann – und ich waren dazu
abkommandiert die Trinkwasservorräte an Bord aufzufüllen. In einem kleinen Boot ruderten wir an die – wie wir glaubten – menschenleere Küste im Süden Madagaskars. Wir schlugen uns
ins Landesinnere durch und stießen bald auf einen fließenden Bach, der von einem kleinen Wasserfall gespeist wurde, und waren gerade dabei Wasserschläuche und andere Behältnisse
mit Frischwasser zu füllen, als das Unheil über uns hereinbrach.
Plötzlich waren wir von mindestens zwanzig bewaffneten Eingeborenen umringt, die uns mit ihren Speeren traktierten, und
uns schließlich mit waffenunterstützten Gesten anwiesen – nachdem wir lautstark protestiert hatten – ihnen zu folgen. Sie verstanden uns nicht und nahmen auch nicht auf den guten Klaus
Fritzen Rücksicht, der Mühe hatte uns mit seinem polierten Holzbein zu folgen. Vielleicht zwei Stunden später standen wir staunend vor einem großen Eingeborenendorf. Uns fielen sofort
die Gardinen vor den offenen Fensteröffnungen auf. Gardinen auf Madagaskar? Kaum zu glauben, aber wahr. Uns überraschte die Sauberkeit der Wege und der Hauseingänge. Auch unsere
bewaffneten Peiniger waren sauber und gut gekleidet. Als uns auch noch richtig schicke Frauen, die Handtaschen trugen, begegneten, meinten wir zu träumen. Klaus Fritzen klapperte vor
Erregung mit seinem Holzbein. Vor einem großen Gebäude blieben wir stehen. Es war scheinbar der Sitz des Stammesfürsten. Als dieser – in wallenden Gewändern gehüllt –
uns entgegentrat, wussten wir, warum dieses Dorf so ganz anders war, als alle anderen Dörfer in Afrika.
Der Stammesfürst war eine ungeheuer große, dicke, weiße Frau.
„Moin,“ sagte sie kühl.
Eine Norddeutsche! Erfreut wollten wir Seeleute sie begrüßen, aber sie hob nur ihre Hand, und schon schoben uns ihre bewaffn eten Soldaten missbilligend zurück.
„Moin,“ erwiderte ich vorsichtig, „wir freuen uns einer Landsfrau hier auf Madagaskar zu begegnen.“
„Ich bin hier die Königin, die Göttin, und Ihr seid meine Gefangenen.“
„Gefangene,“ fragte Bubi entsetzt.
„Jawohl,“ antwortete sie mit hoher, schneidender Stimme, „ich war Reinmachefrau auf St. Pauli und habe es gehasst die Männerklos
zu säubern. Ekelhaft! Und nun seid Ihr hier und werdet dieses bis in alle Ewigkeit für mein Volk tun. Endlich ist die Zeit da mich zu rächen!“
„Wie? Toiletten reinigen,“ fragte Klaus entgeistert.
„Jawohl,“ bestätigte sie und zog sich in ihr Haus zurück.
Wir wurden daraufhin zu einer Anlage geführt, die uns fast sprachlos machte. Ein großes, sauberes Toilettenhaus! Zu der
damaligen Zeit, und dann noch in Afrika, ein höchst ungewöhnliches Gebäude.
Sie drückten uns Reinigungsutensilien in die Hände und schoben uns hinein. Was sollten wir machen, Kinners? Wir fingen an zu
putzen. Das Haus war durch Schilfmatten in einzelne Kabinen aufgeteilt und wurde extrem gut besucht. Wir gingen den eiligen Benutzern möglichst aus dem Weg und taten in den nächsten
Tagen ohne zu murren unsere Arbeit. Gleich neben dem Abort schliefen wir in einer Art Gefängnis und wurden immer mindestens von zwei Wachtposten beaufsichtigt. Die Arbeit war
nicht schwer, und wir hatten uns bald an sie gewöhnt. Wenn nicht soviel zu tun war, begann Bubi Büdel wieder auf seinem Schifferklavier zu spielen und sang gemeinsam mit Klaus Fritzen
und Erwin Sargnagel fröhliche Lieder. Die Einheimischen kamen dann hinzu und lauschten begeistert der Musik. Als eines Abends unter den Zuhörern plötzlich Unruhe entstand – Fritzen war es
gerade mit seinem Holzbein gelungen den Takt so mitreißend zu schlagen, dass die Dorfbewohner begeistert mit klatschten – stand sie plötzlich da, die dicke, gewaltige Königin aus Norddeutschland. Alles verstummte.
„Spielt und singt weiter. Es erinnert mich an meine Jugendzeit in Hamburg. Übrigens, ich heiße Erika Nothgang,“ sagte sie freundlich zu uns.
Von nun an kam sie jeden Abend herüber und saß mitten unter ihrem Volk im Toilettenhaus und lauschte glücklich den Klängen
Bubi Büdels und den Stimmen von Klaus Fritzen, der noch nie in seinem Leben so gut gesungen hatte, und Erwin Sargnagel.
Und bald war ich der einzige, der noch an Flucht dachte, denn meine drei musikalischen Mitgefangenen genossen den Applaus,
den sie hier auf Madagaskar reichlich bekamen, in vollen Zügen.
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Mein Freund Bubi Büdel war nur ein sehr schmächtiger und auch nicht so großer Mann, der aber gerne von großen, mächtigen
Frauen träumte, und sich in die von den Dorfbewohnern vergötterte Erika Nothgang aus Hamburg verguckte. Und auch sie schien, die als Schiffbrüchige an diese Insel gespült worden
war, und durch ihre Größe und Kraft und natürlich ihre blütenweiße Haut von den Einheimischen als Göttin verehrt und angebetet wurde, Interesse an Bubi zu haben. Ihre Augen ruhten
während der allabendlichen Konzerte fast nur auf ihn. Klaus und Erwin konnten noch so gefühlvoll singen, Erikas Aufmerksamkeit galt nur Bubi Büdel. Und eines Abends passierte es. Das Konzert
war beendet, die Dorfbewohner waren nach Hause gegangen, und wir vier Seeleute wurden in unsere Zelle gesperrt. Ich muß nun aber zur Ehrenrettung der Menschen dort sagen, dass sie
uns von Tag zu Tag besser behandelten, und ihr Misstrauen uns gegenüber längst verschwunden war. An diesem besagten Abend wurde Bubi überraschend zu Königin Erika geführt, die ….
was ich jetzt erzähle, hat mir Bubi Büdel unter dem Siegel der Verschwiegenheit berichtet, ihn zu einem Nachtmahl einlud, was er natürlich nicht ablehnen konnte. Im Laufe des Abends kamen
sich die beiden Menschen langsam näher, und als er sich gerade verabschieden wollte, übermannten – eigentlich müsste es überfrauten heißen – Erika die Gefühle. Sie drückte ihn so heftig
an ihre gewaltige Brust – ungeachtet, dass er sein Schifferklavier vor dem Bauch hängen hatte – das er kaum noch Luft bekam. Er war schon blau angelaufen, als sie endlich ihren Griff lockerte.
Bubi erlitt leichte Quetschungen, aber sein Schifferklavier war schwer beschädigt. Wie gesagt, eigentlich durfte ich von diesem Ereignis nicht berichten, aber wenn ich es nicht getan hätte,
würde das Schifferklavier heute auch nicht als Quetschbüdel bezeichnet werden können. Faszinierend, nicht wahr?
Das Ergebnis dieses großen Abends war, dass Bubi Büdel, dem es tatsächlich gelang sein Musikinstrument notdürftig zu
reparieren, sich in die voluminöse Königin der Einheimischen, Erika Nothgang, verliebte. Er lebte plötzlich in einer anderen Welt und war für seine Kameraden kaum noch ansprechbar. Während
ich fortwährend an Flucht dachte, interessierte er sich nur noch für seine Erika, die dank der Liebe zu einer warmherzigen Frau geworden war. So ließ sie Erwin Sargnagel, Klaus Fritzen und
mich gehen. Obwohl die beiden Sänger mir nur widerwillig folgten. Sie waren einfach süchtig nach Applaus geworden. Aber Erika wollte Bubi nur für sich allein. So mussten wir von unserem
Freund Bubi Büdel und seinem Quetschbüdel Abschied nehmen. Es fiel uns sehr schwer ihn allein in dem Dorf zu lassen, aber die Liebe war stärker. So verließen wir drei Seeleute das Dorf und
wandten uns wieder der Küste zu.
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Vier Monate waren seit unserer Gefangennahme vergangen. Und was war aus der „Herzogin Gisela“ geworden? Später erfuhr ich,
dass die Einheimischen in so großer Zahl die an Land gegangene Suchmannschaft der „Herzogin Gisela“ bedrängt hatten, dass das Schiff fluchtartig Madagaskar verlassen hatte.
Ich weiß nicht, ob uns Kapitän Auwei-Hermestaler damals für tot hielt, aber es war schon enttäuschend so schnell aufgegeben worden zu sein.
Und von Bubi Büdel hörten wir nie wieder.
Zum zehnten Teil!
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