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Meine Odyssee:
15. Teil: Obolus und die Briefmarken
T. Beutel und ich waren froh wieder festen Boden unter unseren Füßen zu spüren. Leider hatten wir sehr schnell herausbekommen, dass die Insel nicht Fernando
Poo war, sondern … ja, wo wir uns befanden, konnten wir nur vermuten. Erst am Abend stellten T. Beutel und ich anhand der Sterne fest, dass wir uns auf einer einsamen Insel mitten im Atlantik befinden mußten. Die
Stimmung danach war nicht sehr gut, wie Ihr euch vielleicht denken könnt, und wir beiden Bremerhavener gerieten uns sogar fast in die Haare, als wir uns nicht auf einen gemeinsamen Namen für die Insel einigen
konnten. Ich plädierte für Neu-Bremerhaven, während Theseus sie nach seiner Erbtante Bernadette Bernadetteninsel nennen wollte. Schließlich einigten wir uns auf TJ-Insel – bescheiden wie ich bin. T wie
Theseus und J wie …., na? Natürlich Jan, Kinners. Wir sprachen es aber nicht wie Tee-Jott aus, sondern wegen des internationalen Flairs Ti-Dschä. Faszinierend, nicht wahr?
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Aber unsere Überraschung war sehr groß, als wir uns zwecks Erkundung der Insel ins Landesinnere vorwagten. Denn T. Beutel
und ich entdeckten große Farmen, auf denen Chinesen und dunkelhäutige Arbeiter schufteten. Bald lief uns ein Engländer über den Weg, und wir wussten nun endlich, wo wir uns befanden. Es war
die Insel St. Helena, die der British East India Company gehörte. Es gab das Fort Jamestown und eine Garnison. St. Helena war reich, denn durch die sichere Lage der Insel lagerten hier größere Mengen
Gold, und wohlhabende Kaufleute residierten vermehrt auf ihr. Und es gab Postschiffe, die nach Südafrika, den Kanarischen Inseln und England segelten. Was hatten Theseus und ich doch für Glück. Doch
noch einen Ort erreicht zu haben, obwohl weit von der normalen Zivilisation entfernt, der uns unserem Ziel – der Heimat – näher bringen konnte. Bis zur nächsten Abfahrt eines Schiffes Richtung
England mussten wir noch mehr als sechs Monate überbrücken, also hieß es für uns nun Arbeit zu suchen. Feldarbeit war wohl nicht Theseus’ und mein Ding, aber trotz des Reichtums der Insel gab es
für uns sonst keine andere Arbeit. Also heuerten wir bei der British East India Company an und wurden zur Never Ever-Farm geschickt, wo ein gewisser Philip Conn als Leiter unser neuer Chef wurde. Auf
der Farm wurde hauptsächlich Flachs und Gemüse angebaut. Das Motto unseres Chefs war: „Es muß tonnen!”
Und das bedeutete: Malochen bis zum Umfallen, deshalb wurde er auch nur Philip Tonn genannt. Für T. und mich war die Arbeit auf den
Feldern ungewohnt und schwer. Den Feierabend verschliefen wir vor Erschöpfung, und Unmengen von Schwielen zierten unsere Hände. Aber mit der Zeit gewöhnten wir uns an die Feldarbeit. Zwischen
Flachs und Gemüse trieben sich sehr interessante Typen herum. Da gab es den chinesischen Vorarbeiter Wo Bist Du und seinen Bruder Wo Denn Nur. Gut, die beiden hießen irgendwie anders, aber auf
der Never ever-Farm wurden sie so gerufen. Trotz ihrer Namen wurde das Brüderpaar von den anderen Arbeitern respektiert, da sie wirklich überragende Leistungen zwischen den Beeten boten.
Dann gab es noch eine Vielzahl fröhlicher Schwarzafrikaner, mit denen wir uns gut verstanden. Ja, und Obolus, unser Koch und Quartiermeister. Er war klein und dick, von gebräunter Hautfarbe,
der einen ungewöhnlich schönen Haarkranz besaß. Und ich, der selbst mit Haarproblemen zu kämpfen hatte, kann es wirklich beurteilen, wenn ich von einem schönen – bei Obolus geflochtenen – Haarkranz spreche.
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Sein vollständiger Name war Frank Obolus und war als Sohn eines arabischen Vaters und einer deutschen Mutter auf St. Helena
geboren worden. Aber was diesen Menschen auszeichnete, waren seine Ideen, was die Finanzen betraf. Er war der erste große Finanzjongleur auf unserer großen, weiten Welt, und hätte er in New
York oder Frankfurt am Main gelebt, hätte er es sicherlich bis zum Finanzminister gebracht oder wäre zumindest ein großer Banker geworden. Auf der Never Ever-Farm kümmerte er sich um die
Gelder. Er zahlte nicht nur die Löhne aus – was für ein wunderschöner Tag für uns Feldarbeiter, sondern kassierte von uns auch einen Obolus für unsere Schlafstätten und für die Lebensmittel,
die wir im farmeigenen Laden kauften. Er ordnete den gesamten Geldverkehr auf der Farm, und später dann auf der ganzen Insel. Schließlich nach einigen Aufsätzen in den einschlägigen
Finanzzeitungen der Welt gingen seine Ideen um die ganze Welt, und der Begriff Obolus für Gebühr bzw. Beitrag fand überall Eingang in die Finanzkreise und in jeden Haushalt. Frank Obolus hätte
Lehrbücher über Finanzmärkte und Geldströme schreiben können.
Nebenbei betrieb er auf der Farm eine Postagentur. Da ich auf der Salzheringsinsel ebenfalls eine Art Postagentur, aber für
Flaschenpost, betrieben hatte, fühlte ich mich Frank Obolus sehr verbunden. Und nun das Faszinierende, Kinners. Er führte die Briefmarke ein. Zuerst war es nur ein kleines von seinem Sohn
Klaus-Hinnerk gemaltes Porträt des Gouverneurs – ich glaube, dieser hieß damals Sir Jack Bumsfidel oder so ähnlich, aber das Geschäft mit den Briefmarken lief so gut an, dass Klaus-Hinnerk
Obolus zu einer Massenproduktion überging, und nur stilisierte Zahlen als Briefmarke anfertigte. Frank Obolus hatte die Briefmarke eigentlich nur eingeführt, um einen ruhigen Feierabend verleben zu
können, denn andauernd kamen wir Arbeiter zu ihm – natürlich erst am Abend – und gaben ihm unsere Briefe und zahlten für die Zustellung in bar. Aber mit den Briefmarken war es für ihn und für
uns viel einfacher. Wir deckten uns mit den Briefmarken seines Sohnes ein, klebten sie – damals noch mit extra Klebstoff – auf den Umschlag und steckten ihn zu jeder Tages- und Nachtzeit in einen
Briefkasten, der vor Obolus’ Haus stand. Der Briefkasten war natürlich nicht gelb gestrichen, sondern war nur eine aus Holzresten zusammen gezimmerte Kiste. Und – vielleicht könnt Ihr euch das
schon denken – das Freimachen des Briefes wurde nach Frank Obolus „frankieren“ genannt. Wahnsinn, nicht wahr? Ja, der gute Frank war seiner Zeit weit voraus.
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Theseus, Obolus und ich wurden bald dicke Freunde, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Denn der Quartiermeister kochte
wunderbar. Sein Essen, obwohl nur aus einfachsten Zutaten gezaubert, schmeckte großartig und war sehr nahrhaft. Und trotz der harten Arbeit auf den Feldern, nahmen T. und ich doch ziemlich zu.
Ich bekam einen regelrechten Bauch und schämte mich nicht einmal dafür, und auch Theseus stand mir da in nichts nach. Wir schlugen uns gegenseitig auf die Bäuche und bemerkten dann zutreffend:
„Alles schwer erarbeitet.“
Und das stimmte wirklich. Sechs Tage in der Woche jeweils zwölf Stunden harter Arbeit stählten wohl die Muskeln, aber regten
unseren Appetit auch unwahrscheinlich an. Natürlich tat die Feldarbeit unseren Rücken nicht so gut. Dafür bekamen wir aber einen extra Rückentrainer. Die British East India Company war
damals schon eine sehr fortschrittliche Firma, obwohl sie natürlich ziemlich ausbeuterisch aktiv war. Aber nun zu unserem Trainer.
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Tobbi Sattelstrecker war wie Theseus ein Mann, der den Frauen gefiel. Es war nicht nur sein gewinnendes Lächeln, oder seine
muskulösen Oberarme, auch sein Witz und seine löwenartige Mähne beeindruckte die Damenwelt. Sattelstrecker war als einziges Kind eines Postsekretärs und einer Weißwäscherin im Jahre des
Herrn 1678 entweder im Spätsommer oder im Frühherbst in der Nähe von Bremerhaven in einem kleinen Häuschen geboren worden. Seine Mutter Felicitas Sattelstrecker war eine geborene
von Blaszinski und entstammte einer adligen Familie aus Vorpommern, die ohne fremdes Verschulden verarmte, denn ihr Vater Freiherr Stanislaus von Blaszinski hatte sich sein ganzes
Leben lang nur mit Glücksspielen beschäftigt, aber dieses leider nicht sehr erfolgreich. Er gab sich nach der privaten Insolvenz die Kugel und die Mutter Theresia-Guste, eine geborene von
Steinschlag-Wurmstecher zog sich in ein Kloster zurück. Die arme und einsame Felicitas begann dann weit von der Heimat entfernt in Debstedt bei Bremerhaven eine Ausbildung als Weißwäscherin bei
Frau Bohmenstiel, einer schon ältlichen, aber sehr anständigen Frau. Vater Sattelstrecker – der Vorname ist nicht überliefert – fristete ein einfaches, aber ebenfalls anständiges Leben bei der
Post. Damit hatte Tobbi Sattelstrecker alles mitbekommen, um ein erfolgreicher junger Mann bei der Armee oder ein Geschäftsmann zu werden. Wie gesagt, die Frauen verehrten ihn, und so hatte Tobbi
es während seines Lebens ziemlich einfach, durch das Leben zu komm en.
Sattelstrecker verließ sein Elternhaus als knapp Zwanzigjähriger in unsicheren Zeiten, denn damals stritten mehrere Gutsherren um das fruchtbare Land,
das sich zwischen Elbe und Weser befand. Graf Theophilus von Bremervörde, Deichgraf Hasso Meier von Sandstedt, Herzog Adalbert der Vielseitige von Westerstede, oder Freiherr Bärbeiß der Fünfundvierzigste von
Bederkesa hießen nur einige der Kriegsherren, die der Bevölkerung um 1700 herum viel Ungemach in diese Gegend Europas brachten. Besonders Freiherr Bärbeiß quälte die Bevölkerung mit
Rekrutierungskampagnen, denen auch Tobbi Sattelstrecker zum Opfer fiel. Er wurde eingezogen und als einfacher Soldat in Bederkesa ausgebildet, wo er schnell zum Liebling der Frauen in
der vor Leben summenden Garnisonsstadt wurde. Und ehe er sich’s versah, war er schon zum Korporal aufgestiegen. Gerüchteweise soll da Josie Mist-Mallenstedt, die Geliebte des Oberbefehlshabers
der Bederkesaer Truppen, General Ferenc Esterhazy-Schmitz, die süßen Finger mit im Spiel gehabt haben, da sie auch Tobbi sehr zugetan gewesen sein soll. Das Leben als Soldat gefiel ihm
daraufhin wirklich sehr gut, aber als Freiherr Bärbeiß der Fünfundvierzigste von Bederkesa seine Armee gen Bremervörde marschieren ließ, und die Armee Graf Theophilus’ vor Hipstedt
stellte, und es zu einer Schlacht kam, entdeckte Tobbi in sich den Feigling und verließ heimlich die Truppe. Um nicht Bärbeiß und seinen Häschern in die Hände zu fallen, wanderte Tobbi
Sattelstrecker ohne sich umzuschauen, so schnell er konnte in Richtung Süden. Er war ein Getriebener, und erst als er die westafrikanische Küste erreicht hatte, nahm die Angst vor Bärbeiß
endlich ab, und er beendete seine Flucht. Er bestieg den Postdampfer nach St. Helena, denn Frauen hatten ihm schon immer Glück gebracht. So kam er auf die Insel, ohne zu wissen, was ihn
hier erwartete. Auch Tobbi war die Feldarbeit fremd, aber als die British East India Company ihm eine Fortbildungsmaßnahme zum Masseur anbot, griff er zu und fand seine neue Berufung.
Dann trat Maggie in unser bescheidenes Leben.
Zum sechzehnten Teil!
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