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Meuterei und Eisberg

Meine Odyssee oder: Schmietwechs sonderbare Abenteuer

33. Teil: Meuterei und Eisberg

Die „Kommerzienrat Wolfhard Kruse“ war ein schon etwas heruntergekommener Segler, der aber wunderbar im Wind lag und gut vorankam. Kapitän Luigi Schmitz-Schmiersee schien
seine aus allen möglichen Nationalitäten zusammen gewürfelte Mannschaft gut im Griff zu haben. Nebenbei gesagt, war er auch ein amüsanter Gastgeber, mit dem ich mich köstlich unterhalten konnte. Das Frachtschiff nahm nur selten Passagiere auf der kurzen Strecke zwischen Marokko und Portugal mit, aber trotzdem war meine Kabine doch relativ luxuriös und sauber. Abends spielte ich mit dem Kapitän und dem 1. Offizier Mehmet Müller vergnügt Karten. Oder ich stand bei hervorragenden Wetterbedingungen an Deck und schaute in die Ferne. Es war einfach fabelhaft. Und meine Augenbrauen flatterten endlich wieder im Seewind. Herrlich! Es war ein schönes Leben an Bord.

Es hätte alles wunderbar laufen können. Ja, wenn es da nicht wenige Tage nach dem Ablegen von Agadir einen Konflikt an Bord gegeben hätte, in der Gestalt, dass der 2. Offizier – ich glaube, er war Algerier – Bernd Ibn Spagat, oder so ähnlich, unterstützt vom größten Teil der Mannschaft gemeutert hätte. Das hatte mir bei meiner Odyssee nach Hause noch gefehlt. Eine Meuterei! Bernd Ibn Spagat übernahm an Bord der „Kommerzienrat Wolfhard Kruse“ das Kommando und ließ den völlig überrumpelten Kapitän, seinen 1. Offizier und mich mit einigen Nahrungsmitteln, einen Kompass und weiterem nautischen Zubehör in ein kleines Beiboot setzen. Es ging alles so schnell. Fast gewaltlos hatte der Algerier sich des Schiffes bemächtigt.

„War ich nicht gerecht zu meinen Leuten“, fragte Luigi Schmitz-Schmiersee seinen 1. Offizier vollkommen fassungslos.

„Kapitän, die Meuterer wollten die Ladung“, entgegnete Mehmet Müller.

„Was hatten wir geladen“, fragte ich interessiert.

„Fanartikel der Damenkapelle `Die Roten Rosen`.“

Da war mir alles klar. „Die Roten Rosen“ waren damals wohl eine der berühmtesten Bands der Welt. Die Kapelle bestand aus fünf jungen, sehr hübschen Damen aus dem Mecklenburger Zentralmassiv, die mit melodischem Harmoniegesang besonders die Männerwelt begeisterten. Und „Die Roten Rosen“ waren die erste Gruppe weltweit, die Fanartikel, sogar rosafarbene Strumpfbänder waren darunter, die die männlichen Fans bei den Auftritten als Stirnbänder trugen, anbot, die in Westafrika billig gefertigt wurden – jawohl, Globalisierung gab es damals bereits – die reissenden Absatz fanden, und bei ihren Fans wertvoll und äußerst begehrt waren. Spagat und seine Männer konnten auf dem Schwarzmarkt horrende Summen für die Ladung kassieren und sich wohlhabend zur Ruhe setzen.

Das Schiff verschwand ohne uns am Horizont. Wind kam auf und wir setzten das kleine Segel. In der folgenden Nacht verstärkte sich der angenehme Wind – wie sollte es anders sein – zu einem ausgewachsenen Sturm und wir wurden von unserem Kurs abgebracht. Die südwesteuropäische Küste war weit, als das Wetter wieder aufklarte und die beiden Seeoffiziere entschieden, Kurs auf die Azoren zu nehmen. Nein, dachte ich nur, da war ich doch schon vor vielen Monaten! Ich wollte nach Hause und nicht wieder auf die Azoren! Aber es blieb uns nicht anderes übrig, denn die Alternative Madeira war einfach zu weit entfernt.

Wir waren nun fast sechs Tage segelnd auf den Weg zu den Azoren, als wir ein anderes kleines Boot ausmachten, was auf uns zuhielt. Es ging schließlich längsseits. Zwei abgekämpfte Seeleute waren an Bord und grüßten uns freundlich. Es waren Isländer – warum heißt es eigentlich nicht Isen, es heißt ja auch Iren und nicht Irländer, weiß das jemand? – denen das gleiche Schicksal wie uns widerfahren war. Hier waren es keine Fanartikel einer Damenband, sondern Spielsachen für den Hund des Königs von Kappadokien, Sepp IV., den Nachfahren eines berühmten Alphornbläsers, der während einer umjubelten Welttournee in Kappadokien geblieben war und dort bald darauf die Kronprinzessin des Landes geehelicht hatte, dessen Tierliebe den Meuterern erpresserisch viel Geld einbringen sollte. Kapitän Geir – den Nachnamen habe ich vergessen und sein 1. Offizier Asgeir Soundso – isländische Familiennamen sind für ein altes Hirn wirklich nicht leicht zu merken – waren schon wesentlich länger als wir unterwegs und hatten vor, ohne Zwischenstopp auf den Azoren oder sonst wo, direkt nach Island zu segeln. Ich brauchte nicht lange zu überlegen. Island lag näher an Bremerhaven, als die Azoren. Kurzerhand fragte ich Kapitän Geir ob er mich an Bord aufnehmen wolle, und er und Asgeir stimmten freundlich zu. Die beiden Boote tauschten Essbares aus und ich wechselte in das isländische Boot mit Kurs Norden. Ich verabschiedete mich von Kapitän Luigi Schmitz-Schmiersee und dem 1. Offizier Mehmet Müller und schaute wieder optimistisch in die Zukunft und in die wettergegerbten Gesichter Geirs und Asgeirs, mit denen ich mich leidlich in Englisch unterhalten konnte.

Das Wetter war uns hold und wir hatten sogar Ruder an Bord, so dass ich mich daran beteiligen konnte unser Tempo einigermaßen hochzuhalten, wenn der Wind einmal eine Ruhepause einlegte. Die beiden Isländer waren ruhige, besonnene Männer, die nicht viel sprachen. Mir war es recht und ich dachte während des Ruderns viel an meine Heimat und die kommenden Jahre, die ich neu ordnen musste, sollte ich endlich wieder zu Hause sein. Ich vernachlässigte wohl in diesen Tagen meine Körperpflege – und hiermit meine ich das kunstvolle Flechten meiner zotteligen Augenbrauen, aber solange ich noch keine Sichtbehinderung deswegen bekam, war es nicht so wichtig. Die Tage vergingen wie im Flug, unbeeindruckt auch von leichten Stürmen befand sich das isländische Boot auf den direkten Weg nach Island. Nichts konnte Geir und Asgeir aus der Ruhe bringen, und auch ich selbst war mit mir im Reinen und verlebte die harmonischsten Tage meines Lebens seit vielen, vielen Monaten. Langsam neigte sich wohl unser Nahrungsvorrat dem Ende zu, aber Asgeir gelang es immer wieder während der Fahrt den einen oder anderen Fisch zu fangen, den wir dann notgedrungen roh aßen.

Ich spürte bald die aufkommende Kälte des Nordens, ich war es einfach nicht mehr gewohnt, weil ich mich nun schon seit vielen Jahren nur in warmen Gefilden aufgehalten hatte. Entsprechend sah auch meine Kleidung aus, während die beiden Isen – Entschuldigung Isländer – eher warm angezogen waren. Sie kannten es eben nicht anders.

Nach ungefähr 3 Wochen mehr oder weniger flotter Fahrt nahm die Erregung bei Geir und Asgeir zu, denn ihre Heimatinsel Island war nicht mehr fern. Aber, Kinners, es war für meine Verhältnisse einfach alles zu glatt gelaufen. Und darum musste natürlich noch etwas passieren. Und so kam es auch. Aber das wir mit einem Eisberg zusammenstoßen sollten, hätte ich vorher nie für möglich gehalten. Mitten in der Nacht krachte es gewaltig und unser Boot zerschellte an dem eisigen Hindernis. Wir 3 Männer retteten uns auf den Eisberg, der glücklicherweise nicht allzu steil war. Asgeir sicherte noch einiges Essbares, dann lagen wir festgekrallt bäuchlings auf dem Eisberg. Sagt mal, Leute, warum heißt es eigentlich arschkalt? Der ist doch eher ständig warm. Aber egal, auf jeden Fall strahlte der Eisberg nicht gerade Wärme aus. Gut, das die nächtlichen Temperaturen über Null Grad lagen.

Meine beiden Isländer brachten die Havarie ihres Bootes und die Weiterreise auf dem Eisberg nicht aus der Ruhe. Asgeir und Geir, beide so um die vierzig Jahre alt, lächelten mir sogar zu, als es wieder Tag wurde und wir erstmals die Dimension des Eisbergs sehen und erkunden konnten. Er war nicht sehr groß und ragte vielleicht nicht einmal 2 Meter aus dem Meer heraus. Und er schmolz schon so langsam dahin und trieb gemächlich durch die Strömung in Richtung Island. Perfekt! Das Eis war ziemlich stumpf, was für einen Halt sehr gut war. Aber trotzdem fror ich entsetzlich. Da nutzten die einsetzenden Sonnenstrahlen wenig. Meinen Bauch spürte ich kaum noch und meine Hände rissen von der Kälte auf. Ist ja gut, ich erwarte von Euch gar kein Mitleid, Kinners. Ich erzähle hier nur, wie ich es damals eben empfand. Die Kleidung meiner Mitreisenden war wesentlich besser für so eine spezielle Fahrt geeignet, aber meine Südsee-Bekleidung passte nun ganz und gar nicht.

Ich musste mich dringend warm halten. Also kletterte ich vorsichtig den Eisberg hinauf und hatte Glück, dass die Spitze etwas abgeflacht war. Und dann begann ich sofort 50 Liegestütze zu machen. Zuerst fiel es mir etwas schwer meinen eingefrorenen Körper entsprechend geschmeidig zu bewegen. Aber nach den ersten zwanzig ging es dann wesentlich besser. Nach den 50 Liegestützen machte ich gleich noch einmal 50. Und endlich kehrte die Wärme in meinen Körper zurück. Ein wunderbares Gefühl, Leute. Ich konnte gar nicht aufhören Liegestütze zu
machen. Nur meine Hände schmerzten und die Risse wurden tiefer und breiter. Außerdem bestand die Gefahr auf dem Eisberg festzufrieren. Und um meine Hände zu entlasten, erfand ich den einarmigen Liegestütz. So konnte ich abwechselnd immer eine Hand ausruhen. Der einarmige Liegestütz war natürlich schwerer, aber eigentlich nicht für mich! Eine meiner leichtesten Übungen. Mann, war ich in Form! In Hochform! Wie, wer gibt hier an? Und noch einmal 50 Liegestütz. Geir und Asgeir staunten über meine überragende Fitness und versuchten mir nachzueifern. Na ja, teilweise gelang es ihnen. Aber nur teilweise! Aber nach einiger Zeit wurde mir der einarmige Liegestütz zu langweilig und ich entwickelte den Knie-Liegestütz und den Liegestütz auf Fäusten. Mann, was war ich innovativ.

Ich fühlte mich wieder wohl und sah optimistisch in die Zukunft, besonders als der Eisberg in der zehnten Nacht an der felsigen Küste Islands strandete. Geir, Asgeir und ich sprangen – nachdem wir die Situation erfasst hatten – vom Eisberg an die isländischen Felsen. Diese waren nass, kalt und sehr schlüpfrig. Der Aufstieg für uns drei Männer war sehr gefährlich und wir rutschten das eine oder andere Mal ab. Schließlich standen wir schnaufend, ich natürlich weniger, auf einer kahlen, aber ebenen Fläche. Wir hatten Island erreicht! Geir und Asgeir fielen sich in die Arme und auch ich freute mich unbändig.

 

Fortsetzung folgt!

 

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