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Meine Odyssee:

11. Teil: Marketender in Afrika

Erwin, Klaus und ich wanderten nun schon wieder einige Tage an der ostafrikanischen Küste entlang, als wir die erste Begegnung mit der einheimischen Bevölkerung hatten. Glücklicherweise waren sie uns freundlich gesinnt, nachdem Erwin Sargnagel und Klaus Fritzen Lieder zu singen begonnen hatten. Ich weiß nicht, ob die Einheimischen den Herzschmerz, den die meisten der Lieder zum Ausdruck brachten, erahnten, aber sie schienen sehr ergriffen, und ließen uns nach mehreren Zugaben unbehelligt weiterziehen. In diesen Tagen sah Klaus mit seinem angespitzten Holzbein nicht mehr so elegant und gesittet wie früher aus, denn das Holzbein war nun etwas kürzer, da die von Erwin bearbeitete Spitze sich beim Wandern sehr schnell abgenutzt hatte. Leider war dadurch auch sein Gleichgewichtssinn etwas gestört, und Erwin und ich mussten ihn des öfteren stützen.
Es war sehr heiß auf dem afrikanischen Kontinent, aber an der Küste sorgte doch ein angenehmer Wind für ein wenig Abkühlung. Wir waren guter Dinge,  und hofften bald auf einen größeren afrikanischen Hafen zu treffen, der uns einzuschiffen die Möglichkeit bot. Wir wollten endlich nach Hause. Das war unser ganzes Streben. Nahrung bot uns die Küste glücklicherweise genug, und wenn uns Eingeborene zu nahe kamen, dann sangen Erwin und Klaus eben ihre Lieder, und schon waren die Menschen in unserer Nähe glücklich und froh.

So vergingen mehr als vier Wochen, als uns etwas Überraschendes in großes Erstaunen versetzte. Die „Prinzessin Trudy“ lag nah der Küste wieder vor Anker. Wir riefen hinüber und konnten es kaum fassen, denn wieder reagierte niemand an Bord. War sie doch ein Geisterschiff? Kurz entschlossen sprang ich ins Meer – natürlich nachdem ich mich meines Gepäcks und einiger Kleidungsstücke entledigt hatte. Ich musste unbedingt an Bord und nach dem Rechten gucken. Irgendetwas Merkwürdiges umgab dieses Schiff, dass äußerlich gepflegt und intakt schien. Schon hatte ich die „Prinzessin Trudy“ erreicht, als sie mir fast wieder zu entgleiten drohte, denn der Anker wurde langsam gelichtet. Aber voller Kraft kletterte ich an der Ankerkette hoch, und traute meinen Augen nicht, als ich federnd auf das Deck sprang.

Sieben alte Männer mit wettergegerbten Gesichtern und rüstig, wie es schien, standen an Deck und waren voll damit beschäftigt das Schiff zum Versegeln klar zu machen.
„Moin Moin,“ rief ich den Männern zu, die mich noch nicht wahrgenommen hatten.
„Wer spricht,“ fragte einer der Herren, scheinbar der Kommandant.
„Hier, ich, Jan Schmietwech, ein Schiffbrüchiger,“ rief ich zurück.
Mit zusammengekniffenen Augen starrte der Mann in meine Richtung.
„Ach, ich sehe ihn,“ rief ein anderer der Seeleute.
„Tatsächlich, da ist einer,“ sagte der Kapitän und lächelte freundlich.
„Willkommen an Bord,“ sagte er weiter, und lud mich mit einer Handbewegung ein zu ihm zu kommen.
Im weiteren Gespräch stellte sich heraus, dass die „Prinzessin Trudy“ dem Seniorentreff „Flotte Möwe“ aus dem schönen Harlingerland gehörte.

„Wir wollten bei unserem Jahrestreffen mal ein bisschen weiter hinaus, als immer nur nach Helgoland,“ sagte der gestandene Seebär in Ruhestand Kapitän Siegfried Paul Schnöf aus Wittmund. Leider waren die Augen und das Gehör der Männer nicht mehr in bester Verfassung, was auch die vergangenen Ereignisse ausreichend erklärte, wie ich und natürlich auch Klaus Fritzen und Erwin Sargnagel, die nun auch an Bord waren, bald feststellen mussten.
Trotzdem machte das Leben an Bord Spaß, und die sieben Herren schienen ziemlich froh zu sein, neue und vor allem gelenkige Mitstreiter auf dem Schiff zu haben. Die „Prinzessin Trudy“ lichtete endgültig den Anker und segelte – nach kurzer Beratung – entgegen dem ursprünglichen Plan in Richtung Süden. Das Ziel war nun das Kap der Guten Hoffnung zu passieren, und dann um Afrika herum, nach Norden zu segeln, um schließlich unser geliebtes Europa zu erreichen.

Das Wetter war prächtig, und die „Prinzessin Trudy“ kam flott voran. Erwin Sargnagel nutzte die Zeit und reparierte das Holzbein Klaus Fritzens kunstfertig, und bald darauf glänzte das Bein wie früher. Ein interessierter Zuschauer bei der Instandsetzung war Emden-Onno, mit knapp 90 Jahren der älteste der sieben Ausflügler, die allesamt richtige Unikate waren.
„Ich hatte auch mal ein Holzbein. Oder waren es zwei,“ fragte sich Emden-Onno und hob seine Hosenbeine an, „ach, doch nur eines, und das habe ich später gegen eines aus Elfenbein ausgetauscht. Ja, ich erinnere mich jetzt. Elfenbein natürlich von einem Elefantenfriedhof,“ ergänzte er noch schnell zur Entschuldigung. 
Zum anderen war da auch Saufaus-Bobby.
„Ich trinke aber nur Wasser,“ sagte er entschuldigend zu seinem Spitznamen.
„Ja, jetzt, wo Du das Hochprozentige nicht mehr ab kannst,“ raunzte ihn der Große Herbert an, der ein Glasauge hatte, aber auch mit dem echten Auge nicht viel besser sehen konnte.
Dann gab es noch den Friesen-Ede, der als Auslöser für die Ostfriesenwitze hätte hergehalten haben können, oder Black Jack, der aufgrund seines schwarzen Haares so genannt worden war, aber nun eine schlohweiße Haarpracht besaß. Oder Hans-Peter Hundsheimer, der nur Turtle-Hannes hieß, und dass, weil er einst mit einer echten Lady Curzon befreundet gewesen war. Aber auch der Kapitän dieses Seniorenclubs Siegfried Paul Schnöf hatte einen Spitznamen. Er wurde von seinen Leuten nur Old Man genannt, was keine Beleidigung war, sondern bei den Briten die respektvolle Anrede für einen kommandierenden Kapitän war, denn Schnöf hatte viele Jahre für britische Reeder gefahren.

Wir passierten bald darauf ohne große Probleme das Kap der Guten Hoffnung und segelten nun in Richtung Norden die südwestafrikanische Küste entlang. In einem kleinen angolanischen Hafen nahmen wir Frischwasser auf und wollten gerade wieder den Anker lichten – ich hatte übrigens vom Großen Herbert, der fast zwei Meter groß war, die Steuermannsfunktion übernommen, da dieser sein Glasauge verloren hatte, und wie er sagte, nun überhaupt nichts mehr sehen konnte, und wenn man in sein ihm verbliebenes natürliches Auge blickte, musste man ihm fast glauben – tauchte am Horizont ein schöner Segler auf. Wir blieben auf Reede liegen und warteten voller Ungeduld auf das fremde Schiff. Klaus, Fritz und ich waren nun schon so viele Monate von der Außenwelt abgeschnitten gewesen, dass wir begierig auf Nachrichten und Geschichten waren. Und auch Kapitän Schnöf und seine Leute freuten sich auf interessante Neuigkeiten. Vielleicht wusste man an Bord des fremden Schiffes von der Entführung der „Prinzessin Trudy“ mit tollen Mutmaßungen, statt der einfachen Wahrheit, dass die alten Herren einfach mal einen richtigen Ausflug machen wollten, statt den ganzen Tag lang im Schaukelstuhl zu sitzen und vor sich hin zu dösen.

Das fremde Schiff kam aus Deutschland und hatte auffallend bunte Segel. Die „Singdrossel“ – so hieß der schöne Segler – ging längsseits der „Prinzessin Trudy“ vor Anker. Und die, die noch halbwegs richtig sehen konnten, starrten fasziniert zur „Singdrossel“ hinüber, die voller hübscher – uns aufreizend zuwinkender – Frauen war. Es war ein Marketenderschiff, und dazu da, in allen Häfen der Welt den Seeleuten ein paar schöne Stunden zu bereiten. Der kleine Hafen bot den Damen – und wenigen Herren – kein Betätigungsfeld, so stürzten sich die Marketenderinnen sogleich auf uns. Erwin Sargnagel, der jüngste und sicherlich auch der schönste Mann an Bord der „Prinzessin Trudy“ – es war so, Wahrheit muß Wahrheit bleiben, und da bin ich ganz bescheiden, okay, gezwungenermaßen – war sogleich von so vielen Damen umringt, dass er kaum noch Luft bekam. Aber auch Klaus Fritzen mit seinem polierten und in der Sonne schön glänzenden Holzbein und ich konnten sich nicht beschweren. Wie lange hatten wir auf den Duft hübscher Frauen verzichten müssen!

Am Abend fand auf der „Singdrossel“ eine große Party statt. Wein, Weib und Gesang war das Motto, und die Barkeeper des Marketenderschiffes machten gute Umsätze, da unsere Rentner vor ihrem großen Ausflug noch eben schnell ihre prall gefüllten Sparbücher geplündert hatten. Es gab an Bord des schwimmenden Nachtclubs Akrobaten, einen Zauberer, Gesangs- und Showeinlagen. Auch meine beiden Freunde konnten sich nicht zurückhalten und sangen mit den Profis an Bord der „Singdrossel“ um die Wette. Besonders von Erwin Sargnagel waren die Damen angetan. Sein Aussehen und seine Stimme veranlassten Tamara Tabula, die ein richtiges Vollweib war, den guten Erwin mit ihren Reizen zu umgarnen, und ihn ein Angebot zu machen, dem er schließlich voller Wonne erlag. Erwin Sargnagel wechselte ins Showgeschäft. Als die Party – damals hieß so etwas eigentlich noch Feier – vorbei war, packte er seine Sachen, verabschiedete sich von Klaus und mir und verließ uns ohne mit der Wimper zu zucken. Denn seine Tamara wartete voller Sehnsucht schon auf ihn, und gegen eine schöne Frau ist man als Mann vollkommen machtlos. 

Am nächsten Morgen segelte die „Singdrossel“ mit Erwin Sargnagel an Bord davon. Uns fehlte Erwin doch sehr, aber das Leben ging weiter, und erst recht die Reise der „Prinzessin Trudy“ unter dem Kommando von Kapitän Siegfried Paul Schnöf, der glücklich war, dass seine Freunde vom Seniorentreff „Flotte Möwe“ die Party gut überstanden hatten, und sogar mit immer noch strahlenden Augen der Ereignisse der letzten Nacht gedachten.


Zum zwölften Teil!

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