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Meine Odyssee oder: Schmietwechs sonderbare Abenteuer
25. Teil: Leticia und das Glasauge
Die Kutsche schien endlos unterwegs zu sein. Meine beiden Mitreisenden sprachen kein Wort, ließen mich aber nicht aus den Augen. Es schaukelte so schön,
dass ich müde wurde und schließlich einschlief. Als ich wieder erwachte war helllichter Tag. Kurz darauf hielt die Kutsche. Die beiden Männer befreiten mich von den Fesseln und brachten mich in einen
wunderschönen Garten und ließen mich allein. Und dann kam sie. Leticia! Sie hatte mich entführen lassen.
Sogleich umarmte und küsste sie mich und murmelte mir ins Ohr: „Jan. Endlich habe ich dich für mich allein.“
Dann zog sie mich aus dem wunderbar angelegten Garten fort und wir standen vor einem großen Herrschaftssitz. Ein Gut.
„Hier lebe ich, Jan“, flüsterte sie.
„Ich bin so einsam. Und Du bist der Mann meiner Träume“, fuhr sie fort.
Irgendwie schmeichelte mir das.
Trotzdem sagte ich: „Leticia, ich kann aber nicht bleiben, weil ich ….“
Sie ließ mich nicht ausreden, sondern legte mir einen Finger auf den Mund und entgegnete mit einem strahlenden Lächeln: „Jan,
du wirst nie mehr wünschen von mir fort zu gehen. Hier wird der Himmel für dich sein.“
Und wieder küsste sie mich. Und es gefiel mir. Nun küsste ich sie, und auch dass war äußerst angenehm. Na ja, dachte ich, eine
Weile kann ich es bei Leticia schon aushalten und folgte ihr in das Haus.
Drinnen war alles prachtvoll eingerichtet. Viele Bedienstete liefen geschäftig durch das riesige Haus. Sie zeigte mir als erstes
unser gemeinsames Schlafzimmer, wie sie bewusst betonte. Danach zog sie mich durch das ganze Anwesen und dann sich aus.
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Ich will über unsere Beziehung nichts weiter sagen, denn ein Gentleman genießt und schweigt. Wer hat da jetzt gelacht? Was?
Nur noch eines. Es waren herrliche Tage. Leticia vergötterte mich und ich ließ es mir natürlich gefallen. Auch als sie mein schütteres Haar zum ersten Mal ohne eine Kopfbedeckung und dann auch
noch bei Tageslicht sah, trübte es nicht ihren Willen immer mit mir zusammen zu sein. Sie begann sogar meine Augenbrauen – mit Wonne, wie sie sagte – zu schneiden und in eine interessante
Form zu bringen. Auch ich mochte Leticia sehr, sehr gerne, denn sie hatte viel Feuer, sah sehr gut aus und ihre Figur konnte sich auch sehen lassen. Besonders ihr langes, gewelltes, schwarzes
Haar hatte es mir angetan. Gerne spielte ich mit ihrem Haar, wenn wir zusammen waren. Sie war eine unersättliche Frau, die einen Mann schon glücklich machen konnte. Um ihr Gut kümmerte
sich ein Verwalter – ich glaube, er hieß Pedro Sosa oder so ähnlich. Es ist schon so lange her und ich hatte damals andere Sachen im Kopf, als mir Namen zu merken. Aber Leticia? Was
für eine heißblütige Frau. Abends tanzten wir vor dem prasselnden Kaminfeuer. Jawohl, Jan Schmietwech ist durchaus ein Romantiker!
Bei Leticia lernte ich sogar das Reiten. Auf einem Pferd, Kinners. Mann, was sonst? Es war wirklich schön bei Leticia. Ich genoss
es in vollen Zügen. Und die Tage vergingen wie im Flug. Ich führte ein herrliches Leben und dachte kaum noch an die Heimat. Konnte es einen Mann besser gehen als mir?
Leticia war voller Temperament, aber trotzdem behandelte sie ihre Bediensteten freundlich und gut. Sie hatte für jeden ein nettes
Wort, und mit den Kindern ihrer Leute spielte sie sogar manchmal Ball und Murmeln. Und eines besonders schönen Tages hatte Leticia mit ihrem Verwalter Pedro Sosa ein wichtiges Gespräch
zu führen und ich beschäftigte mich während der Zeit mit den beiden kleinen Kindern Pedros und spielte mit ihnen Murmeln. Ich war wirklich gut und wir hatten viel Spaß, bis mir eine der Murmeln
auffiel. Sie sah so anders aus, als die anderen. Ich hatte gerade den zweiten Platz belegt, als ich sie mir mal genauer ansah. Es war ein Glasauge! Es war irgendwie furchtbar, als mich das
Glasauge anstarrte. Ich stopfte es schnell in den Murmelbeutel und beendete das Spiel. Die kleine Maria und der kleine Pedro konnten mich noch zu einem Ballspiel animieren, aber die Freude
am Spiel war mir erst einmal verdorben. Am späten Abend sprach ich Leticia wegen des Glasauges an, wo es denn wohl herkäme.
„Es ist das Auge meines verstorbenen Mannes“, antwortete sie unschuldig lächelnd.
„Welches“, fragte ich dummerweise.
„Das! Links, rechts, ich weiß es nicht mehr. Er hatte nur eines.“
„Nur ein Glasauge?“
„Insgesamt!“
„Wie“, fragte ich, „konnte er gar nicht mehr sehen?“
„Janni“, so nannte sie mich, „was fragst du soviel? Er lebt nicht mehr und hat mir viele Güter hinterlassen, die mich zu einer reichen Frau gemacht haben.“
Ronaldo – so hieß Leticias verstorbener Mann – dürfte es bei ihr nicht einfach gehabt haben, und dafür sprach nicht nur sein
Glasauge im Murmelbeutel, sondern auch ein Stück Ohrläppchen, das er sich während einer sehr starken Depression, wie Leticia erzählte, selbst abgeschnitten hatte, und das sie in einem feinen
Tuch eingewickelt in ihrem Nähkästchen verwahrte. Und seine Depressionen rührten natürlich größtenteils von dem Feuer seiner Frau her, denn er war nicht imstande es zu mildern oder für sich
zu nutzen. So darbte Ronaldo die letzten Jahre seines Lebens voller Verlangen und blind dahin. Was nützte ihn da sein Vermögen? Armer Ronaldo! Aber unser Zusammensein trübte
diese Erkenntnis nicht. Und Leticia wurde immer feuriger.
Eines Abends saßen wir gemeinsam auf der Terrasse und eine etwas kühle Brise kam vom Meer heran und ließ Leticia frösteln.
Sie ging hinein und kam einen Augenblick später, bekleidet mit einem Pullover, wieder heraus und setzte sich kuschelnd neben mich. Es war ein sehr flauschiger Pullover, fast wie ein Pelz, den sie trug. Sehr weich.
„Ist er nicht schön“, fragte sie mich.
„Ja.“
„Guck mal“, und sie strich über eine bestimmte Stelle, „das ist Haar von Ronaldo, er war damals schon etwas grau. Und dieses
hier ist von Raul, einem spanischen Seemann tiefschwarzes Haar, und hier dieses ….“
Irgendwie wurde mir bei ihren Ausführungen etwas unwohl zu mute.
„…. ist von Francois, dem ehemaligen französischen Konsul in Pernambuco. Ja, Janni, und hier ist noch eine Stelle für dein Haar frei.“
Und sie strahlte mich an.
Ich wusste nicht, ob ich mich freuen sollte. Außerdem kam mir wieder Ronaldos Glasauge und sein Ohrläppchen in den Sinn,
und das Haar auf Leticias Pullover bestand nicht aus kleinen Büscheln, statt dessen waren es richtig lange und breite Strähnen. Ob die jemand wirklich freiwillig weggegeben hatte?
Danach hätte jeder der Männer ein ziemlich großes Loch in der Frisur gehabt! Und ich hatte jetzt schon einen löchrigen Haarschnitt. Leticia strahlte mich immer noch an und ich strahlte so gut es eben ging zurück.
„Freust Du dich“, fragte sie auch noch und lächelte ihr bezauberndes Lächeln.
„Klar“, antwortete ich so fest es ging.
„Willst Du es heute schon haben“, fragte ich vorsichtig.
„Nein. Heute noch nicht“, sagte sie.
Hatte sie mich eben nicht etwas merkwürdig angeschaut, ob sie darüber nachdachte, doch schon mein Haar …. Ich mochte gar
nicht daran denken. Mein schönes mir verbliebenes Resthaar für ihren Pullover? Und wann wollte sie mein Haar? Den Gedanken, dass sie vielleicht eine Männermörderin sein könnte, schob ich
sofort beiseite. Diese feurige Frau? Das konnte und durfte nicht sein! Aber das Glasauge und die gewaltigen Haarsträhnen? Und nun ich?
In den folgenden Tagen versuchte ich nicht an Leticias Pullover, das Ohrläppchen und das Glasauge zu denken, was mir sehr
schwer fiel. Als aber Pedros Kinder mit mir Murmeln spielen wollten, öffnete ich vorher den Beutel und suchte das Glasauge heraus. Lange starrte ich es an oder starrte es mich an? Und
steckte es dann ein. Am Abend, als ich kurz allein war, begrub ich Ronaldos Glasauge im Garten. Und zwar fast einen Meter tief. Ich sprach so gut es eben ging ein paar nette und religiöse Worte
und schlich wieder hinein. Leticia hatte meine Abwesenheit und mein Werkeln im Garten bemerkt und fragte mich, was ich dort denn wohl gemacht hätte.
Ich überlegte kurz und entschloss mich die Wahrheit zu sagen: „Ich habe Ronaldos Glasauge beerdigt.“
„Aber die Kinder haben so gerne damit gespielt, Janni“, sagte Leticia und schüttelte ihren schönen Kopf.
„Du beraubst mich meiner Erinnerungen“, sagte sie noch und ließ mich allein.
Hatte ich ihr unrecht getan? Sie kam zurück und reichte mir Ronaldos Ohrläppchen.
„Das kannst Du auch beerdigen, wenn Du willst.“
Ich tat es sofort. Und sie schaute dabei zu.
Sie schien etwas erzürnt zu sein und fragte: „Und was bekomme ich von Dir?“
„Mein Haar“, antwortete ich vorsichtig.
„Das ist mir nicht genug“, sagte sie und ging ins Haus.
Das war unsere erste Krise und ich nahm mir vor, dass es auch die letzte bleiben sollte.
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Noch in der Nacht schlich ich mich von Leticia und ihrem Anwesen fort. Leticia war wohl eine phantastische, heißblütige,
rassige Frau, und ich habe die Wochen bei ihr voll genossen – es war einfach nur herrlich, aber ganz ungefährlich schien mir ein Leben mit ihr nicht gerade zu sein. Und ich war nicht erpicht
darauf, Körperteile von mir für ihre Sammlung herzugeben. Wirklich nicht. Es war eine lange Wanderung – immer nur im Schutz der Dunkelheit und des Unterholzes – zurück nach Bahia.
Ich sah unterwegs Reiter, die mich aufspüren sollten. Sogar Leticia sah ich einmal in einer Kutsche vorbeifahren. Sie wies ihre Leute an, mich gefälligst zu finden. Die wunderschöne
Leticia! Schade. Aber sie entdeckten mich glücklicherweise nicht und ich erreichte wohlbehalten nach gut einer Woche Bahia. Ich ging vorsichtig ohne Umwege direkt zum Hafen und musterte
sogleich auf das einzige im Hafen liegende Schiff an. Es war die „Mary Celeste“.
Zum sechsundzwanzigsten Teil!
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