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Meine Odyssee oder: Schmietwechs sonderbare Abenteuer
23. Teil: Kurt Bangbüx
Am nächsten Tag kam der Stammesführer wieder zu uns, sah Clara an und sagte leise: „Du bist Clara Davidowitsch.“
„Und du Kurt Buhse.“
„Ja.“
Dann ging der Häuptling wieder. Luigi, Tiziana und ich waren konsterniert. Der Häuptling der Eingeborenen war ein ehemaliger
Bürger von Neu-Furzheim. Und Clara kannte ihn.
In der Folgezeit erzählte Clara die Geschichte Kurt Buhses, der auch Kurt Bangbüx genannt wurde.
Kurt Buhse gehörte zu den wenig begabten Luftlassern in Neu-Furzheim, der dieses Entlüften nur zu medizinischen Zwecken
akzeptierte und sonst sich merklich zurückhielt. So fiel er natürlich den Stadtoberen auf, die Absonderlichkeiten – wie sie es nannten – sehr ungern sahen und Kurt aufforderten sich mehr an die
Gepflogenheiten des Ortes anzupassen. Damals war er gerade mal 18 Jahre alt und verliebte sich in die extreme Entlüftungsverweigerin Clara Davidowitsch. Ein revolutionäres
Paar, wie viele Bürger in Neu-Furzheim meinten. Clara arbeitete damals als Näherin, während Kurt arbeitslos war, seit er fluchtartig das mit schwerer Luft übermässig gefüllte Gewächshaus
verlassen hatte, wo er als Gärtner ausgebildet werden sollte. Die Luft dort war dank seiner Kollegen so stark belastet, dass er kaum Luft bekam, aber er gab nicht auf und versuchte immer wieder
sein Glück im Gewächshaus. Schließlich litt er unter Asthma. Er war einfach nicht für diese Art von Arbeit geboren und die Stadtväter nahmen es ihn übel. Und hier tat sich besonders der
Vater von Clara hervor, der es nicht gerne sah, wenn seine Tochter mit Kurt ging. Er war es auch, der Kurt in der Lagerhalle neue Arbeit vermittelte. Aber auch hier verschlechterte sich die
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Luft im Laufe des Arbeitstages für Kurt so dramatisch, dass er auch diese Arbeit schon nach kurzer Zeit aufgeben musste. Wenn
jemand an ihm vorbeiging und entlüftete, bekam Kurt sogleich einen asthmatischen Anfall. Kurt Buhse fühlte sich schwach und unnütz. Er wurde von fast allen Mitbürgern misstrauisch beäugt, da
er so anders war als sie. Auch beim großen Erntedankfest bekam er vor den versammelten Bürgern einen Anfall, und das gerade, als der achtköpfige Festausschuss gemeinsam per
Luftentweichung das Fest eröffnete. Ein gewaltiger Knall und eine Wolke, die selbst die starken Neu-Furzheimer fast umgehauen hätte. Alle lachten und freuten sich. Und sie lachten Kurt Buhse
aus, der zusammengekrümmt vor ihnen lag und nach Luft schnappte. Als sich Kurt gerade wieder aufgerappelt hatte, meinte der Ausschussvorsitzende noch einen draufsetzen zu müssen und
ließ einen Gewaltigen fahren, der Kurt zusammenzucken ließ.
„Kurt Bangbüx“, schrieen gleich mehrere Kinder und zeigten auf den armen Kurt, der noch am gleichen Tag gehetzt den Festplatz
und Neu-Furzheim verließ. Eine Flucht vor der Schande, denn er war ein Versager in den Augen seiner Mitbürger.
Bangbüx kommt eigentlich aus dem Plattdeutschen. Bange bedeutet „Angst haben“ und Büx „Hose“. Die richtige – nicht
wortwörtliche – Übersetzung wäre wohl Angsthase.
So kam er zu den Eingeborenen, die ihn freundlich in ihrer Mitte aufnahmen. Dort an der frischen Luft gesundete er bald und fühlte
sich wieder wohl. Er entwickelte dort ungeahnte Fähigkeiten, die ihn bald zum Oberhaupt der kleinen Eingeborenensiedlung machten. Aber nun wo Clara in seiner Nähe war, hatte ihn seine Vergangenheit wieder eingeholt.
Doch Clara Davidowitsch war anders. Sie freute sich Kurt wieder gefunden zu haben. Und er wurde uns gegenüber offener und ließ
zuerst Clara und dann auch Luigi, Tiziana und mich frei. Clara und Kurt hatten sich viel zu erzählen und hockten ständig zusammen. Eigentlich hatten wir vier Gefangenen vorgehabt gemeinsam
davonzugehen. Aber Clara machte keine Anstalten und so blieben
wir die nächsten Tage bei den Eingeborenen, die uns nun noch freundlicher behandelten und uns durch ihr Dorf wandern ließen.
Ich machte mit einem Jäger einmal eine kleine Bootstour. Das Land war wirklich sehr schön. Aber eines gefiel mir ganz und gar nicht. Ich schien Clara an Kurt zu verlieren. Sie schauten sich
beide sehr verliebt an, ihre alte Leidenschaft schien wieder aufgeflammt zu sein. Auch Luigi und Tiziana hatten es bereits bemerkt.
Dann kam der Tag der Entscheidung.
Kurt, der mich nun nicht mehr an meinen Augenbrauen zupfte, und Clara kamen zu mir.
Sie sagte: „Du, Jan. Ich bleibe bei Kurt. Ich gehe nicht mehr nach Neu-Furzheim zurück.“
„Ach“, antwortete ich wenig überrascht und zog mich schmollend zurück.
Sie kam mir nach und sagte leise: „Es tut mir leid.“
„Ist ja gut, Mädchen“, entgegnete ich betont lässig.
Sie gab mir einen Kuß und ging. Somit war für mich nun auch das Kapitel Clara beendet. Es schmerzte mich wirklich und wurde
noch verstärkt, wenn ich den verliebten Italienern beim Turteln zusah. Tiziana und Luigi Silenzio hatten sich entschlossen ein neues Leben in Neu-Furzheim zu beginnen. Da Luigi auch unter
Entlüftungsproblemen litt, schien ihnen die deutsche Stadt durchaus eine Alternative und einen Versuch wert zu sein, dort neu anzufangen. Ich selbst – ohne Clara – hatte nicht mehr den
Wunsch nach einer Rückkehr nach Neu-Furzheim. Und so verlor ich die nächste Frau. Weiber! Irgendwie hatte ich mit ihnen kein Glück. Traurig saß ich bald allein am Fluss und grübelte.
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Als ich einige Tage später in der Nähe von Kurts Dorf eine japanische Touristengruppe vorbeilaufen sah – ich versuchte ihnen
zu folgen, ein Schiff musste doch in der Nähe liegen, aber sie hatten es so eilig und liefen dem Fremdenführer so schnell hinterher, dass ich sie bald aus den Augen verlor – stand mein
Entschluss fest. Ich wollte an der Küste in Richtung Norden wandern. Mein Ziel war die Stadt Pernambuco, die nicht allzu weit von hier entfernt sein durfte. Ich wollte endlich nach Hause. Luigi
und Tiziana Silenzio hatten sich schon auf dem Weg nach Neu-Furzheim, ihrer neuen Heimat, gemacht.
Zwei Tage später verabschiedete ich mich von Clara und Kurt, die mir allerlei Ausrüstungsgegenstände und Nahrungsmittel
mitgaben. Clara Davidowitsch schien sogar etwas traurig zu sein, als ich sie umarmte. Dann verließ ich Kurts Dorf, ging zur Küste und wanderte von nun an wieder allein in Richtung Norden. Ich
hatte die Hoffnung spätestens nach zehn Tagen Pernambuco oder einen der Vororte erreichen zu können. Das Wetter, wie auch meine Stimmung waren gut. Heimat, ich komme, jubilierte es in
mir. Irgendwann musste meine Odyssee doch einmal zu Ende gehen.
Zum vierundzwanzigsten Teil!
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