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Meine Odyssee

2. Teil: Kantenschoner und Fußpfleger

Nun fahre ich fort, Kinners. Ich saß nun also vollkommen allein auf einer Insel fest, aber immerhin wieder als freier Mann. Die Küste entlang zu wandern, um eine Siedlung oder einen Hafen zu finden, schien mir die beste Lösung für mein Problem. Unter Absingen von schmutzigen Liedern machte ich mich frohgemut auf den Weg, aber als ich sah, daß kleine Krebse blitzartig ins Meer rannten und tausende von Wattwürmern sich verzweifelt tiefer ins Watt bohrten, hatte ich ein Einsehen und hörte mit meinem Gesang auf. Diese Kunstbanausen! Na ja, ich will ehrlich sein, die Tiere hatten recht so zu handeln. Und Menschenfresser, fragt Ihr? Davor hatte ich keine Angst, denn ich war für einen saftigen Braten viel zu zäh. Ich war zuversichtlich bald einen Hafen und ein Schiff zu finden, daß mich in Richtung Heimat bringen würde. Nach einer mehr als zweiwöchigen Wanderung, ich ernährte mich von Dingen, die der Strand hergab, wie Einsiedlerkrebse, Palmenfrüchte und dergleichen – den Dschungel mit den mir unbekannten Tieren mied ich, fiel endlich ein kleiner Hafen in meine Blickrichtung.

Wie ich annehme, bedingt durch meine weiße Haut, gab es schnell einen Menschenauflauf, als ich mich endlich der Stadt genähert hatte. Wie ich später erfuhr, befand ich mich in Brunei. Heute ist der Ort dank des Erdöls eine äußerst reiche Stadt. Aber damals sprach und wußte man noch nichts von Erdöl und dem Geld, was damit zu verdienen war. Aber bevor ich mich vorstellen oder ein Schiff suchen konnte, wurde ich von 2 Soldaten, die einen Fes trugen, festgenommen. Ohne ein Wort an mich zu verlieren, wurde ich abgeführt. Zwei Tage und eine Nacht verbrachte ich in einem dreckigen Loch, was sich wohl Gefängnis nennen sollte, aber nach den vielen Nächten unter freiem Himmel, schlief ich trotzdem recht gut. Dann wurde ich endlich aus dem Gefängnis geholt und in das Schloß des Sultans Ibrahim, der „der Anschmiegsame“ genannt wurde, gebracht, wo ich Unglücklicher von nun an als Sklave zu dienen hatte. Zuerst ein Shanghaiter und nun Sklave, was für eine Karriere!

Aber, Ihr werdet mir wahrscheinlich nicht glauben, ich spezialisierte mich gleich in den ersten Monaten auf dem Gebiet der Pediküre, und durfte sogar die königlichen Füße des Sultans pflegen. In den Augen seiner Untergebenen eine sehr ehrenvolle Aufgabe. Sogar Neid gab es, aber ich erreichte so eine große Fingerfertigkeit dabei, den Füßen des Sultans Ibrahim „des Anschmiegsamen“ zu schmeicheln, daß meine Stellung unangreifbar wurde, und ich sogar bald als unverzichtbarer Sklave angesehen wurde. Was denn nun wieder zu viel der Ehre – wenn man als Leibeigener davon sprechen kann – war. Wer war das? Wer hat da gefragt, ob er bei mir auch anschmiegsam war, na? Nicht bei mir, Kinners. Nicht bei mir. Gott bewahre!

Noch eine Frage? Warum der Sultan überhaupt „der Anschmiegsame“ genannt wurde? Das ist etwas pikant. Ich will es mal so erklären: Sultan Ibrahim liebte die Damen, und er hatte einen unwahrscheinlich großen Harem. Jedesmal wenn er seinen Harem verließ, strahlte er über das ganze Gesicht und war glücklich. Und er strahlte fast den ganzen Tag. Wie mir ein Eunuch erzählte, konnte sich der Sultan so eng an seine Damen anschmiegen, daß kein Blatt Papier mehr zwischen ihnen gepaßt hätte. Er war dann eins mit den Frauen, und sie schätzten ihren Gemahl, wie mir der Eunuch berichtete, der sich einst Hermann Hartmut Kugelschmitz nannte, und ein Bamberger Metzgergeselle gewesen war, bevor ihn das Schicksal nach Borneo verschlagen hatte, und er dabei auch noch seine Männlichkeit einbüßen mußte, um seine Stellung als Armleuchter nicht zu verlieren, die er so sehr liebte, denn Sultan Ibrahim duldete es nicht, wenn seine – nennen wir es – Begegnungen mit seinen Frauen von einem Mann beleuchtet wurden, und nun als 180 kg-Koloß und dem durchgeistigten Gesichtsausdruck eines Entmannten durch den Palast des Sultans schwebte. Durchgeistigt ist sehr freundlich ausgedrückt, wenn ich Euch sage, daß der Ausdruck Armleuchter als Schimpfwort – was aber durchaus fast einen vornehmen Klang hat – von dem Eunuchen Kugelschmitz abgeleitet wird, könnt Ihr es mir schon glauben. Denn er war selten dämlich. Verzeiht Ihr mir diesen unschönen Ausdruck? Dämlich hat in diesem Fall nichts mit Damen zu tun, obwohl bei einem Eunuchen? Oh, oh, dämlich hat natürlich nie etwas mit Damen zu tun! Mein Gott, was hätte ich da fast gesagt?!

Hermann Hartmut Kugelschmitz meinte zum Beispiel, daß ein Fußpilz eßbar, oder Fersengeld eine Strafe für ein Loch im Strumpf war. Ein Notnagel war für ihn ein Ersatznagel im Notfall, und ein Hühnerauge hatte natürlich nichts mit einem Fuß zu tun. Ein Sockenhalter konnte nur ein Bediensteter des Sultans sein, und der Anton nur sein Schwippschwager Anton Hundshölzner und nicht der große Zeh. Oder kennt Ihr auch nicht diese besondere Bezeichnung für den großen Zeh? Jetzt ehrlich! Und so gibt es noch viele Beispiele für die Einfalt, um der sich der Eunuch umgab. Na na, rechnet mich nicht mit dazu. Verstanden! 

Jetzt wieder zurück zum Sultan, den ich bald nicht mehr „den Anschmiegsamen“, sondern den Kantenschoner nannte. Ich weiß eigentlich auch nicht so recht, wie ich darauf gekommen bin, aber seine Fußnägel waren so kantig, und seine anschmiegsame Art – nicht bei mir, Kinners, hab' ich doch schon gesagt, oder? - und sein Bewegungsablauf wirkten irgendwie wohltuend und schonend auf mich. Er schien seine Damen nicht nur vor den Unbilden der Umwelt beschützen zu wollen. Und so sollte man auch im Hafen mit der Ladung umgehen. Diese Erkenntnis kam mir später sehr gelegen, und ich begann Kantenschoner zu entwickeln, die gerade heute in der Ladungssicherung, aber nicht nur als Kantenschutz, sondern auch als Abriebschutz und in der Hebetechnik Verwendung finden, und die es in Metall, Plastik und Pappe gibt, oder als Winkelschienen in verschiedenen Größen. Sie sind natürlich elastisch und stoßfest. Das hättet Ihr nicht gedacht, daß ich noch einen Dreh zum Hafen finde, was? Ach, hat sich da eben jemand über den Begriff „stoßfest“ lustig gemacht? Unreifer Mensch! Noch was? Hat er seine Damen nur schonend behandelt, oder sie auch mal hart 'rangenommen? Mann, Mann, was für eine Frage! Vorsicht, auch sittlich gereifte Damen lesen das hier, Kinners!

Der Sultan schätzte mich sehr. Das bemerkte ich fast schmerzlich, denn ich schwankte zwischen Flucht – um endlich wieder frei zu sein – und Gründung einer eigenen Existenz in Brunei. Ihr glaubt mir wohl nicht, aber ich spielte wirklich ernsthaft mit dem Gedanken eine Fußpflegepraxis zu eröffnen. Denn ich war die absolute Nummer 1 unter den Fußpflegern, dessen Dienste auch die anderen hohen Würdenträger des Landes gerne in Anspruch genommen hätten. Ein Mitsklave mit dem Namen Jobst Slipper aus dem Salzkammergut, der während seiner Dienstzeit beim Sultan, wenn ich es so nennen darf, ein herausragender Handwerker geworden war, dessen Einlagen in Verbindung mit meiner speziellen Pediküre den Füßen Sultan Ibrahims mehr als nur schmeichelten, und ich entschlossen uns schließlich doch zur Flucht, auch weil wir vom Mitsklaven Tarantalus Spinn aus Mobbing in Mittendrinösterreich, oder war es Oberunterösterreich, ich weiß es nicht mehr, gemobbt wurden, der als Bartzwirbler des Sultans eine Koryphäe geworden war. Da staunt Ihr, nicht wahr? Ja, schon damals begann das Mobbing in der Arbeitswelt. Spinn, der sogar nach Feierabend Kurse bei der Bruneier Volkshochschule besuchte, und dort, Ihr habt es erraten, natürlich Unterricht in Fußpflege und Orthopädie nahm, wollte sich beim Sultan unentbehrlich machen. Langsam wurde es unerträglich, wie uns Tarantalus Spinn bei Ibrahim in Mißkredit brachte. Mißhandelte Einlagen und abgeschnittene Fußnagelstückchen, die sich in den vergoldeten Pantoffeln des Sultans verfangen, sorgten für eine schwere Nagelbettentzündung, die Ibrahim lange ans Bett fesselte. Von damals stammt auch der Ausdruck: „Jemanden etwas in die Schuhe schieben“. Der Sultan zürnte Jobst Slipper und mir und wurde immer mißtrauischer. Sabotagevorwürfe unsererseits akzeptierte der ansonsten friedliche Herrscher nicht, der einfach nicht glauben konnte, daß in seinem Palast unrechtmäßige Dinge vorgingen. Schließlich reifte bald ein Plan in uns der Sklaverei und dem Mobbing zu entkommen.

Wir schlichen eines Nachts aus dem Palast und versteckten uns als „Blinde Passagiere“ auf einem kleinen Segler, der bald darauf Brunei verließ. Die japanische „Kamasutra Maru“ war auf dem Weg nach Neuguinea, aber leider wurden wir Unglücklichen bereits 4 Tage nach der Abfahrt, und nur weil ich laut niesen mußte, anderslautende Berichte, daß es ein anderes von mir ausgestoßenes Geräusch war, möchte ich als reine Spekulation nicht kommentieren, von Besatzungsangehörigen entdeckt und im nächsten erreichbaren Hafen an Land gesetzt. Eine nette Gäste der Japaner, denn sie hätten uns auch außenbords entsorgen können. Es war immer noch Borneo, aber der Hafen Miri gehörte nicht mehr zum Einflußbereich Ibrahims „des Anschmiegsamen“. Wir waren frei!

Und nun? Geduld, Kinners, Geduld.

Zum dritten Teil!

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