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               Kakao u.Pferdeäpfel

Meine Odyssee

3. Teil: Kakao und Pferdeäpfel


Nun also, Kinners, waren Jobst Slipper aus dem Salzkammergut und ich in Miri auf Borneo gestrandet. Obwohl gestrandet natürlich nicht der richtige Ausdruck ist, da wir ja von der japanischen Besatzung der „Kamasutra Maru“ ausgesetzt worden waren, aber das wißt Ihr ja schon längst, wenn Ihr den 2. Teil meiner kleinen Odyssee aufmerksam gelesen habt. Wir waren freie Menschen, aber ohne Geld, und wie sollten wir ohne Geld nach Hause fahren können? Unsere erste Hoffnung war, ein deutsches Schiff zu finden, um dann als Seeleute die Überfahrt in die Heimat finanzieren zu können. Aber irgendwie schien Miri nicht auf der Route der Handelsflotten zu liegen. Wir suchten uns Arbeit, denn es ging einfach um das nackte Überleben in einer fremden Welt.

Die ersten Wochen arbeiteten wir auf Plantagen. Und es gelang uns etwas Geld zu sparen, mit dem wir schließlich eine windschiefe Hütte kaufen und uns selbständig machen konnten. Nun kam es darauf an, der Welt endlich wieder unsere große Kunst zu demonstrieren. Und es ging schnell aufwärts. Jobst als Orthopäde, und ich als Fußpfleger wurden bald zu den gefragtesten Handwerkern Miris - eigentlich waren wir Künstler, aber meine
angeborene Bescheidenheit läßt es mich vorsichtiger ausdrücken. Schon bald wurde die Hütte für den Ansturm unserer Kunden zu klein und zu unpräsentabel, denn nach ein paar Wochen der Zurückhaltung, kamen auch die Reichen und Vornehmen zu uns, und ließen sich verwöhnen. Jobst Slipper, der später den berühmten Slipper und die Schuheinlage erfand, überlegte schon bald, sich für immer in Miri niederzulassen, denn die Tochter des Bürgermeisters, Anemone Drecksbüdel, deren Vorfahren aus Norddeutschland stammten, hatte ein Auge auf den guten Jobst geworfen. Für mich vollkommen unverständlich, da ich der wesentlich Hübschere von uns beiden war, aber bitte, wenn sie meinte? Die Wege des Herrn sind unergründlich. Wie, ich bin ein Angeber? Wer hat das gesagt? Wer kommt auf so etwas?

Enttäuscht – ja, gut, Leute, nennt ihr es, wie ihr wollt, also voller Eifersucht verließ ich unser gutgehendes Geschäft und kaufte mir weiter im Landesinneren eine Kakaoplantage, in der ich mich richtig ausarbeiten konnte. Ich hatte wohl auch ein paar Arbeiter, Einheimische natürlich, aber mir selbst gefiel diese harte Arbeit gut, besonders auch unter den besonderen klimatischen Bedingungen. Ich dachte bald nicht mehr an Anemone Drecksbüdel und verzieh Jobst. Ich, der eifersüchtige Jan Schmietwech, der solche Gefühle bisher kaum auszuleben gehabt hatte. Damals setzte ich einige Pferde zur Arbeit auf meiner kleinen Plantage ein, denn mit ihnen verstand ich mich gut, und in die Psyche der Pferde einzutauchen, fiel mir wesentlich leichter, als in die der Frauen.

Aber bald war es mit der Idylle vorbei, denn der enttäuschte Sultan Ibrahim „der Anschmiegsame“ hatte uns Häscher auf die Fersen gehetzt. Und gut 2 Jahre nach unserer Flucht hatten sie uns aufgespürt. Besonders schwer kann es ihnen nicht gefallen sein, denn Jobst Slipper führte ein sehr öffentliches Leben mit Anemone. Jobst wurde schnell eingefangen und zurück nach Brunei gebracht, und ich, Kinners, was glaubt Ihr? Ja, Leute, ich bekam einen Wink von Anemones Schwippschwager, Antonius Pius Drecksbüdel, den Stadtkämmerer von Miri. Hals über Kopf wollte ich meine Plantage nicht verlassen. Dafür hatte ich einfach zuviel Geld, Liebe und Arbeit in sie investiert. Aber immerhin reichte die Frist um einen Plan zu entwickeln, den Häschern zu entkommen.

Ich verkleidete mich als Pferdeknecht – ja, ja, Ihr habt recht, daß das zu mir paßt – und ließ mich von meiner Köchin Purificacion dunkel schminken, sodaß ich wie ein Einheimischer aussah. Dann wartete ich voller Ungeduld auf meine Jäger und war überrascht, als es 6 Reiter waren. Ich sprach den Dialekt der Bewohner von Miri leidlich und wirkte als Eingeborener scheinbar glaubwürdig. Sie fragten mich nach dem Verbleib Jan Schmietwechs aus, und ich antwortete, daß er vor einer Stunde hastig die Plantage in Richtung Westen verlassen hätte. Aber sie ließen nicht locker, sondern bohrten weiter und fragten mich aus, ob ich ein guter Arbeitgeber gewesen war, und, ach, noch so viele Sachen. Und ich log, was das Zeug hielt. Eine Sache, die mir überhaupt nicht liegt, aber ...., wer lacht da lauthals, hä? Glaubt Ihr mir nicht? Scheinbar hatte der Sultan wahre Wunderdinge über mich berichtet, denn sie wollten alles über Schmietwech wissen. Ich erzählte, daß Schmietwechs Blick so stechend war, daß die Hühner vor Schreck keine Eier mehr legen konnten, wenn er sie anschaute. Ich erzählte von seinem großen Schniedelwutz, natürlich nur um Eindruck zu schinden, blickte dabei natürlich verschämt zu Boden, und bemerkte danach die große Hochachtung, die sie für ihn zu empfinden begannen. Angeber, Angeber, höre ich Euch rufen? Ich erzähle Euch bald gar nichts mehr! Habe ich denn jemals behauptet, so ein Riesendings zu haben? Ich habe doch vorher schon gesagt, daß ich die Häscher belogen habe! Aber vielleicht ....? Ach, nein. Niemals habe ich so etwas behauptet. Dafür würde ich mich auch zu sehr genieren. Also doch. Nein, Leute, nichts mit: Also doch. Ich habe nichts gesagt und nichts behauptet. Ja, ja, das glaubt Ihr mir wieder nicht, ich weiß, nein, Kinners. Ich wollte Euch so authentisch wie möglich von meiner kleinen Odyssee berichten, und dazu gehört eben auch diese kleine Episode. Jetzt Schluß damit.


Schließlich gaben sich die Männer mit meinen Erzählungen zufrieden und ritten davon. Ja, bis auf einen. Und dieser Eine hatte großes Pech, denn sein Steigbügel riß, als er gerade aufsitzen wollte. Sein Pferd scheute und schleifte den Mann, dessen Bein sich im Steigbügel verfangen hatte, wild schnaubend mit sich fort. Üblerweise rannte das Pferd mitten in meinen Lagerschuppen hinein und stieß einige Kakaofässer um, die natürlich unter dieser Wucht zerbarsten. Dabei wurde der Mann, der übrigens Tarik Ben Affkanesian hieß, kräftig durch den Kakao gezogen. Nun noch mehr aufgeschreckt ging die wilde Jagd weiter in den Pferdestall, wo der arme und geschundene Affkanesian auch noch Bekanntschaft mit vielen Pferdeäpfeln – in Norddeutschland „Äbbel“ ausgesprochen – machte.

So entstanden die Begriffe: „Veräbbeln“ und „Durch den Kakao ziehen“ und stehen für Worte wie „Verarschen“ (auch ein wunderbares Wort) oder „Veralbern“. Und es heißt auch: „Was vom Pferd erzählen“. Faszinierend, nicht wahr? Und was ist aus Affkanesian geworden, fragt Ihr? Meine Köchin Purificacion verarztete ihn, nachdem ich ihn mit einem beherzten Sprung aus dem Steigbügel befreit hatte. Seine Kumpane dankten Purificacion und mir und nahmen den guten Tarik Ben Affkanesian, der doch recht angeschlagen war, auf eines ihrer Ersatzpferde mit. Des Unglücklichen Pferd ging leider durch und ward nie mehr gesehen.

So entkam ich meinen Häschern, sah aber somit den guten Jobst Slipper leider nie mehr wieder. Eines war mir klar geworden, ich mußte meine schöne Kakaoplantage bei Miri schnellstens aufgeben, denn nochmals würden sich die Männer des Sultans nicht verarschen (herrliches Wort) lassen. Nachdem ich glücklicherweise schon am nächsten Tag einen Käufer für meine Plantage gefunden hatte, begann ich schnellstens meine Sachen zu packen. Dieses Fleckchen Erde zu verlassen, fiel mir nun doch sehr schwer.

Weitere zwei Tage später schiffte ich mich, nachdem ich mich tränenreich von Purificacion und der Familie Drecksbüdel verabschiedet hatte, in Miri ein. Was für ein großes Glück, daß gerade ein deutsches Handelsschiff im Hafen lag. Die „Hertha Dombrowski“ mit dem Heimathafen Ludwigshafen legte am 12.7.1705 ab. Ziel war Friedrichshafen. Heimat ich komme, dachte ich, aber das Schicksal meinte es anders.


Zum vierten Teil!