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Flucht nach Neu-Furzheim

Meine Odyssee:

20. Teil: Flucht nach Neu-Furzheim

Ulfert und ich genossen die Tage in Neu-Furzheim. Mit Jana verband mich bald mehr als nur Freundschaft. Und ihr Darmgrollen war bei weitem nicht so stark wie bei den anderen Bewohnern dieser deutschen Stadt an der südamerikanischen Küste. Ich war glücklich und Ulfert sowieso, denn die Bewohner behandelten ihn seines Titels wegen fast schon ehrfürchtig.

Eines Tages – es mögen vier oder fünf Wochen nach unserer Ankunft gewesen sein, brachten der große und der kleine Peter Drangmann einen Mann in die Stadt, den sie halbtot am Strand gefunden hatten. Der große Peter war übrigens der – oder besser ein – Onkel Janas und der kleine Peter ein Großneffe, oder nein, ich glaube ein Großcousin, oder, ach, ist doch egal. Auf jeden Fall trugen sie den ausgemergelten Körper zum Wundarzt. Als Ulfert einen Blick auf den Neuankömmling warf, schrie er kurz auf und trat an die Liege.

„Mensch, Max, was machst du hier“, fragte er den Ohnmächtigen, der ihm natürlich keine Antwort geben konnte.

„Max“, fragte ich.

„Das ist mein Freund Max van Moritz“, sagte Ulfert entgeistert, „er muss mir gefolgt sein!“

Zwei Tage später erwachte Max und Ulfert kümmerte sich rührend um ihn. Der Patient erholte sich schnell und strahlte bald wieder mit Ulfert um die Wette. Und als Max van Moritz gestärkt erstmals nach draußen trat, schrie die Damenwelt Neu-Furzheims auf. Er war extrem gut aussehend und die jungen Frauen und natürlich auch deren Mütter hatten nun noch einen weiteren Kandidaten, den es galt zu erobern. Durch ihn rutschte ich auf die 3. Position der begehrtesten Junggesellen zurück. Mist. Immerhin wirkte ich schon gesetzter, als die beiden Freunde. Also jemand, den sich jede Schwiegermutter wünschen würde. Jawohl! Und Jana sah es genauso. Gut, ich war nicht so schön wie Max und Ulfert, und auch nicht mehr so jung wie die beiden, war immerhin auch ein neues Gesicht, wenn auch nicht mehr ein ganz frisches. Und meine Haarprobleme? Musstet Ihr das jetzt wieder anschneiden? Damals fing es ja erst an, aber heute, wo ich Euch von meiner Odyssee erzähle, braucht meine Friseuse mehr Zeit meine Augenbrauen zu schneiden und meine Ohren von Haarwuchs zu befreien, als meinen mir verbliebenen Haarkranz zu restaurieren. Ja, das ist leider die ganze Wahrheit. Ich bin ja so unglücklich. Ach, Quatsch, man muss immer nach vorne schauen, Kinners. Nun aber wieder genug damit.

Nicht die Wette, sondern die Furcht vor einem gewissen Cäsar Schulz hatte Max Ulfert folgen lassen. Auch Max van Moritz hatte sich ein Tretboot besorgt. Unterwegs stieß er auf das gekenterte Tretboot Ulferts und wusste, dass er auf dem richtigen Wege war. Aber kurz vor der Küste während einer sehr starken Brise sank auch sein Tretboot. Glücklicherweise wurde er an den Strand gespült und überlebte. Dann war er ziellos weitergewandert, bis er den am Strand liegenden Jobst fand. Aber seine Kräfte waren vollkommen aufgebraucht und so brach er neben Jobst zusammen, wo ihn der große und der kleine Peter fanden. Ja, der gute, alte Jobst, den ich leider ganz vergessen hatte. Ich musste mich doch mal wieder um mein wunderbares Floß kümmern. Schließlich hatte Jobst das Leben Max van Moritz’ gerettet. 

Max van Moritz stammte ursprünglich aus Eschweilerskirchen, das irgendwo zwischen Aachen und Leipzig liegt, und war einst ein etwas schüchterner junger Mann gewesen. Sein Vater war der damals berühmte Hofposaunist Felicitus van Moritz, der am Hofe des Kurfürsten Fredy IV. den Üblen von Weilsbrunna wahre Triumphe vor den gekrönten Häuptern feierte. Als Felicitus seinen Sohn zu Askanius Lebkuchen – einem Meister der Panflöte und des Kontrabasses – nach Groß-Burgheim an der Rinne in die Lehre schickte, nahm sich Max van Moritz ein möbliertes Zimmer bei Witwe Ernst Schmitz Junior, die neben der Vermietung von Zimmern, sich auch als Lehrgangsleiterin bei der Volkshochschule verdingte und dort den jungen Damen das Stricken beibrachte. Mitunter saß auch mal ein Mann unter den Damen und bot diesen eine gern gesehene Abwechslung. Auch Max van Moritz ließ sich eines Tages dazu überreden an einen der Kurse seiner Wirtin teilzunehmen.  Aber das Stricken interessierte ihn nicht so sehr wie eine der jungen Damen, die in seiner Nähe saß. Sie hieß Dolores Schulz und war die Tochter höchst angesehener Bürger der Stadt. Ihr Vater Cäsar Schulz galt damals als der wichtigste Vertreter der zeitgenössischen Dichtung, obwohl er sein Geld hauptsächlich aber mit anderen Dichtungen verdiente, und zwar mit denen, die er als Klempner verarbeitete.

Eines seiner berühmtesten Gedichte, die sich oft auch mit seiner handwerklichen Arbeit beschäftigten, hieß: „Die Rohrschelle“ und ging so:

„Ach, Rohrschelle, du gute

hälst die Rohre fest und stark,

ach, Rohrschelle, du gute

Bist mir die liebste, arbeitest hart.“

 

Wunderschön, nicht wahr? Noch ein Gedicht?

„Ob groß oder klein,

ein Rohr muss es sein

egal, ob Kupfer oder Eisen ……..“

 

Und weiter? Oh, Mann, Mist! Vergessen. Tut mir leid.

Cäsars Frau Tatjuschka stammte aus dem schönen Sibirien und war dort als Tochter eines Rittmeisters und einer Schönheitstänzerin zur Welt gekommen. Sie hatte ihre Schönheit mit nach Deutschland gebracht, und wo sie sich auch immer blicken ließ stets im Mittelpunkt stand. Und natürlich war ihre Tochter Dolores ebenso schön wie ihre Mutter. Max van Moritz konnte nicht die Augen von ihr lassen und Dolores genoss es durchaus, obwohl sie schon sehr umschwärmt war und jeden reichen, jungen Mann sofort hätte heiraten können. Einer ihrer bekanntesten Verehrer hieß Monte Freiherr Rosenstöckler und war der Sohn des Standortältesten und berüchtigten Hühnerzüchters Bertram Freiherr Rosenstöckler, der siebzigjährig immer noch ein richtiger Partylöwe war und keine Möglichkeit sich mit jungen Frauen zu amüsieren ausließ.

Habt Ihr es bemerkt? Scheinbar geht es nur noch um Frauen in meinen letzten Abenteuern. Merkwürdig, nicht wahr?

Dolores Schulz erhörte Max van Moritz und ließ sich von ihm ausführen. Sie waren ein wunderschönes Paar, das überall große Aufmerksamkeit erregte. Aber Cäsar Schulz gefiel das überhaupt nicht, denn er favorisierte den reichen Monte Freiherr Rosenstöckler als Schwiegersohn, obwohl er für den Künstlersohn Max van Moritz durchaus Sympathie empfand, da er schließlich selbst auch Künstler war. Cäsar stellte seiner Tochter eines Tages ein Ultimatum: „Freiherr Rosenstöckler oder das Kloster!“

Cäsar Schulz konnte knallhart sein. Noch am selben Abend begannen Moritz und Dolores an einen Fluchtplan zu arbeiten. Ungefähr drei Wochen nach der unsinnigen Wette zwischen Ulfert und seinen Freunden hatten sich Dolores und Max geeinigt. Sie wollten weit weg von der Heimat auf der Halbinsel Kola ein neues gemeinsames Leben beginnen. Eine Großtante mütterlicherseits von ihm mit Namen Olga Perestroikowa besaß dort ein Gut und züchtete die berühmten Eismeerpudel. Aber Cäsar Schulz, Monte und sein Vater erfuhren von den Fluchtplänen und sperrten Dolores ein. Max van Moritz – gerade auf dem Weg zu ihr – wurde von einer Schlägertruppe des alten Freiherrn Rosenstöckler erwartet, die Max übel zurichteten und ihn nahe legten die Stadt zu verlassen. Als er sich weigerte, schickte Bertram Rosenstöckler ihn auch noch eine Horde Kampfhähne entgegen, die ihn dermaßen attackierten, dass er ohne von Dolores Abschied nehmen zu können, die Stadt und als die Kampfhähne ihn weiter auf den Fersen waren auch das Land verließ. Max erinnerte sich verzweifelt der Wette und kaufte ein Tretboot und Unmengen Lebensmittel und machte sich auf die Verfolgung Ulferts, ohne zu wissen, was die Zukunft ihn noch bringen würde. Und nun war er also in Neu-Furzheim, umschwärmt von Mädchen und jungen Frauen und bemühte sich besonders um Jana. Eifersucht durchbrandete mich.

Ich hatte damals einen richtigen Charakterkopf, der mit einem schicken breitkrempigen Hut bekleidet war und dazu noch meine einmaligen geflochtenen Augenbrauen. Wo gab es so einen Mann schon zu sehen? Ich machte Eindruck! Jawohl! Aber gegen die geballte Schönheit und Jugend Max van Moritz` hatte ich schon zu kämpfen. Jana Drangmann begann zwischen Max und mir zu schwanken. Es war eine schmerzhafte Erfahrung, Kinners, das könnt ihr mir glauben. Gut, ich hätte damals in Neu-Furzheim jedes andere Mädchen haben können, nein, ich bin kein Angeber, das ist einfach Tatsache. Ich spinne nicht und bin auch nicht größenwahnsinnig. So war die Situation, als Hedwigus Brackschmatzschmullenstedt als Organisator sich um das alljährlich stattfindende Neu-Furzheimer Gründungsfest, dass immer als großes Konzert durchgeführt wurde, zu kümmern begann. Hedwigus fragte auch uns drei Neuankömmlinge, ob wir uns in das Konzert einbringen wollten. Ulfert und ich verneinten, aber Max van Moritz als Sohn eines großen Künstlers sagte natürlich zu. Und als ich in Janas Augen blickte, sah ich, wie stolz sie war, dass sich Max am Gelingen des großen Neu-Furzheimer Festes beteiligen wollte. So meldete ich mich auch. Wir dachten natürlich an schönem Geigenspiel, Gesang und dergleichen. Aber das Konzert spiegelte eher eine große Eigenschaft der Bewohner Neu-Furzheims wider. Denn das Konzert hätte auch „Darmgrollen a gogo“ heißen können. Ich glaube, ich brauche nichts weiter darüber zu sagen, oder?

Obwohl auch ich zeitweise unter Darmgrollen zu leiden habe und gelegentlich entlüften muss  – wenn ich es mal so nennen darf – , wie jeder Mensch es bestimmt schon einmal gemacht hat, gab ich bei den Proben auf, denn ich war einfach nicht gut genug und zog mich enttäuscht zurück. Jana konzentrierte ihre Aufmerksamkeit nun ganz auf Max van Moritz. Es war sehr schmerzlich für mich, aber ich konnte einfach nicht mithalten. Gebe ich immer noch an, was? Ja, auch ich „erkenne mich selbst“ – vielleicht nicht immer, aber meistens doch.

Dann kam der Tag des Festes. Alle Bewohner waren anwesend und festlich gekleidet. Es gab viel zu essen und zu trinken. Nach einer kurzen Ansprache Hedwigus Brackschmatzschmullenstedts begann das Fest. Gleich in der ersten Formation trat Jana auf. Zusammen mit drei weiteren jungen Frauen trugen sie einen selbst kreierten Tanz vor. Und Jana sah so süß aus.

„Ich kämpfe um dich, Jana!“ 

Aber der Auftritt Max van Moritz` endete in einem wahren Begeisterungssturm. Neu-Furzheim stand Kopf. Ein Star war geboren und Jana und die anderen jungen Frauen himmelten ihn nun noch mehr an. Zum ersten Mal in meinem – damals auch schon langen Leben – fühlte ich mich minderwertig und klein. Und ich muss zugeben, Max war in seiner Leistung wirklich großartig. Was er machte? Könnt Ihr euch das nicht denken? Er furzte so virtuos eine schöne Melodie durch seine gut sitzende Hose, dass es eine Freude war. Selbst die Neu-Furzheimer, sozusagen Profis im Luftlassen, waren erstaunt und vollkommen begeistert über seine große Musikalität. So etwas hatte die Welt und Neu-Furzheim noch nicht gehört. Einfach phantastisch. Auch seine Zugabe – ein altes Volkslied – pfiff er so gekonnt durch seine Hose – es klang fast mehrstimmig – und war ein weiterer Höhepunkt dieses beeindruckenden Konzertes.

Es musste doch etwas geben, was ich besser konnte, als dieser – auch mir nicht unsympathische – Max van Moritz! 

 

Zum einundzwanzigsten Teil!

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