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Flaschenpost

Meine Odyssee
5. Teil: Flaschenpost

Ich hatte inzwischen die Insel erkundet. Leider war sie wirklich eine Insel und nicht etwa eine Halbinsel, wie ich insgeheim gehofft hatte. Sie war ziemlich klein und unbewohnt, aber schön und bot mir reichlich Nahrung. Nach dieser Erkenntnis begann ich für Salzhering und mich, den ich wieder vorsichtig restaurierte, eine kleine geschützte Hütte zu bauen. Was? Ja, Ihr habt recht, die Hütte wurde etwas windschief, denn ein wirklich geschickter Heimwerker war ich noch nie. Aber für uns war meine Baukunst ausreichend. In den ersten Wochen – das Wetter war einfach herrlich, immer Sonne mit einer leichten Brise vom Meer – führten mein Freund Salzhering und ich sehr ausführliche Gespräche, aber langsam gingen uns dann die Themen aus. So lief ich bald ziellos und sinnend am Strand hin und her und betätigte mich schließlich als Strandmaler. Na ja, richtig gemalt habe ich natürlich nicht, aber immerhin malte ich mit meinen Fingern herrliche Frauenkörper in den Sand. Aber die Flut nahm sie immer mit sich fort. Gemein so etwas. Unentwegt malte ich diese Frauen und eine große Sehnsucht überkam mich. Die Frauen wurden immer ausladender, und ich kämpfte unnachgiebig gegen die Flut an. Manchmal hatte ich mehr als zwanzig Körper in den Sand gemalt, aber die Flut war stärker und vernichtete meine Werke – wie immer. Es war fast wie ein Zwang, wenn ich mehr und mehr Körper in den Sand zeichnete, und ich bildete mir ein, dass eines Tages die Flut es nicht schaffen würde, alle meine Werke zu zerstören. Salzhering musste schon beschwörend auf mich einreden, damit ich nicht vollends verrückt wurde. Aber dann trat etwas ein, was mein Leben vollkommen veränderte.

Ich muß damals wohl schon ein halbes Jahr auf der Insel gewesen sein, die ich nach meinem Freund Salzhering benannt hatte, als ich wieder einmal verbissen einen voluminösen Frauenkörper in den Sand gemalt hatte, als etwas an den Strand – direkt vor meine Füße – gespült wurde. Es war eine verkorkte Flasche. Obwohl ich kein Trinker bin, erfreute mich dieser neue Gast sehr, und ich – nein, ich redete nicht auf die Flasche ein, wie kommt Ihr bloß darauf? – griff nach ihr, in der Hoffnung einen guten Schluck, was immerhin eine Abwechslung im Ernährungsallerlei war, nehmen zu können. Aber meine Augen staunten nicht schlecht, denn es war kein Alkohol oder sonstige Flüssigkeit in ihr, sondern ein aufgerollter Brief. Ich entkorkte mühevoll die Flasche und zog mit nervösen Fingern den Brief heraus. Und was durfte ich da lesen:

„Ich bin ein Schiffbrüchiger und brauche Hilfe. Bitte kommt! Und bringt Antischuppen-Shampoo für mich mit.
Dr. Babettus Q. Schniedelholzner.“

Aber wo war dieser Schniedelholzner? Wie sollte er gerettet werden, wenn er nicht in der Lage war eine Ortsangabe zu machen. Und dann auch noch von meiner Wenigkeit, der – bescheiden, nicht wahr? – selbst gerettet werden musste. In den nächsten Tagen überlegte ich intensiv, was das Q. in seinem Namen bedeuten könnte. Quintus vielleicht, oder Quadratwurzel? Oder besser Quasselheini, aber nein, das war gemein. Er war ein Doktor. Mediziner, Physiker, Jurist? Gerichtspräsident Dr. jur. Babettus Quintus Schniedelholzner! So könnte es sein. Wochenlang beschäftigte ich mich mit diesem Namen – neben meiner Tätigkeit als Frauenkörpersandstrandmaler. Herrliches Wort, nicht wahr? In dieser Zeit begann ich Salzhering zu vernachlässigen, der langsam in der Hitze zerfiel.
Aber als ich eines Tages eine Kokosnuß auf den Kopf bekam, und nach einer kurzen Ohnmacht wieder klarer zu denken begann, reifte in mir ein Plan. Wenn die Strömungsverhältnisse die Flaschenpost Schniedelholzners zu mir gebracht hatten, vielleicht würde auch Post von mir den einsamen Babettus erreichen. Natürlich mussten auch die Windverhältnisse fast identisch sein, das war mir schon klar. Also begann ich sofort auf der Rückseite seines Briefes – Papier hatte ich leider nicht – ihm zu schreiben:

„Hallo Herr Dr. Schniedelholzner, oder darf ich Du sagen? Mir geht’s wie Dir. Ich sitze auf einer Insel fest und weiß auch nicht genau, wo sie liegt. Ist dein zweiter Vorname Quintus? Und was für ein Doktor bist Du? Auf baldige Antwort hoffend.
Jan Schmietwech.
P.S. Antischuppen-Shampoo habe ich leider nicht.“

Ich verkorkte die Flasche sorgfältig und warf sie ins Meer und sah ihr zu, wie sie am Horizont verschwand. Nervös wartete ich auf Antwort. Meine Sandschöpfungen vernachlässigte ich nun, und kümmerte mich wieder etwas mehr um den guten Salzhering, meinem Freund aus schweren Zeiten trauter Zweisamkeit. Wofür so eine Kokosnuß alles gut sein kann!
Wie in Fieber wartete ich Tag um Tag, und als ich nicht mehr an eine Antwort zu glauben wagte, wurde plötzlich eine Flasche an den Strand gespült. Vor Aufregung konnte ich kaum den Korken entfernen und den Brief entfalten. Er war von Schniedelholzner, der schrieb:

„Herr Schmietwech, ich bin Doktor der Zahnmedizin und heiße mit zweitem Vornamen nicht Quintus. Da Sie mir nicht einmal Antischuppen-Shampoo senden können, bitte ich Sie darum, den Schriftverkehr mit mir einzustellen.
Dr. med. dent. Babettus Q. Schniedelholzner, Honorarkonsul von Bhutan.“

Die Enttäuschung über die Antwort des scheinbar hochnäsigen und unfreundlichen – um es einmal nett auszudrücken – Zahnarztes saß tief, und ich brauchte mehrere Tage um mich davon zu erholen. Meine Strandmalereien stellte ich ganz ein, und mein Gesprächspartner Salzhering konnte mich auch nicht trösten. Als ich traurig – kaum zwei Wochen nach Schniedelholzners Antwort – ziellos am Strand spazieren ging, lag im Sand – ich konnte kaum meinen Augen trauen – eine Flasche. Der gute Babettus hat es sich noch einmal überlegt, dachte ich glücklich, als ich die Flasche öffnete und den Brief in die Hand nahm:

„Hilfe, Katja Katzenpohl aus Tauberbischofsheim braucht Hilfe. Ich bin hier auf einer einsamen Insel und will nach Hause. Mein Termin bei Greta, meiner Hairstylistin ist schon nächsten Freitag, und Termine bei ihr sind sehr begehrt. Wer kann mir helfen? Und wer kennt Ferdinand Kackerlack?
Herzlichst Katja.“

Ich jubelte. Noch ein möglicher Gesprächspartner, und dazu noch eine Frau. Ich war wieder glücklich und lief sofort zu Salzhering um ihn von der Neuigkeit zu berichten. Katja Katzenpohl, was für ein schöner Name. Katja! Und sie schien nicht so hochnäsig wie Schniedelholzner zu sein. Wie sie wohl aussah? Ich musste ihr sofort antworten:


„Hallo Katja,
ich heiße Jan Schmietwech und bin auch Bewohner einer einsamen Insel, die, seit ich deine Nachricht in meinen Händen halte, nicht mehr so einsam ist. Leider habe ich kein Boot um Dich zu retten, ebenso keine Möglichkeit deiner Friseuse eine Nachricht zukommen zu lassen. Sorry. Auch kenne ich Ferdinand Kackerlack nicht. Hat er Dir etwas angetan? Wenn ja, ich kann Dir bestimmt helfen. Ich habe hier – ebenfalls per Flaschenpost – die Bekanntschaft mit einem Zahnarzt namens Schniedelholzner gemacht, der aber nicht besonders freundlich ist. Bitte schreibe mir wieder.
Herzlichst Jan.“

Die nächsten Tage verbrachte ich in freudiger Erwartung. Ich war sicher, dass Katja Katzenpohl antworten würde. Ich bekam vor Aufregung fast Schüttelfrost und sah Katja in meinen Strandmalereien wieder, aber das waren nur Träumereien. Als ich noch auf ihre Antwort wartete und sinnend auf das Meer hinausschaute, sah ich plötzlich eine Flasche in der Dünung dümpeln. Ich sprang, so wie ich war, ins Meer und barg sie. Freudig erregt öffnete ich die Flasche und las den Brief:

„Zu Hilfe. Gott hat mich verlassen. Habe ich gesündigt? Ich weiß es nicht. Gott, ich möchte von dieser Insel fort, und wieder Dir und meiner Gemeinde dienen.
Ödipus Darmschneider, Pfarrer von Mariahilf zu Unterhoshaching.“

Noch ein Schiffbrüchiger! Und dazu noch ein Geistlicher. Ich war glücklich, und als am selben Tag auch die Antwort von Katja Katzenpohl eintraf, war mein Glück vollkommen.
Sie schrieb:

„Hallo Jan, ich freue mich – auch wenn Du mir nicht helfen kannst – in diesen Breiten einen netten Menschen gefunden zu haben. Solltest Du etwas von Ferdinand Kackerlack hören, gebe mir bitte Bescheid. Vielleicht sehen wir uns eines Tages. Ich sende Dir anbei etwas Papier, dass ich reichlich besitze, damit wir uns ausführlich unterhalten können. Bis dann.
Herzlichst Katja.“


Diese Flaschenpost ging mir runter wie Öl. Was für ein nettes Mädchen! Oder war sie vielleicht schon eine ältere Dame? Mann, nun hatte ich gleich zwei Briefe zu beantworten.

In den nächsten Monaten entwickelte sich ein reger Schriftverkehr zwischen Katja und mir und dem Geistlichen Ödipus Darmschneider. Schließlich beteiligte sich auch Dr. Babettus Schniedelholzner – was für ein Wunder – an unseren geistlichen Ergüssen.
Die Salzheringsinsel schien die ideale Flaschenpost-Insel zu sein. Und so verfiel ich auf den Gedanken ein Flaschenpostamt zu eröffnen. Die Strömungs- und Windverhältnisse mussten für die Flaschenpostzustellung genauestens berechnet werden. Ich wusste bald, an welcher Stelle ich die Flaschen für die einzelnen Empfänger hineinzuwerfen hatte, und wann es besser war mit der Zustellung zu warten. Es kam auch schon mal vor, dass Darmschneider die Post, die für Schniedelholzner bestimmt war, bekam. Aber daraus lernte ich, wie ein Postbote, der mit der Zeit genau wußte, welchen Hunden er aus dem Wege gehen mußte. Meine leidlichen nautischen Kenntnisse halfen mir bei der Betreibung des Postamtes. Und der gute Salzhering diente mir als Büro.

In unseren Briefen ging es um Gemüsezucht, das Meer, das Wetter, Frauenleiden – ja, auch das! – und natürlich über die Liebe, denn Katja hatte Liebeskummer, und natürlich um unsere Heimkehr.
Eines Tages – zu diesem Zeitpunkt betrieb ich das Postamt Salzhering 1 – so nannte ich es – ungefähr ein Jahr – erreichte mich eine ungewöhnliche Flaschenpost. Ungewöhnlich, weil ich so eine dickbäuchige Flasche im Postverkehr noch nicht gesehen hatte. Wieder ein neuer Postkunde, jubelte ich. Dann las ich die Zeilen:

„Schmietwech, laß meine Verlobte in Ruhe.
Ferdinand Kackerlack.“

Er lebte und musste wohl eine Flaschenpost abgefangen haben, oder ich hatte eine falsch zugestellt. Ärgerlich. Sogleich schrieb ich an Katja, dass sich ihr Verlobter bei mir gemeldet hatte.

In den folgenden Monaten missionierte der Geistliche Ödipus Darmschneider zwischen Katja und Ferdinand, die sich bei einem Schiffsunglück aus den Augen verloren hatten. Und ihm gelang es, die beiden Menschen wieder zusammenzuführen, wenn auch nur schriftlich.
„Ich habe Dich nicht freiwillig verlassen, Liebste. Ich wurde über Bord gespült, noch bevor Du mit der „Schneesturm von Burundi“ untergingst,“ schrieb Ferdinand Kackerlack einmal an Katja. Was, der Schmietwech liest fremde Post? Noch nie etwas vom Postgeheimnis gehört? Nun, Kinners, ich habe wirklich manchmal die Post gelesen. Zerknirscht muß ich es leider zugeben, aber nicht immer, ich war doch so einsam. Ich hatte doch Salzhering? Ja, schon, Ihr habt recht. Jeder Mensch begeht mal Fehler. Hiermit möchte ich mich in aller Form entschuldigen. Und bitte kein Strafverfahren einleiten. Okay?     

Als dann noch eine Flaschenpost von einem gewissen Heini Dünnsupp eintraf, war ein ganzes Netzwerk Schiffbrüchiger in meinem Postamt Kunde. Nein, ich nahm für meine Dienste natürlich kein Geld, Leute. So gierig bin ich nicht! Nun waren wir also 6 Menschen, die auf unterschiedlichen einsamen Inseln lebten. 


Zum sechsten Teil!

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