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Enttäuschungen

Meine Odyssee

8. Teil: Enttäuschungen und Flucht

Ohne Probleme erreichte ich die Insel Heini Dünnsupps, die sehr felsig und trocken war. Er schien mich irgendwie erwartet zu haben, denn er saß winkend auf einem großen Stein am Strand. Der Bootsbauer begrüßte mich erfreut, er war froh, dass ich ihn holen kam, denn er hatte hier nicht viel zu essen, und die Wasservorräte waren auch sehr knapp. Ohne viel aus seiner Behausung geholt zu haben, bestieg er meinen Einbaum. Das heißt, er versuchte es. Heini Dünnsupp hatte ein großes Problem. Er war extrem krummbeinig.

„Das kommt vom Dressurreiten, Jan,“ sagte er traurig zu mir, als er seine Beine nicht in Heiner Amadeus unterbringen konnte.

Er tat alles, aber er schaffte es nicht. Die krummen Beine ließen sich nicht verstauen. Er war verzweifelt.

„Ich will hier rein,“ heulte der nicht mehr ganz junge Bootsbauer.

Aber seine Beine passten einfach nicht hinein. Es blieb mir nichts anderes übrig, als Heini, der mir versicherte ein Schiff bauen zu können, auch wenn er bis dahin nur Modellschiffe konstruiert hatte, umgedreht in den Einbaum zu setzen. So saß er also auf dem Rücken und mit seinen Beinen in der Luft im Boot. Es war sehr anstrengend für ihn, aber glücklicherweise war die Reise nicht allzu lang. Obwohl zwei Möwen die Füße Dünnsupps als Landeplatz und meinen Einbaum als Fähre zur Salzheringsinsel nutzten, wurde es doch eine fröhliche Reise. Heini Dünnsupp war ein Mann mit dem man sich unterhalten konnte, und, so wie ich auch, eben ein einfacher Mensch – ganz im Gegensatz zu Schniedelholzner und dem Pfarrer.

Bevor wir meine Insel erreichten, wurde der schöne Blick durch einen wahren Schilderwald getrübt. Während meiner Abwesenheit war Schniedelholzner sehr fleißig gewesen. Ich hatte große Mühe zwischen den Schildern zu paddeln. Dicht an dicht verschandelten sie die Landschaft. Und die Aufschriften, oh, Kinners, es war furchtbar, denn der Pfarrer hatte Schniedelholzner mit Unmengen von Bibelsprüchen versorgt. Natürlich gab es auch reine Hinweisschilder, wie: „Hier Postamt,“ „Anlanden ohne Genehmigung verboten!“ oder „…. Meilen bis Hamburg.“ Ja, hier fehlte die genaue Angabe, aber Schniedelholzner war kein Mann für Spekulationen oder Phantasie. Für die Seevögel war der Schilderwald natürlich optimal, sie nutzten ihn in großer Zahl.

Als ich endlich alle Hindernisse erfolgreich umpaddelt hatte, und mein Einbaum am Strand lag, sahen Heini Dünnsupps Füße nicht mehr wie Füße aus. Die Möwen hatten während der Überfahrt Unmengen von Guano auf ihn abgelassen.

Nach einer Schnellreinigung konnte Heini dann auch endlich seinen Fuß auf meine ehemals schöne Insel setzen. Denn es sah nun noch furchtbarer aus als zuvor. Schilder an Schilder, und auch meine Behausung hatte sich verändert. Nichts war mehr so, wie es einst gewesen war, und als auch mein guter, alter Freund Salzhering mit einem Schild versehen worden war, wo natürlich „Salzhering“ draufstand, war es genug. Ich sattelte wieder mein Pferd – wie es in einem Western geheißen hätte – und stach in See. Heini Dünnsupp versprach mir, während meiner Abwesenheit, sich um das Holz für unser Schiff zu kümmern, denn Ödipus Darmschneider und Babettus Q. Schniedelholzner waren so mit ihren Hinweisschildern beschäftigt, dass von ihnen keine Hilfe zu erwarten war.

Das Wetter war wunderschön, als ich voller Freude einer Flaschenpost für Katja Katzenpohl folgte. Katja tat meiner Stimmung sicherlich gut. Ich freute mich schon auf sie. Mit einer richtigen Frau allein im Mondschein in meinem Einbaum? Und nur Heiner Amadeus war Zeuge …. Wofür? Ach, ja, ich habe nur etwas geträumt, Kinners. Das darf ich doch wohl noch? Ohne besondere Vorkommnisse erreichte ich die Insel Katjas. Als ich Heiner Amadeus an den Strand zog, hörte ich schon das helle, fröhliche Lachen einer jungen Frau. Hatte sie mich kommen sehen? Hatte sie hier irgendwo einen Ausguck? Ich war glücklich. Katja, ach, Katja! Aber dann entfernte sich ihr Lachen wieder. Komisch. Hatte sie mich doch nicht gesehen, aber warum hatte sie dann gelacht? Ich versuchte mit schnellen Schritten ihrem Lachen zu folgen. Irgendwie war ich aufgeregt. Katja Katzenpohl, ich komme, jubelte es in meinem Herzen. Ihre Insel war größer als meine, und auch ähnlich stark bewachsen. Katjas Lachen erstarb plötzlich, dafür hörte ich einen Wasserfall rauschen. Mühsam kämpfte ich mich durch den kleinen Inselurwald und stand staunend vor einem kleinen See, der von einem riesigen Wasserfall gespeist wurde. Und dann sah ich sie. Nackt – wie Gott sie schuf – stand sie am Ufer – was für ein herrlicher Anblick – und sprang ins Wasser. Ich wollte mich gerade bemerkbar machen und selbst – natürlich auch ohne Bekleidung – in das Naß springen, als – ich konnte es nicht fassen – ich einen jungen, braungebrannten Mann neben ihr auftauchen sah. Deshalb hatte sie so fröhlich gelacht. Sie hatte ihm zugelacht und nicht mir. Wie vom Donner gerührt blieb ich halb entblättert stehen und schaute dem verliebten Paar beim Baden zu. Glücklicherweise hatten sie mich noch nicht wahrgenommen, aber kein Wunder, sie waren verliebt und nahmen ihre Umwelt kaum zur Kenntnis. Ich zog mich wieder an und versuchte meine tiefe Enttäuschung zu bekämpfen. Eine Stunde kämpfte ich dagegen an, dann endlich hatte ich genug Kraft gesammelt und trat vollends an das Seeufer. Gequält lässig winkte ich den beiden Menschen zu, bis sie mich entdeckt hatten. Ich drehte mich um, um ihnen den Ausstieg aus dem Wasser und das Ankleiden ohne Scham zu ermöglichen.

„Jan Schmietwech, du bist es,“ fragte sie mit heller, fröhlicher Stimme.

„Ja,“ antwortete ich, „ich wollte Dich holen, Katja.“

„Und ist es nicht eine große Überraschung für Dich,“ fuhr sie plaudernd fort, „dass Ferdinand schon hier ist? Er hat ein Floß gebaut und mich gefunden. Wir sind sehr glücklich, Jan.“

Ich hatte Mühe Ferdinand Kackerlack freundlich zu begrüßen.

„Tag,“ sagte ich nur, denn „Hallo“ wurde damals noch nicht gesagt.

„Oh, Jan,“ sagte Katja verträumt, „Ferdinand und ich sind so verliebt! Ist es nicht toll, dass er mich gefunden hat?“

Ich nickte nur enttäuscht. Immerhin hatte ich nun eine Paddeltour weniger zu fahren. Das Paar ging Händchen haltend mir voran, packte seine Sachen und folgte mir nach einem kleinen, letzten Imbiß zum Strand. Heiner Amadeus wartete auf uns. Mein Einbaum reichte für uns drei mit dem Gepäck des Paares nicht aus, sodaß Ferdinand Kackerlack, der Katja nie aus den Augen ließ, aus einem Versteck sein Floß ins Wasser schob und mir langsam folgte. Natürlich hatte ich nur das Gepäck der beiden im Boot, Katja hatte es vorgezogen ihrem Ferdinand auf dem Floß Gesellschaft zu leisten. Es wurde eine traurige Heimfahrt, denn ich hing meinen Gedanken nach, während das Paar turtelnd glücklich war. Am frühen Abend erreichte unsere Armada die Salzheringsinsel. Das Floß blieb auf dem offenen Meere, denn durch den Schilderwald kam es nicht durch. So hatte ich doch noch das kurze Vergnügen Katja wenigstens einen Augenblick bei mir im Einbaum sitzen zu haben.

Schniedelholzner und Darmschneider waren wie besessen immer noch beim Anfertigen von Hinweisschildern bzw. Ausdenken von dummen Aufschriften – wenn ich es mal so sagen darf. Ferdinand und die wirklich sehr hübsche Katja – große braune Augen, langes braunes Haar, schlanke …., nein, ich höre jetzt auf, es war zwecklos – turtelten unentwegt weiter, und nur Heini Dünnsupp tat etwas Sinnvolles für unsere Heimfahrt. Er hatte schon begonnen passendes Holz für unser Schiff zu sammeln und zuzuschneiden. Irgendwie hatten mich die Ereignisse – nicht nur die ewige Paddelei – ziemlich geschlaucht, und ich zog mich in meine Hütte zurück und schlief sogleich ein.

Am nächsten Morgen – Katja lachte schon hell und glücklich – begab ich mich zu Salzhering meinem einzigen Freund, auch wenn Pfarrer Ödipus Darmschneider mich etwas verdrängt hatte. Aber wen hatte ich denn noch? Alle hatten ihre Freude, und ich? Na gut, es war natürlich auch Selbstmitleid dabei, aber ich hatte mir doch alles so schön ausgemalt. Die Salzheringsinsel, Katja und ich! Paradiesisch wäre es geworden. Vorbei!

Er war weg! Salzhering war fort. Hatte er mich auch verlassen? Besorgt rannte ich zu Darmschneider und fragte ihn nach unseren gemeinsamen Freund.

Aber Darmschneider zuckte nur mit den Achseln und sagte würdevoll: „Mein Sohn, ich war mit anderen Dingen beschäftigt, und konnte mich leider nicht um Salzhering kümmern.”

Ich machte mich auf die Suche. Salzhering war doch mein Postamt und konnte gar nicht gehen. Aber wo war er? Und dann fand ich ihn!

Mein Herz drohte zu zerbrechen. Er lag in Einzelteilen mit anderen Brettern und Hölzern sauber ausgebreitet neben den anderen Arbeitsmaterialien Heini Dünnsupps.

Als ich verzweifelt: „Salzhering. Mein Freund Salzhering,“ schrie, blickte Heini mich entgeistert an.

„Er war mein Freund.“

Als Schniedelholzner, Darmschneider, Kackerlack und Katja an den Strand kamen und meine Verzweiflung sahen, und Heini erklärte, was er unwissentlich getan hatte, wollte Darmschneider mir Trost zusprechen, aber ich wollte nichts mehr hören.

Das war einfach zu viel. Die zerstobenen Hoffnungen mit Katja, der Pfarrer, der verrückte Schniedelholzner und nun als Höhepunkt der Tod Salzherings.

Ich hielt es nicht mehr aus. Ich floh mit Heiner Amadeus von dieser einst wunderschönen Insel, und paddelte dem offenen Meere entgegen. Die Zurückgebliebenen würden bestimmt auch ohne mich zurechtkommen.

Zum neunten Teil!

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