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Meine Odyssee oder: Schmietwechs sonderbare Abenteuer
32. Teil: Ei, der Daus und die fliegende Jolanthe
Jasmund Vögele und ich – nun ohne Willi von Schluri – arbeiteten weiter im Wüstensand für Kaufmann Meyerdie rks und verdienten uns so langsam unsere Heimfahrt. Mit der Zeit
waren uns unsere arabischen Kollegen – oder waren es Berber, ich habe nie so den Unterschied feststellen können – richtig ans Herz gewachsen und wir lebten eine regelrechte Kameradschaft. Natürlich waren Jasmund und
ich an unserem freien Tag am Freitag allein, denn die Marokkaner weilten dann bei ihren Familien in Agadir und den angrenzenden Dörfern. Bei einem unserer Freitagsausflüge – in islamischen Ländern ist der Freitag
und nicht wie bei uns der Sonntag arbeitsfrei – hinein nach Agadir trafen wir überraschend auf einen Deutschen. Peter von Daus! Oh, Kinners, das war vielleicht so eine Type! Vollkommen
durchgeknallt, würde man heute sagen, und so unwahrscheinlich ungeschickt. Als Jasmund und ich ihn auf der Straße anriefen, rannte er gegen ein geöffnetes Tor. Der Unfall ging glimpflich aus
– Tor und Mensch ging es danach den Umständen entsprechend gut. Beide kamen mit kleinen Beulen davon. Peter von Daus war um die dreissig Jahre alt, hatte langes, zotteliges und
geflochtenes Haar, war schlank und trug arabische Kleidung. Er war braungebrannt – fast schon schwarz, aber seine hellblauen Augen und sein leicht spöttischer Blick hatten in ihn den Fremden
in Marokko verraten. Ja, ihr habt richtig gehört: Zotteliges, geflochtenes Haar. Heute würde man Rastalook dazu sagen. Das also war Peter von Daus, der als Türsteher, Entertainer und „Die
Lebende Litfasssäule“, Zwergkaninchenzüchter, Vorzeigeausländer, Vertreter für Pflaster und Binden, Gelegenheitsintendant an der Bühne des „Theaters des Flüsternden Windes“ – sein Erfolgsstück hieß: „Omar, der
Kampfhamster und die güldene Haarspange“ – und Assistent eines Physiotherapeuten in Agadir arbeitete und in seiner Freizeit Naturforschung bet rieb. Als wir uns mit ihm unterhielten, verriet er, dass er der Liebe wegen
nach Marokko ausgewandert war. Aber nicht die zu einer Frau! Nein, es war der Fennek, der ihn nach Nordwestafrika getrieben hatte. Als Hobbyforscher hatte ihn schon immer dieser Wüstenfuchs fasziniert. Und
seine wissenschaftlichen Arbeiten galten damals als ungewöhnlich, aber auch für die Professoren an den Universitäten dieser Welt durchaus als interessant und fundiert. Als Jasmund und ich ihn trafen, hatte er gerade
seine Phase als Theatermann. Er inszenierte neben dem „Kampfhamster“ gerade „Siegmunds Freude“ – eine Hommage an das Hausmütterchen im mittelfränkischen Deutschland des
ausgehenden 17. Jahrhunderts. Nebenbei sollte auch noch erwähnt werden, dass er an einem kleinen Alternativtheater aktiv war und dort das Stück: „Der Tod der Zahnfee“ mitgestaltete.
Peter von Daus war übrigens der Enkelsohn des berühmten Wissenschaftlers Knut Heinz von Daus, der als erster Mensch
das Phänomen des „Wenn man schnell noch etwas fertig machen will, obwohl es schon sehr spät ist und es dann natürlich einfach nicht schafft“ wissenschaftlich untersuchte – so hieß auch seine
Doktorarbeit an der „Akademie für nicht nutzbare Künste“ in Glückstadt-Elberfeld. Wer kennt es nicht: „Ach, mach’ ich eben noch schnell, dauert ja nur 5 Minuten“ und dann werden es 5
Stunden und es geht dennoch nicht? Ich bin selbst ein Meister dieses Faches! Jawohl, davon kann meine arme Frau ein Lied singen.
Aber nun wieder zurück zu Peter von Daus. Er hatte so viel verschiedene Projekte im Kopf und dann noch seine ganzen
Teilzeitarbeitsstellen, dass er total zerstreut war und nie genau wusste, wo er war. Und so stieß er sich des Öfteren sein Haupt oder sein Schienbein. So auch geschehen, als wir ihn auf der
Straße ansprachen. Und sogleich bildeten sich kichernde Menschentrauben um ihn. Wenn es irgendwo schepperte oder jemand „Aua“ schrie, konnte es nur der Peter sein.
So hatte er schon eine gewisse Berühmtheit erlangt, und wenn ihn wieder einmal etwas Ungeschicktes passiert war, sprachen
die Menschen von Agadir nur: „Ei, der Daus!“
Und jeder wusste bescheid.
Ja, Kinners, ihr habt es richtig erkannt. Der Ausspruch: „Ei, der Daus!“ wurde aus Marokko nach Deutschland exportiert. Na gut,
ich habe es natürlich vorher etwas eingedeutscht. Ist ja klar.
Jasmund Vögele und ich begleiteten Peter so oft wir konnten auf seinen Wegen und ersparten ihn so die eine oder andere Beule.
Eigentlich hätte er ganztägig einen Manager oder Betreuer an seiner Seite haben müssen. Aber da wir arbeiten mussten, passierte es doch noch sehr oft, dass er irgendwo gegen stieß.
Und eines Tages erwischte es ihn so stark, er hatte wohl gerade seine neueste Inszenierung im Kopf, dass uns ein Mann von der Arbeit weglotste und uns zu ihm führte.
„Da liegt der schwarze Peter“, sagte der Mann und zeigte auf ein Krankenhaus.
Dort fanden wir ihn mit bandagiertem Kopf.
Peter von Daus schaute uns betrübt an und meinte leise: „Jetzt hast `s mich richtig erwischt.“
Und nun hatten Jasmund und ich den schwarzen Peter. Denn wer zahlte die Krankenhauskosten? Peter war wohl sehr arbeitsam
und arbeitete fast Tag und Nacht, aber trotzdem war er praktisch mittellos. Also griffen wir beiden Wüstensandschaufler in die Tasche und übernahmen die Kosten. Diese durchaus humanitäre
Tat – hättet Ihr mir nie zugetraut, nicht wahr? – verlängerte unseren Marokko-Aufenthalt leider um einige Wochen.
Das Unglück Peters weckte in Jasmund wieder sein seelsorgerisches Gewissen. Und er arbeitete von nun an nur
noch halbtags bei Meyerdierks und richtete sein Freizeitleben ganz auf die Betreuung von Peter von Daus ein. Endlich hatte er einen Ersatz für Willi von Schluri gefunden. Jasmund Vögele
kümmerte sich von nun an aufopferungsvoll um den dankbaren Lebenskünstler und entfremdete sich langsam meiner.
Wieder ging ich allein meiner Wege und verließ auch den Sandgroßhandel von Kaufmann Meyerdierks. Ich fand bei der
schon sehr alten Dame Jolanthe Hölzli, die aus der Schleswigschen Schweiz stammte und in Agadir eine Pfandleihe und ein Nähstübchen betrieb, eine kurzfristige Anstellung als Gesellschafter.
Jolanthe, so heißt doch kein Schwein, meint Ihr? Doch, Kinners, gerade Schweine heißen so. Meine Großmutter hat ihr jeweiliges
Schwein immer – sie hatte nur eines zurzeit – grundsätzlich Jolanthe genannt. Warum? Keine Ahnung. Übrigens war eine Jolanthe Königin von Jerusalem, aber natürlich einige Jahrhunderte vorher.
Gesellschafter, wie Gesellschafterin? Ja, Leute, es ist so. Es war für einen europäischen und gebildeten – na gut, Leute,
minimalistisch gebildeten – Mann die einzige freie Stelle. Ich weiß, normalerweise sind es Gesellschafterinnen, die sich um ältere Damen kümmern, den Rollstuhl schieben und ihnen etwas
zu essen bringen. Aber Frau Jolanthe, wie ich sie nannte, war nicht hinfällig, obwohl schon 85 Jahre alt und konnte sich selbst noch die Nase putzen. Meine ganze Tätigkeit bestand eigentlich
nur darin ihr vorzulesen. Und da sie meine sonore, männliche Stimme mochte, hatte sie eben mich eingestellt.
So saß ich neben ihr in ihren Plüschmobiliar und las – sie war übrigens ganz in schwarz gekleidet, seit vor drei Jahren ihr
geliebter Wellensittich das Zeitliche gesegnet hatte – aus: „Die Spitzenklöpplerin“ – ein Fachblatt, wegen ihrer Nähstube, „Zwei links, zwei rechts“ – ebenfalls ein Fachblatt, „Fundsachen“ – na,
klar, wieder ein Fachblatt, aber dieses mal wegen ihrer äußerst florierenden Pfandleihe und ihre Lieblingszeitung „Das Gemälde“ – ein Vorläufer einer heutigen, berühmt-berüchtigten
Boulevardzeitung und auch fast nur aus – damals gezeichneten – Bildern und Schlagzeilen bestehend. Hier einige dieser Schlagzeilen:
„Blindenhund irrt umher: Frauchen, wo bist Du?“,
„Der Standort Marokko ist in Gefahr“,
„Der Fennek, ein Katzenmörder?“,
„Eunuch wird Vater“, usw. usw.
Frau Jolanthe war sehr nett und die Bezahlung gut, aber trotzdem fiel mir die Arbeit sehr schwer. Ich war es einfach nicht mehr
gewohnt drinnen in einem richtigen Haus stundenlang zu sitzen. Die freie Natur und ja, auch die körperliche Arbeit fehlte mir. Außerdem musste ich mich zu sehr konzentrieren, gerade wenn
ich aus „Zwei links, zwei rechts“ oder „Die Spitzenklöpplerin“ vorlesen musste. Es war irgendwie nicht meine Welt.
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Nun aber hatte Frau Jolanthe ein großes Problem. Scheinbar war Marokko damals ernährungstechnisch für Europäer ein
schlechtes Pflaster, siehe auch von Schluris Problemchen. Es passierte fast jeden Tag, dass ich während meiner Mittagspause von der entsetzten Köchin zu Frau Jolanthe gerufen wurde. Der
Anblick, der sich mir dann bot, war der, einer an der Zimmerdecke schwebenden älteren Dame. Ja, Kinners, doch! Sie hatte durch das Essen soviel Luft im Bauch, dass sie einen
gewaltigen Auftrieb bekam und praktisch wie ein Luftballon an die Decke schwebte. Eigentlich war sie eine kleine, sehr zierliche Frau, aber ihr Bauch war ein absolutes Dehnungswunder. In
diesen Momenten hätte sie wahrscheinlich sogar einen Fesselballon komplett mit Luft versorgen können. Aber Frau Jolanthe schien diese Augenblicke regelrecht zu genießen.
Meine Aufgabe bestand nun darin, erstens eine Leiter zu holen und zweitens den aufgeschwollenen Bauch meiner Arbeitgeberin leicht zu massieren, um sofort den Luftdruck zu senken. Das hieß
nichts anderes, als ihr das körpereigene Gas abzulassen. Ich muss wohl nicht extra erwähnen, dass das für die Nase dann etwas unangenehm wurde. Die Luft entwich langsam. Das
dazugehörende Geräusch brauche ich wohl auch nicht zu beschreiben, oder? So sank sie schließlich zu Boden.
Wenn sie wieder auf ihren eigenen Beinen – nun fast vollständig entlüftet – stand, lachte sie und meinte einmal: „Vielleicht sollte
ich mir an der Decke auch bequemes Mobiliar befestigen lassen, so kann ich es auch mal länger ohne Hilfe dort oben aushalten. Und, wer weiß, vielleicht gefällt es mir oben dann so gut, dass ich dort wohnen bleibe.“
Als ich Frau Jolanthe Hölzli mindestens schon das fünfzigste Mal entlüftet und auf die Beine geholfen hatte, hatte ich genug von
dieser Tätigkeit und kündigte. Bereits am nächsten Tag bestieg ich mit genügend Geld ausgestattet im Hafen die „Kommerzienrat Wolfhard Kruse“ und verließ Marokko mit dem Ziel Lissabon.
Zum 33. Teil!
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