|
Meine Odyssee:
19. Teil: Die Stadt und das Elmsfeuer
Ulfert Baron zu Großkopf und ich staunten nicht schlecht, als wir kaum zweihundert Meter vom Strand entfernt und
gut hinter Bäumen versteckt eine kleine Stadt entdeckten. Und das Faszinierende an dieser Stadt war, dass sie wie eine deutsche Kleinstadt aussah und an der brasilianischen Atlantikküste lag.
Bald standen wir beide staunend auf einen kleinen Platz, der zwischen einer Bäckerei und einem Kolonialwarenhändler lag.
„Bäckerei Balthasar Buhse“ und „Waren aller Art Lothar Brackschmatzschmullenstedt & Söhne“ – ich weiß es noch wie heute.
Ich glaube, wir standen unfähig uns zu bewegen fassungslos und mit offenen Mündern da. Träumten wir? Oder hatte uns die
Strömung doch bis in die Heimat gebracht. Aber es war sehr warm und die exotischen Bäume und Blumen ließen keinen Zweifel zu: Wir befanden uns in Südamerika.
Es dauerte nicht lange da hatten uns Kinder entdeckt, die freudig herum sprangen und uns interessiert anstarrten. Bald kam ein
großer, dicker Mann aus der Bäckerei heraus und schaute uns freundlich an.
„Do you speak English“, fragte er, es konnte seiner Körperform nach nur Bäckermeister Buhse sein.
Ich schüttelte den Kopf, obwohl ich schon leidlich dieser Sprache mächtig war.
„Parlez-vous Francais?“
Nun verneinte Ulfert kopfschüttelnd.
„Sprechen Sie Deutsch?“
Da endlich nickten wir.
„Wie habt Ihr uns gefunden? Seit mindestens fünfzig Jahren haben wir hier in Neu-Furzheim kein fremdes Gesicht gesehen!“
„Wir sind mit einem Floß von St. Helena kommend zufällig an euren Strand gesegelt.“
„Also wusstest Ihr nichts von uns?“
„Nein“, antwortete ich wieder.
„Das ist gut. Niemand kennt uns und niemand besucht uns. Wir Neu-Furzheimer haben unsere Isolierung so und nicht anders gewollt.“
„Wie viel Bürger hat dieser Ort“, fragte Ulfert, und ich ergänzte seine Frage: „Und wieso habt Ihr die Einsamkeit gesucht? Woher kommt Ihr?“
„Darf ich Euch erst einmal hineinbitten“, sagte der Bäckermeister.
Wir stellten uns vor, als wir ihm in sein Haus folgten. Er war vom Titel Ulferts sehr beeindruckt. Auch andere Bürger hatten uns nun
entdeckt und betrachteten uns interessiert. Die Siedler trugen Kleidung, die vielleicht meine und Ulferts Großeltern zu ihrer Zeit getragen hatten. Buhse sprach fast reines Hochdeutsch, was fern
der Heimat scheinbar sehr gepflegt worden war.
Balthasar Buhse führte uns in eine gemütlich eingerichtete, wenn auch etwas rustikale, Wohnstube und brachte uns leckeren
Kuchen und eine große Karaffe Fruchtsaft. Seine dralle Frau Greta und auch etliche Kinder setzten sich zu uns.
Dann begann der Bäckermeister zu erzählen:
„Es begann alles mit Flavius Brackschmatzschmullenstedt, der als Nachtwächter in Furzheim arbeitete, verheiratet und Vater von 3
Töchtern und 2 Söhnen war. Flavius hatte ein kleines Problem, denn er litt – sagen wir einmal – unter starkem Darmgrollen. Und als Flavius – natürlich unbeabsichtigt – während eines
hochherrschaftlichen Besuches in Furzheim während einer Innenstadtbegehung Luft ablassen musste, und die besagte Person neben den Bürgermeister stehend entsetzt die Nase
rümpfte, wurde Brackschmatzschmullenstedt auf der Stelle vom Bürgermeister Donatus Fliegenschiss wegen starker Geruchsbelästigung entlassen. Eigentlich war Flavius ein großer
Künstler, der mit Hilfe des Darmgrollens sogar Kerzen ausblasen konnte, und dabei kam es nur ganz selten einmal zu einer Stichflamme. In der Folge wurde Flavius von der Öffentlichkeit
seiner Heimatstadt gemieden, was sein Darmgrollen nur noch verstärkte. Er war so furchtbar unglücklich und wanderte schließlich mit seiner ganzen Familie aus. Ziel war Nordamerika. Ein Leben in
der neuen Welt sollte ihn und seine Familie wieder glücklich machen. Und obwohl diese Verdauungsschwäche erblich war, begleiteten die drei Freunde seiner Töchter und die beiden
Freundinnen seiner Söhne Familie Brackschmatzschmullenstedt in die neue Welt jenseits des Teiches. Natürlich heirateten die fünf jungen Paare vorher. Die Trauungszeremonie wurde bewusst von
Pfarrer Ethelbert Ruchmann kurz gehalten, denn er war sich nicht sicher, ob er den eventuellen Geruchsbelästigungen auf Dauer gewachsen war.
Nach der Massentrauung reiste die Großfamilie nach Bremerhaven – natürlich – und bestieg das schon ziemlich alte
Auswandererschiff „Brittany II“, das mitten auf dem Atlantik in schwere See geriet und unterging. Wie durch ein Wunder überlebte die ganze Familie in einem Rettungsboot, das
schließlich an der brasilianischen Küste strandete. Brackschmatzschmullenstedt, seine Frau Käthe und die zehn jungen Leute entschlossen sich dem Schicksal zu gehorchen und
dort eine neue Siedlung zu gründen. Neu-Furzheim. Und das war vor ungefähr 150 Jahren!“
„Wahnsinn“, sagte ich nur.
„Wir haben eine Einwohnerzahl von 118 Bürgern, die alle miteinander verwandt sind und entweder Brackschmatzschmullenstedt, Buhse, Drangmann oder
Davidowitsch heißen“, vervollständigte der Bäckermeister seinen Bericht.
„Und wir brauche n frisches Blut“, warf Greta Buhse lächelnd ein.
Heute würde man sofort an Vampire denken, aber damals machte man sich keine Gedanken über irgendwelche Blutsauger. Und so meinte Greta das auch gar nicht.
„Zur Zucht“, fragte Ulfert überflüssigerweise.
„Einfach ein neuer, unverbrauchter Familienname und nicht mit uns Ur-Neu-Furzheimern verwandt“, antwortete Greta nachsichtig.
Am Abend fand ein großes Fest zu unseren Ehren statt. Sämtliche Bewohner waren auf dem Platz erschienen. Wir saßen an großen
Holztischen, die schön gedeckt waren. Es gab herrliches Essen und wunderbare Getränke. Es mundete dem Baron und mir sehr gut. Sogar für Musik war gesorgt. Ein älterer Herr spielte Geige
und eine noch recht junge Frau sang dazu. Es waren furchtbar alte Lieder, aber wie sollten die Neu-Furzheimer bei ihrer Isolierung auch an aktuelle Gassenhauer gekommen sein? Greta Buhse, die
Vorsitzende des Frauenvereins stellte Ulfert Baron zu Großkopf, den sie besonders hofierte, und mir die jungen Damen des Ortes vor. Wir Neuankömmlinge sollten heiraten und in Neu-Furzheim
bleiben. Das war Ulfert und mir natürlich klar. Und wenn man die jungen Damen betrachtete, konnte man sich durchaus vorstellen Neubürger von Neu-Furzheim zu werden. Denn Jana Drangmann,
Felicitas Brackschmatzschmullenstedt, Theresa und Caroline Buhse oder Emma und Bertha Davidowitsch waren recht hübsche Mädchen. Da gab es nichts! Aber auch Mona und Monika
Drangmann oder Tess Brackschmatzschmullenstedt konnte man als sehr ansehnlich bezeichnen. Als das Fest geendet hatte, Ulfert und ich mit allen Kandidatinnen wenigstens einmal getanzt und in
die Augen geschaut hatten, kamen Ulfert und ich doch ganz schön ins Grübeln. Reizlos waren die Mädchen und natürlich die Landschaft und das Städtchen nicht. Man hatte sicherlich sein
Auskommen und konnte hier in Ruhe und Frieden leben. Besonders Ulfert war in tiefes Nachdenken versunken, als Greta Buhse uns in ein Zimmer führte, wo sie für uns ein Nachtquartier
aufgeschlagen hatte, denn Emma Davidowitsch hatte es ihm angetan. Sie war sehr kurvenreich ausgestattet und hatte schönes, langes, schwarzes Haar. Ich selbst favorisierte Jana Drangmann –
nicht ganz so kurvenreich, aber sehr süß und ebenfalls dunkelhaarig. Eigentlich war es in Neu-Furzheim richtig schön und so schliefen wir ein. Kurz darauf wurden wir durch merkwürdige
Geräusche geweckt. Ulfert und ich schauten aus dem kleinen Fenster. Was wir dann sahen, überraschte uns eigentlich nicht besonders, aber merkwürdig war es schon. Scheinbar traten alle
Bürger kurz vor dem Schlafengehen vor die Türe und entlüfteten ihre Därme. Die kollektiven Seufzer danach hatten irgendwie etwas Romantisches an sich. Glücklich gingen die Bürger von
Neu-Furzheim danach in ihre Betten. Und über Neu-Furzheim stand eine Glocke schlechter Luft, die nicht nur gut gegen Moskitos war, wie mir am nächsten Tag beim Frühstück Bäckermeister
Balthasar Buhse versicherte, sondern auch vor den Eingeborenen und wilden Tieren schützte. Es war wie eine Schutzglocke, unter der die Bürger in Ruhe und Frieden leben konnten.
Nach dem sehr leckeren Frühstück bekamen wir hohen Besuch. Das Oberhaupt des Ortes und gleichzeitig selbsternannter Pastor
von Neu-Furzheim, Bernhard Davidowitsch der Dritte, wollte uns seine Stadt zeigen. So begleiteten Ulfert Baron zu Großkopf und ich den schon älteren, aber sehr drahtig wirkenden Mann. Er zeigte
uns seine kleine Kirche, die äußerlich eher schlicht und schmucklos aussah, aber innen fast schon prunkvoll eingerichtet war. Dank einer sehr langen Kirchturmspitze war sie aber trotzdem
das höchste Gebäude der Stadt. Bernhard Davidowitsch der Dritte war sehr stolz auf seine Kirche, die er voller Hingabe leitete. Wir kamen bei einem Friseur, der sich bezeichnenderweise Figaro
Buhse nannte, bei einem Wundarzt – einen richtig ausgebildeten Arzt gab es nicht, bei einem Obsthändler und einer Hebamme vorbei. Neu-Furzheim war wirklich ein schönes kleines Städtchen
mit viel Grün zwischen den Häusern. Dann verließen wir langsam plaudernd den Ort und standen plötzlich vor ausgedehnten Gärten und Feldern auf denen Neu-Furzheimer eifrig arbeiteten.
„Das sind unsere Mitbürger, die sich um unsere Landwirtschaft kümmern, denn essen müssen wir ja schließlich alle.“
Dann drehte er sich leicht von uns ab und entlüftete. Und die Schutzglocke wurde dadurch nur noch stärker.
Später am Tag, bei einem Spaziergang mit Jana Drangmann, sah ich in der Ferne einige Eingeborene, die sich nicht heranwagten.
Sie mieden die Stadt und die angrenzenden Felder wie der Teufel das Weihwasser. Neu-Furzheim war für sie tabu.
Jana war einfach nur süß und sehr höflich.
„Entschuldige, Jan“, sagte sie kurz bevor wir uns wieder trennen mussten und rannte flink zum Entlüften hinter einen Baum.
Glücklich lächelnd kam sie zu mir zurück. Ich begann mich in sie zu verlieben. Ja, ja, auch der alte Jan Schmietwech war zu solchen Gefühlen fähig, Kinners!
Als ich abends ein Elmsfeuer, wie wir es auch von See kannten, auf der Kirchturmspitze leuchten sah, deutete ich es als Zeichen in
Neu-Furzheim und bei Jana bleiben zu müssen.
Hier noch zur Erklärung: Bei einem Elmsfeuer handelt es sich um eine elektrische Funkenentladung, die bei gewittrigen Wetterlagen
an hohen, spitzen Gegenständen, wie zum Beispiel Schiffsmasten, Kirchtürmen und Bergspitzen auftritt. Es ist nach Erasmus von Antiochia (italienisch Elmo) benannt, den die Schiffsleute anrufen,
die durch einen Sturm in Not geraten sind.
Zum zwanzigsten Teil!
(vor) (zurück)
(Odyssee) (Startseite)
|