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Die Marina

Meine Odyssee oder: Schmietwechs sonderbare Abenteuer

29. Teil: Die Marina

Dann kam der Tag des Abschieds von den Kapverdischen Inseln. Eine schöne, große Privatyacht segelte an der Küste Fogos entlang und ich nutzte diese Gelegenheit sofort und sprang ins Meer. Schwimmend erreichte ich bald die Yacht und rief „Hallo“ nach oben.

„Wer da“, antwortete jemand und schaute vom Deck zu mir herunter.

„Ich“, antwortete ich intelligenterweise und vervollständigte schnellstens meine Antwort: „Jan Schmietwech bittet an Bord kommen zu dürfen.“

„Was will er von mir“, kam die Frage zurück.

„Ich bin ein Schiffbrüchiger“, auch wenn es im Moment nicht so ganz stimmte, „und möchte gerne meine Heimat wieder sehen.“

„Komme er an Bord und benehme er sich“, kam es nun zurück.

Eine Strickleiter wurde heruntergeworfen und ich kletterte an Bord. Dann stand ich dem Yachtbesitzer gegenüber. Er war vornehm, aber sehr altmodisch gekleidet, schlank, mittleren Alters und hatte weniger Haar als ich, was ich sogleich wohlwollend registrierte. Ich schaute auch auf seine buschigen Augenbrauen. Dann doch lieber kleine Zöpfchen über den Augen, wie nur ich sie so beeindruckend zu tragen in der Lage war.

Der Yachtbesitzer besaß einen auffällig schön geschwungenen Oberlippenbart und stellte sich – nachdem er mir huldvoll die Hand gereicht hatte – als Minimilian von Bürstenschnitt vor. Irgendwie passte der Name Minimilian gut zu ihm, denn er war ziemlich klein und mit dem Namen Maximilian hätte man ihn dann wohl auch mehr als belächelt. Man kennt das ja.

Sein Großvater Bjarne von Bürstenschnitt hatte einst als Besitzer der Norddeutschen Kalkentrieselungs-AG mit Sitz auf der Insel Spiekeroog für viel Furore besonders unter den älteren Menschen gesorgt. Denn – wie der Name schon sagt – Bjarne von Bürstenschnitt versprach allen schon ziemlich verkalkten Mitbürgern – worunter leider auch einige Jüngere zu finden waren – Hilfe. Spiekeroog wurde so über Nacht zum Wallfahrtsort für viele Menschen. Von Bürstenschnitt ließ dort seine Patienten natürlich nicht maschinell entkalken, sondern eröffnete das erste Fitnesscenter der Welt, das die Älteren äußerst effektiv sportlich beschäftigte und dadurch auch geistig forderte und somit den Menschen wieder etwas mehr Zuversicht gab.

Nebenbei hatte Bjarne als Präsident aller Kaninchenzüchter nördlich des östlichen Südfrieslands eine große Bekanntheit erlangt, die er für sich auch geschäftlich weidlich ausnutzte. So wurden die von Bürstenschnitts äußerst wohlhabend. Minimilians Vater Barnabas mehrte den Reichtum ins fast Unermessliche und kaufte eines Tages eine kleine namenlose Azoreninsel. Als Barnabas wegen einer missratenen Börsenspekulation einen Großteil seines Vermögens verlor, heiratete er seine Zugehfrau und zog mit ihr auf die Azoreninsel. Dort kam Minimilian zur Welt und genoss seine Kindheit auf dieser wunderbaren Insel. Die von Bürstenschnitts hatten sich dort beizeiten ein schönes, großes Haus errichten lassen und besaßen noch soviel Geld, wie sie zum Leben für die nächsten Jahrzehnte brauchten. Hier schotteten sie sich von der Welt ab und verließen nur selten ihre Insel. Die Jahre vergingen und schließlich war Minimilian von Bürstenschnitt allein und segelte oft ziellos über die Meere.

Und nun war ich bei ihm an Bord. Er rang nach Worten, denn er war es kaum gewohnt zu kommunizieren und seine Ausdrucksweise schien aus dem Mittelalter zu stammen.

Ich machte mich an Bord sogleich nützlich und wir kamen schließlich doch noch ins Gespräch. Minimilian war gerade wieder auf dem Weg nach Hause. Aber dort wartete nur ein leeres Haus auf ihn. Er war sehr einsam und mochte einfach nicht mehr allein leben, obwohl es für ihn Normalität war. Er lud mich zu sich ein. Nur für ein paar Tage sollte ich bei ihm bleiben, dann wollte er mich zum größten Hafen der Azoren bringen, damit ich endlich selbst nach Hause kommen könnte. Ich willigte natürlich voller Freude ein.

Einige Tage später steuerte Minimilian seine schöne Insel an. In einer kleinen geschützten Bucht gab es eine Anlegestelle und nur zweihundert Meter davon entfernt das prachtvolle Wohnhaus derer von Bürstenschnitt. Zum großen Erstaunen meines Gastgebers lag bereits eine Yacht an seiner Anlegestelle.

„Sie haben Besuch“, bemerkte ich überflüssigerweise.

Nervös legte von Bürstenschnitt ebenfalls an und betrat heimischen Boden. Ich folgte ihm federnden Schrittes. 

„Wer da“, rief Minimilian zur fremden Yacht herüber, aber niemand antwortete.

Wir gingen zum Haus. Ein prachtvoller, weißer Bau mit großen Fenstern. Bäume, Büsche und Blumen wucherten wild umher. Trotzdem – oder vielleicht deswegen – wirkte alles so paradiesisch hier und auch das Wetter war seit Tagen einfach perfekt.

Und dann sahen wir etwas Wunderbares. Eine Frau – engelsgleich, die von einem nahen Hügel zu uns kam und von weitem winkte.

„Hallo, ich bin Marina Pieselstein und begrüße Sie.“

Die noch junge und mit einer herrlichen blonden Mähne ausgestattete Frau strahlte Minimilian und mich an, so als würden wir sie schon seit Jahren kennen, oder als wären wir ihre Kunden.

Barsch fragte Minimilian, die ihn überragende Frau, als sie uns erreicht hatte: „Was machen Sie auf meiner Insel?“

„Ah, ihre Insel ist das hier? Prima. Ja, ich möchte sie Ihnen abkaufen und einen schönen Yachthafen mit vielen Einrichtungen, wie zum Beispiel Hotel, Gastronomie,  Frischwassertanks und Einkaufsmöglichkeiten bauen. Vielleicht gelingt es mir auch einen Schiffsausrüster zu überreden sich hier anzusiedeln. Ihre Insel eignet sich für meine Pläne exorbitant!“

Der arme Minimilian von Bürstenschnitt war sprachlos, während Marina sich mir zuwandte: „Und Sie sind ein Freund dieses charmanten Inseleigentümers?“

Dabei lächelte sie wunderschön und Minimilian lächelte des „charmanten Inseleigentümers“ wegen ebenfalls.

Ich nickte nur kurz. Dann gingen wir alle ins Haus. Drinnen war es wohl spärlich, aber doch schön eingerichtet. Marina schnalzte mit der Zunge und machte es sich auf einem großen Sofa bequem. Minimilian, der nicht auf Besuch ausgerichtet war, ging in seine Küche und servierte uns Wein und Trockenobst.

„Ich muss noch einkaufen segeln“, sagte er entschuldigend.

„Lieber ….“, begann sie und ich vervollständigte: „Minimilian von Bürstenschnitt.“

„Oh, Minimilian, was für ein schöner Name“, meinte sie schmeichelnd und strahlte unseren Gastgeber an, „und verkaufen Sie mir ihre Insel?“

„Nein, niemals“, sprach von Bürstenschnitt mit brüchiger Stimme und versuchte dabei nicht die strahlende Marina anzusehen, was ihm aber nicht ganz gelang.

Man musste sie einfach ansehen.

„Keine Möglichkeit für mich?“

„Nein. Diese Insel ist alles was ich besitze. Und mein Boot, natürlich.“

Marina Pieselstein ließ nicht locker und strahlte Minimilian unentwegt an, der Schweißausbrüche bekam und dahin zu schmelzen schien.

Dagegen beachtete sie mich überhaupt nicht, sodass ich nach draußen ging um mir einmal seine Insel anzuschauen.

Später erfuhr ich, dass sie Corvo hieß und eigentlich nur aus dem erloschenen Vulkan Monte Gordo, der einen See besaß, bestand. Der südliche Teil Corvos, wo wir uns befanden, war relativ flach, während sonst die Ufer aus steilen Klippen bestanden. Die höchste Erhebung der Insel war der Monte dos Homens mit 718 Metern. Monte dos Homens bedeutet Berg des Menschen.

Als ich nach einem mehrstündigen Spaziergang hungrig zurück ins Haus ging, saßen Minimilian und Marina lachend zusammen. Sie feierten Verlobung! Ich fasste es nicht.

„Das ging aber schnell“, sagte ich noch.

Aber auf meinem Kommentar hin reagierte niemand. Statt dessen brachten zwei Stewards, die von Marinas Yacht stammten, allerlei feine Speisen ins Haus und bedienten das junge Paar. Ich bekam wohl auch etwas ab, fühlte mich hier aber irgendwie deplaziert.

„Marina bleibt bei mir“, raunte Minimilian mir leise zu.

Nun hat Marina seine Insel auch ohne Geld in die Hände bekommen, kam mir sogleich in den Sinn. Aber sie war auch wirklich eine beeindruckend strahlende Frau und Minimilian blühte in den folgenden Tagen förmlich auf. Marina entsandte ihre Yacht zur Azoren-Hauptstadt um allerlei Dinge zu besorgen und begann sein Haus nach ihren Vorstellungen einzurichten. Bald kamen Ingenieure, Handwerker und Gärtner auf die Insel. Und Minimilian schaute lächelnd zu, wie Marina Pieselstein langsam seine Insel umgestaltete. Innerhalb von 2 Wochen sahen das Haus und der Garten vollkommen anders aus. Marina war eine wohlhabende und erfolgreiche Frau, die genau wusste, was sie wollte. Und ich bekam den Eindruck, obwohl ich zuerst mehr als skeptisch war, dass sie Minimilian wirklich mochte. Immer wieder strich sie ihm liebevoll über seinen spärlich bewachsenen Schädel und strahlte ihn an.

Was faszinierte Marina so an Minimilian, fragte ich mich. Und, Kinners, es war seine Nase, wie ich später zufällig mitbekam, die Marina scheinbar regelrecht anzog. Er war in der Lage mit seiner Nase Melodien zu pfeifen, und dass so virtuos, dass sie davon Gänsehaut bekam. Für ihn war es neu, so etwas wie Macht über eine Frau zu besitzen. Und dass eine Frau wie Marina ihn wirklich mochte und was das Pfeifen betraf ihn sogar sexy fand, schmeichelte ihm sehr. Mir selbst blieb es versagt, seinem melodiösen und einzigartigen Nasenpfeifen lauschen zu dürfen.

Ich kam mir hier sehr überflüssig vor und wollte fort, aber von Bürstenschnitt bat mich bis zu seiner Hochzeit zu bleiben. Ich blieb und schaute bei den ersten Arbeiten am neuen Yachthafen zu, den Marina schon in Angriff genommen hatte.

Übrigens wird seit damals ein Yachthafen auch Marina genannt.

Die Hochzeit fand dann auf dem Berg des Menschen statt. Die Sonne und Marina strahlten um die Wette, während Minimilian von Bürstenschnitt fast ungläubig das Treiben um sich herum und seine Braut betrachtete. Dass noch einmal soviel Schwung in sein Leben kommen würde, hätte er nie gedacht und jetzt genoss er es. Hunderte Gäste – unter ihnen viele Geschäftsfreunde von Marina – waren nach Corvo gekommen. Auf Reede lagen Dutzende von Yachten. Marina stand vor der Trauungszeremonie mit ihren Verwandten zusammen, die hauptsächlich aus der Südfälischen Schweiz angereist waren. Minimilian hatte keine Verwandten, so fungierte ich als Trauzeuge und machte meine Sache ganz ordentlich, wie mir versichert wurde, obwohl ich mich in dem neuen dunklen Anzug nicht sehr wohl fühlte. Ich war es einfach nicht mehr gewohnt normale zivile Klamotten zu tragen. Der Pfarrer, aus der Hauptstadt gekommen, hielt die Trauungszeremonie in portugiesischer Sprache, die kaum jemand der Anwesenden verstand. Schön war es zumindest für die Damen, die es dem angenehmen Wind des Atlantiks zu verdanken hatten, unter die Soutane des – wie die Damen meinten – äußerst ansehnlichen Pfarrers zu blicken, der – wie auch ich bemerkte – keine lange Hose darunter trug. Weiter möchte ich mich hier darüber aber
nicht auslassen. Tatsache war aber, dass die weiblichen Gäste der Hochzeit voll auf ihre Kosten kamen, denn das eine oder andere „Oh“ war zu hören, wenn der Wind mit der Soutane des Pfarrers spielte. Die Hochzeitsfeier war ein rauschendes Fest. Marina und Minimilian hatten sich nicht lumpen lassen. Es gab Unmengen gutes Essen, Getränke und eine vielköpfige Musikkapelle spielte den einen oder anderen Badesaisonschlager. Aber auch das schönste Fest geht einmal zu Ende und die Tage auf Corvo für mich auch. Ich verabschiedete mich am nächsten Tag vom Ehepaar von Bürstenschnitt und enterte eines der Catering-Boote mit Ziel Ponta Delgada auf der Insel São Miguel.

 

Zum 30. Teil!

 

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