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Meine Odyssee:
21. Teil: Die Krönung
Jana Drangmann kümmerte sich mehr und mehr um Max van Moritz. Und ich bemerkte bald, dass es für mich keine Zukunft mit ihr gab. Enttäuscht begann ich
mich wieder etwas um den alten, guten Jobst zu kümmern. Mein Floß aus unbekümmerten Tagen. Ich lief viel am Strand entlang und schaute in die Ferne. Es war wunderschön hier – keine Frage.
Irgendwie verlor ich den Kontakt zu Ulfert Baron zu Großkopf, der von den Neu-Furzheimern in Beschlag genommen und
unwahrscheinlich ehrfürchtig behandelt wurde. Mit einem Adeligen hatten die Bürger noch nie zu tun gehabt. Sie kannten sie nur aus den Erzählungen der Gründungsväter, und für die war ein
Blaublütiger eben etwas ganz Besonderes, einer den man dienen musste. Fast schon göttergleich.
Da Jana mich zu Gunsten Max van Moritz’ fallengelassen hatte, schien mich Theresa Buhse irgendwie aufs Korn genommen zu
haben. Sagt man das so? Oder nennen wir es mal so: Sie schien ein Auge auf mich geworfen zu haben. Eigentlich sah sie sehr hübsch aus. Sie hatte auch langes, dunkles Haar, aber ihr
Darmgrollen war schon recht stark. Und ich muss zugeben, dass es mich doch etwas störte. Sie dagegen fand es schick oder besser gesagt: sehr schicklich - für Neu-Furzheim natürlich ein
Muss. Niemand ist perfekt, ich auch nicht. Doch, doch. Haarausfall und …. Nein, mehr sage ich nicht. Theresa saß ständig wegen ihres Darmgrollens wie auf einer Duftwolke. Immerhin war ich nicht
mehr allein und sie begleitete mich bei meinen langen Spaziergängen. Sie war sehr intelligent, und so waren unsere Gespräche durchaus unterhaltsam. Als sie mir erzählte, dass der
amtierende Stadtrat die Idee Ulfert zum König zu krönen in der nächsten Ratssitzung einbringen wollte, war ich sehr überrascht und konnte nicht glauben, was ich da eben gehört hatte.
Neu-Furzheim war eine gesunde, kleine Stadt, die bis dato ohne einen Herrscher ausgekommen war. Warum jetzt dieser Sinneswandel? König Ulfert I. von Neu-Furzheim! Hörte sich aber
nicht schlecht an, wie ich zugeben musste. Die Gerüchte verfestigten sich. Ulfert sprach kam noch mit mir, da er irgendwie schon in höheren Sphären schwebte. Na, ja, eigentlich wäre ich
auch gerne mal zum König gekrönt worden. Die arme, arme Bevölkerung! König Jan der Große, König Jan der Fabelhafte, König Jan der Glatzköpfige .... Oh, nein.
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Und dann war es wirklich so weit. Die Krönungsfeierlichkeiten und die Hochzeit zwischen Ulfert und Emma standen an. Ganz
Neu-Furzheim beteiligte sich an den Vorbereitungen. Max van Moritz studierte eine neue Nummer ein und Theresa war für das Aufblasen der Luftballons zuständig. Leider sah ich ihr eines
Tages dabei zu. Es war furchtbar, denn sie blies die Ballons nicht mit ihrem Mund auf … Mehr brauche ich wohl nicht zu sagen. Sie machte es aber sehr diskret, aber natürlich für eine normal
ausgebildete Nase war es eben nicht sehr angenehm. Und erst die Geräusche! Theresa gefiel diese Art der Beschäftigung übrigens sehr gut. Voller Eifer hatte sie bald hunderte von Luftballons
aufgeblasen, die natürlich nicht wie die heutigen Ballons aussahen und hergestellt wurden, sondern eher Papierlampions glichen. Als ich mich etwas angeekelt – wenn so ein Ballon platzte – abwandte,
sah ich in der Nähe eine junge Frau, die ihre Nase rümpfte. Sie hieß Clara Davidowitsch und war die ältere Schwester Emmas, der künftigen Königin Neu-Furzheims. Sie war nicht so hübsch wie
ihre Schwester, auch eher rundlich, hatte leicht rötliches Haar, aber eine süße Nase und hatte einen für Neu-Furzheim großen Fehler. Sie litt absolut nicht unter Darmgrollen. Clara war der Außenseiter
der Stadt, die sich von allen Feierlichkeiten und auch vom allabendlichen Entlüften fernhielt und deshalb auch keinen Mann oder Freund hatte. Also für die Bürger ein komisches Mädchen,
das nicht in das Weltbild der Neu-Furzheimer passte. Ich unterhielt mich sehr angeregt mit ihr und empfand es als sehr komfortabel, das sie nicht zwischendurch entlüften musste. Endlich wieder ein
nicht darmgrollender Mensch. Ich mochte die Neu-Furzheimer und ihre Stadt sehr gerne, aber dieses ständige Entlüften empfand ich doch zunehmend als unangenehm. Und nun gab es hier ein
Wesen, welches in der Stadt der Entlüfter als unnormal galt, obwohl sie die einzig Normale – was die körperliche Lebensmittelverarbeitung betraf – unter ihnen war. Theresa Buhse,
die meine Entlüftungsenthaltsamkeit merkwürdig fand, obwohl ich das ohne Zweifel natürlich auch konnte, sah mein Interesse an Clara und kündigte unsere Freundschaft noch am selben Abend
ohne mit der Wimper zu zucken, denn ich als Gelegenheitsent lüfter
war ihr wohl doch nicht genug.
Wegen der ganzen Aufregung vor und während der Krönungszeremonie schwebte eine schwere Duftwolke über Neu-Furzheim, die einem den
Atem raubte. Die Bürger der Stadt hatten keine Vorkenntnisse was eine Krönung betraf, aber dafür machten sie es doch sehr festlich. Die Krone, die Ulfert von Bernhard Davidowitsch dem Dritten
aufgesetzt wurde, war keine goldene mit Edelsteinen besetzte, sondern eher eine einfach gehaltene Krone, die der Kunstschmied des Ortes Edwin Brackschmatzschmullenstedt aus vorhandenen Metallen gefertigt
hatte. Emma bekam ebenfalls eine kleine Krone auf das Haupt gesetzt. Sie strahlte glücklich. Und König Ulfert I. winkte mir, als er an mir vorbei schritt, huldvoll zu. So spielte das Leben! Eben noch
Tretbootfahrer und nun König eines unabhängigen Landes. Max van Moritz, der als umjubelter Stargast der Hochzeit sein großes Können zeigte, wurde später von Ulfert zu seinem Berater und
obersten Minister ernannt. Auch eine interessante Karriere. Und was war mit mir? Nichts, Leute. Ich wurde mal wieder – wie mir es des Öfteren im Leben passiert ist, jetzt kein gespieltes Mitleid,
bitte – übergangen, übersehen, oder wie man es sonst noch nennen könnte. Ich war tief enttäuscht. Jawohl. Aber wenn ich ehrlich bin, was hätte ich auch großartig tun können? Ja, vielleicht
ein Programm in die Wege leiten, das das Darmgrollen unter Zuhilfenahme von Ernährungstipps in Neu-Furzheim hätte bekämpfen sollen. Aber was wäre die Stadt ohne das gemeinsam e Erleben des Entlüftens?
Clara Davidowitsch und ich sonderten uns immer mehr vom Königreich Neu-Furzheim ab. Bei einem unserer Spaziergänge verließen wir die Schutzzone der
Stadt. Eingeborene beäugten uns misstrauisch, ließen uns aber in Frieden weiterziehen. Ich glaube, ich sah sie ihre Nasen rümpfen. Sie schienen glücklicherweise geruchsempfindlich zu sein. Die
Wildnis um uns faszinierte ungemein, und so entschlossen wir uns noch tiefer in den Urwald zu gehen. Kurz bevor wir umkehren mussten – es wurde langsam dunkel – hörten wir leise
Stimmen. Sie sprachen nicht deutsch oder die für uns merkwürdige Sprache der Einheimischen. Sie kamen immer näher. Clara und ich versteckten uns sicherheitshalber hinter einem
Busch. Man konnte ja nie wissen, was das für Menschen waren. Piraten oder gar Menschenfresser?
Zum zweiundzwanzigsten Teil!
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