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Die Klappmütze

Meine Odyssee:

13. Teil: Die Klappmütze

 

Tamarisko Rindsfüsser kannte alle Robbenarten. Er zeigte uns die Mähnenrobbe, die Kegelrobbe, den Seehund, die Ohrenrobbe, die Mönchsrobbe, die Ringelrobbe, die Sattelrobbe und die Klappmütze. Ja, doch, Klappmützen gibt es auch. Ein wunderbarer Name für eine Robbenart. Klappmütze! Ich weiß nicht, ob es Einbildung war, oder schaute mich eine der Klappmützen besonders interessiert an? Ich nannte sie – war es überhaupt eine sie, ich war mir natürlich nicht sicher – nach einer Großtante, Marlene, die den gleichen verträumten Blick, aber was eigentlich schlimmer war, fast die gleiche Nase, wie die nette Klappmütze hatte. Marlene besaß nur eine kleine Mütze – nein, keine Wollmütze, Kinners. Klappmützen heißen so, weil sie ein blasenförmiges Gebilde, das von der Stirn bis zur Nasenöffnung reicht, besitzen. Und Marlenes war ziemlich klein, daher ging ich davon aus, das sie ein Weibchen war. Die Männchen konnten ihre Mützen gewaltig aufblasen. Wirklich schön sah das nicht aus. Ja, ich weiß, Klappmützen und auch die meisten genannten Robbenarten kommen normalerweise nicht an der westafrikanischen Küste vor, selbst Tamarisko Rindsfüsser war überrascht sie hier zu sehen. Klappmützen z. B. leben eigentlich im Bereich des Nordpols.

Wir segelten in Begleitung der Robben langsam Fernando Poo entgegen. Und wenn ich an der Reling stand und auf das Meer starrte, kam Marlene immer längsseits, als wollte sie mit mir sprechen. Ich erkannte sie an ihrem Blick und natürlich an ihrer Nase.

Eines späten Abends – das Wetter war herrlich – stand ich allein an Deck und starrte verträumt in den Sternenhimmel, als ich ganz unvorbereitet ins Meer gestoßen wurde. Ich war so überrascht, dass ich noch nicht einmal schrie. Es ging alles so furchtbar schnell. Ich sah noch, wie der Große Herbert, der wie wir alle wissen fast blind war, tastend am Deck umherlief. Er war der Übeltäter, der mich versehentlich ins Meer gestoßen hatte, denn ich hörte ihn rufen: „War da jemand? Hallo?“

Ich wollte gerade: „Zu Hilfe“ rufen, als plötzlich Susi wieder auftauchte und sich intensiv mit der „Oktopussia“ zu beschäftigen begann. Die gesamte Besatzung lief an Deck. Ich einzelner Mensch war dem Riesentintenfisch wohl zu gering und zu klein, und so ließ mich Susi zufrieden. Meine Kameraden waren so mit der Abwehr des Oktopusses beschäftigt, dass sie meine Hilferufe nicht hörten. Dann kam auch noch Wind auf, und ich wurde vom Schiff abgetrieben. Nie sollte ich meine alten Freunde wieder sehen.

Wieder allein im Meer! Aber ich hatte Glück, denn Marlene tauchte plötzlich neben mir auf und freute sich, dass ich mit ihr im Meer schwamm. Sie schien mir einen Weg weisen zu wollen. So schwamm ich neben ihr her, obwohl ich für sie natürlich viel zu langsam war. Marlene schien mit mir reden zu wollen, und es sah immer so aus, als würde sie ständig lächeln. Drei Tage und Nächte schwammen wir so nebeneinander, und das Wetter war wunderbar. Zwischendurch tauchte Marlene kurz und brachte mir einen Fisch, den ich dann widerwillig aß. Roher Fisch ist nicht so mein Ding, Kinners, aber ich mußte ja essen und bei Kräften bleiben. Schließlich sichtete ich am Horizont eine Insel.  Kurz vor dem einfach herrlichen Sonnenuntergang gingen wir an Land. Das heißt, Marlene robbte natürlich.

Es war eine sehr kleine Insel, die aber wunderschön anzusehen war. Allererste Sahne! Darum nannte ich sie spontan Sahneinsel. Warum die Portugiesen später daraus Ilheu Bom Bom machten, weiß ich wirklich nicht. Sie hätte auch den Namen Paradiesinsel verdient gehabt, so schön war sie. Später erfuhr ich, dass das Eiland zu der größeren Insel Principe gehörte. Auf der Sahneinsel gab es viele Früchte, die ich essen konnte. Und Marlene brauchte bloß in das Meer zu robben und sich einen Fisch zu fangen. Sie lag neben mir am herrlichen Strand oder schwamm und tauchte im Meer. Und jedes Mal brachte sie mir einen Fisch mit, aber glücklicherweise hatte ich es jetzt nicht mehr nötig rohen Fisch zu essen. Statt dessen aß ich lieber die Früchte, die mir die kleine und wunderschöne Insel bot. Marlene schien traurig zu sein, wenn ich ihren Fisch nicht aß und schien an mir zu zweifeln. So briet ich schließlich jeden zweiten Tag einen Fisch, um die gute, liebe Marlene nicht zu verletzen. Sie verstand wohl nicht, warum ich die Fische nicht mehr roh aß, aber freute sich, dass ich doch noch ihre Mitbringsel verkostete. Wenn ich ein Feuer entzündete, entfernte sie sich schnell von mir, denn davor hatte sie große Angst.  

Die Insel war herrlich, und ich könnte mir heute durchaus vorstellen auf so einer Insel bis an mein Lebensende zu leben. Aber ich war nun schon so häufig als Schiffbrüchiger durch die Meere geschwommen und wollte jetzt einfach nur daheim auf dem Sofa sitzen oder auf unserem Deich spazieren gehen können. Trotz allem fühlte ich im Moment kein großes Heimweh, da die Sahneinsel so überwältigend schön war, und Marlene außerdem auch ein angenehmer Mitbewohner war, auch wenn sie mich bei meinen Exkursionen auf der Insel nicht begleitete. Das wäre für eine Klappmütze nun doch auch zu anstrengend gewesen.

Die Sahneinsel hatte eine inspirierende Wirkung auf mich. Nicht nur Gedichte geisterten durch mein Hirn, auch Lieder, die ich schrieb und sang. Marlene verschreckte ich vollkommen mit meiner Stimme. Ungläubig starrte sie mich an, wenn ich wieder ein Lied anstimmte, und flüchtete ins Meer. Die gute Marlene hatte natürlich recht mich bei meinen Gesangsübungen allein zu lassen. Meine Stimme war furchtbar, aber meine Liedertexte waren – glaube ich – gar nicht einmal so schlecht. Nach den vielen Jahren kann ich mich nicht mehr an alle Texte erinnern, und die Gedichte, die ich eigentlich selbst nicht sehr mochte, sind meinem Gedächtnis glücklicherweise ganz entschwunden. Aber ein Lied war mir besonders gut gelungen, wenn ich das einmal bescheiden anmerken darf. Es hieß: „Fernando Poos schöne Schwester“! Ich versuche nun es zu rekonstruieren. Keine Angst, es ist nicht sehr lang:

Fernando Poos schöne Schwester

Fernando Poo, du wunderbare Insel

Malen müsste man dich mit dem Pinsel

Du bist so schön und wunderbar

Es ist eigentlich unfassbar

 

Du liegst vor Afrikas Küste

Und was ich gern wüsste

Wie heißt deine schöne Schwester, sag’s geschwind 

Du weißt es nicht, gutes Kind?

 

Doch nicht etwa Kathrein?

Sahneinsel muß es sein ….

Nein, nein, und noch mal nein. Das ist doch zu schlimm, und ich breche hiermit in aller Form ab. Es tut mir leid, überhaupt mit dem Lied angefangen zu haben. Aber damals auf der Sahneinsel mit der guten Marlene fand ich es wirklich gut. Ich war ja auch noch so herrlich jung. Vergessen wir das jetzt ganz einfach! Fast schäme ich mich.

In diesen Tagen sprach ich viel mit Marlene, die mich dabei treu ansah und ein guter Zuhörer war. Ich weiß nicht, ob sie mich wirklich verstand, denn als ich davon erzählte bald in meine Heimat zurückkehren zu wollen, schien sie plötzlich traurig zu werden. Und als ich an einem Floß – ich hatte ja nun genug Übung darin – zu bauen begann, hatte ich den Eindruck, als wollte Marlene mich davon abhalten, indem sie laufend ins Meer robbte und mir jedes Mal einen Fisch vor die Füße legte. Sie störte mich regelrecht, sodaß ich mit meiner Arbeit nicht vorankam. Und als ich mich lautstark – was eigentlich nicht meine Art ist – deswegen bei ihr beschwerte, robbte sie beleidigt davon. Stundenlang ließ sie sich nicht sehen, doch dann tauchten am Horizont hunderte von Robben auf und bevölkerten den Strand der Sahneinsel.

 

Zum vierzehnten Teil!

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