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Die Kegelschwestern

Meine Odyssee oder: Schmietwechs sonderbare Abenteuer

27. Teil: Von Bagaluten und Kegelschwestern

 

Ich will Euch jetzt nicht wieder mit meiner Schwimmerei in den Weltmeeren langweilen. So beginne ich dieses neue Kapitel mit dem Satz: Leicht beschwingt verließ ich nach gut vier Tagen das Atlantische Meer und betrat den Strand einer Insel. Das Schwimmen hatte mir gut getan und mein Kopf war fast wieder frei. Die Ereignisse auf der „Mary Celeste“ zu verdrängen, gelang mir aber leider nur zum Teil. Ich musste mich davon befreien, denn nun ging es einzig und allein um mich. Egoistisch, nicht wahr? Aber leider notwendig und nicht änderbar.

Ich hatte noch genügend Kraft um mich sogleich auf der Insel umzusehen. Vielleicht waren es die Azoren – was ein großes Glück gewesen wäre, denn dort traf sich die Weltflotte. 

Die Insel war schön. Eine ziemlich üppige Vegetation und überall blühte der Hibiskus. Wunderbar! Ich benötigte etwas mehr als zwei Stunden um die Insel zu Fuß zu durchmessen. Sie war also nicht sehr groß, hatte aber Mittelgebirgscharakter. Und vom höchsten Punkt der Insel konnte man eine weitere Insel mit einem riesigen Vulkan in der Nähe ausmachen. Also eine Inselgruppe! In den folgenden Tagen durchstreifte ich dieses schöne Eiland und stellte fest, dass es fast kreisrund war. Dann traf ich auf ein kleines Dorf. Die Menschen lebten ziemlich ärmlich, waren aber sehr freundlich und nahmen mich in ihrer Mitte auf. Sie sprachen portugiesisch, aber ich befand mich nicht auf den Azoren. Die Insel hieß Brava und gehörte zu den Kapverdischen Inseln. Die benachbarte Insel mit dem Vulkan wurde Fogo genannt. Ich war leicht enttäuscht, als mir der Dorfbürgermeister dieses erzählte. Trotzdem gefiel es mir auf den Kapverden richtig gut und ich begann mich auf der Insel einzuleben. Ich baute mir in der Nähe des Strandes – gegenüber von Fogo – im Gegensatz zu den Einheimischen, die in festen Steinhäusern wohnten, eine leichte Schilfhütte. Ich hatte ja auch nicht vor ewig auf Brava zu leben. Dinge, die ich für das Leben benötigte, bekam ich von den Dorfbewohnern, denen ich entweder auf dem Feld half oder ihnen für sonstige Hilfsarbeiten zur Verfügung stand. Die meisten Nahrungsmittel gab mir die Natur und ich brauchte sie bloß auf- oder abzusammeln.

Es war wirklich schön hier. Abends saß ich vor meiner Hütte und schaute auf das Meer oder den Vulkan und wartete voller Geduld auf ein Schiff, die hier in unregelmäßigen Abständen vorbeisegelten, wie mir der Bürgermeister mitgeteilt hatte. Voller Wehmut dachte ich an meine Salzheringsinsel und an die Gespräche mit meinem alten Freund Salzhering. Vielleicht sollte ich später einmal dorthin zurückkehren und in der stillen Einsamkeit meinen Lebensabend fernab der lärmenden Welt verbringen, für die ich wohl nicht mehr geschaffen war.

Eines Abends, ich hatte gerade meine Augenbrauen geschnitten und hing meinen Gedanken nach, bekam ich Besuch. Ein wunderschönes, weibliches, junges Wesen trat lächelnd vor mich hin. Sie war die Tochter des Bürgermeisters und hieß – wie auch anders – natürlich Leticia. Wieder eine Leticia! Scheinbar mochte sie mich. Unverständlich, nicht wahr? Aber was sollte ich machen? Ich schien ein Typ zu sein, den südländische Frauen mochten. Glaubt Ihr nicht? Für eine neue Beziehung war ich aber noch nicht bereit – jetzt nicht lachen, so hielt ich mich gegenüber der neuen Leticia vornehm zurück. Leticia die Zweite, wie ich sie nannte, ließ sich aber nicht beirren und strahlte mich immer wieder aufs Neue an. Oh, Mann, war das Mädchen hübsch. Langes, lockiges, schwarzes Haar, dunkelbraune, große Augen, schön geschnittenes Gesicht mit hohen Wangenknochen, ihre Figur … stopp. Es reicht. Sie sprach auch etwas Englisch, sodass wir uns leidlich verständigen konnten.

Als ich eines Tages – ich hatte stundenlang auf einem Feld gearbeitet – nach Hause kam, hatte sie für mich gekocht. Irgend etwas Einheimisches. Es schmeckte ausgezeichnet! Und als ich den Löffel beiseite legte, – nicht abgab, Kinners! Noch nicht! – legte sie ihre Hand auf die meine und schaute mich mit ihren wunderschönen Augen an. Mein Gott, ich konnte nicht mehr an mich halten und nahm Leticia die Zweite in die Arme und küsste sie. Sie schmeckte so süß und duftete einfach nur herrlich. Oh, Mann, ihre Süße raubte mir fast den Atem.

Und so hatte ich wieder eine Beziehung, der ich mich nicht entziehen konnte und wollte. Leticia die Zweite war einfach eine phantastische Frau. In den nächsten Wochen achtete ich überhaupt nicht mehr auf vorbeisegelnde Schiffe. Das Interesse an meiner neuen Liebe war wesentlich größer, als der Wunsch nach Hause zu kommen.

Aber dann kam es wie ein Unwetter über uns. Ein Schiff setzte eine randalierende Meute von deutschen Kegelschwestern an unserer Küste aus.

„Emma, wo bist du“, war das erste was ich von den neuen Gästen hörte.

„Ich bin doch schon da, Käthe“, antwortete die Gesuchte.

„Hier ist ja gar nichts los! Wo sind die Kerle? Und die Bars und Tanzcafes?“, schnatterten einige Damen los. 

Und dann sahen sie mich. Ich hatte dösend – auf Leticia der Zweiten wartend – vor meiner Hütte gesessen, auf das Meer geschaut und das gesichtete Kreuzfahrtschiff emotionslos an mich vorbeiziehen lassen.

Es waren ungefähr zwanzig Damen und alle um die fünfzig Jahre alt. Die meisten von ihnen konnte man durchaus als schwergewichtig bezeichnen, und jede der Damen trug natürlich eine voll gestopfte Handtasche bei sich.

Sie blieben vor mir stehen und starrten mich interessiert an. 

„Jetzt sind wir extra von Buxtehude hierher gefahren, um mal richtige, südländische Männer in die Finger zu kriegen“, sagte eine der Damen entrüstet, „und nun dieses hier.“

Dabei zeigte sie auf mich. Ich kämpfte mit meiner Beherrschung.

„So alte Kerle mit wenig Haar gibt’s bei uns in Buxtehude genug. Nicht wahr, Mädels?“

Ein großes zustimmendes Gekreische hob an.

„Wenn ich den Reiseveranstalter zufassen kriege“, brummte die kräftigste der Damen drohend.

Sie schienen mich tatsächlich für einen Einheimischen zu halten. Braungebrannt, wie ich nun einmal war. So tat ich ganz unbeteiligt und versuchte nicht beleidigt zu sein. Es war sehr hart! Ich konnte mir sogar ein Lächeln abgewinnen.

„Guckt ihn an“, sagte eine Dame, „er grinst. Er hält sich wohl für unwiderstehlich.“

„Pedro“, sprach mich eine an, „wo ist hier die Bar? Ich habe Durst.“

Ich grinste wieder und zuckte mit den Schultern.

„Alter, du verstehst uns wohl nicht? Bist ein ganz Doofer, was?“

Und die Damen lachten. Ich hatte mich voll im Griff und lächelte nun noch etwas breiter.

„Ja, ja, da haben wir wohl recht!“

Eine der Damen forderte mich mit Gesten auf aufzustehen. Ich tat es. Dann sollte ich mich langsam drehen. Auch das tat ich.

„Na, ja“, hörte ich, „der Hintern geht ja noch. Aber der Rest?“

Da hatte ich aber Glück und lächelte kurz.

„Freundlich scheint er ja zumindest zu sein“, räumte eine füllige Dame ein.

„Das ist mir nicht genug. Gibt’s denn hier keine Piepshow, eine Amüsiermeile oder so etwas“, warf eine andere ein.

Dann würdigten sie mich keines Blickes mehr und gingen schnatternd Richtung Inselinneres. Erschöpft nahm ich wieder platz und begann Vergleiche zwischen Leticia der Zweiten und den Kegelschwestern zu ziehen und kam zu dem Schluss unbedingt auf Brava bleiben zu wollen.

Aber kaum saß ich ein paar Minuten oder auch länger, als meine wunderschöne Leticia ganz außer Atem zu mir kam und um Hilfe bat. Die deutschen Kegelschwestern brachten die ganze Insel gehörig durcheinander. Scheinbar zogen sie gerade randalierend über Brava hinweg, stets auf der Suche nach einer Bar und interessanten Männern. Der Bürgermeister bat mich zwischen ihn und den Damen zu übersetzen und zu vermitteln.

Die Kegelschwestern hatten aus Mangel an Gelegenheit die Wohnstube des Bürgermeisters gestürmt und sich mit heimischen Weinen bewirten lassen. Einige der Damen begannen, schon leicht angetrunken, deutsche Trinklieder zum Besten zu geben.

Als ich eintrat, sagte eine der Damen sogleich: „Was will der denn hier, dieser Insel-Bagalut?“

Ich muss nun wohl etwas erklären. Ein Bagalut – Mehrzahl Bagaluten – ist ein Radaubruder. Diese Bezeichnung wurde früher in der Seefahrt oft zum Ausdruck gebracht. Aber mich, der fast schon handzahm die Redereien der Damen hatte über sich ergehen lassen, als Bagaluten zu bezeichnen, war schon ein starkes Stück und reizte mich sehr.

So sprach ich trotzdem freundlich: „Sie kommen aus Buxtehude?“

Plötzlich waren die Damen mucksmäuschenstill.

„Sie sprechen deutsch“, fragte eine Dame erschüttert.

„Ich bin Deutscher“, antwortete ich wahrheitsgemäß.

„Und Sie haben alles verstanden, was wir vorhin sagten?“

„Ja“, antwortete ich kurz.

„Wir sind eigentlich nur auf der Suche nach einer Tanzbar.“

„Und wo sind hier junge Männer“, fragte eine schon ziemlich angetrunkene Dame.

„Es gibt im Moment kaum junge Männer auf Brava, da diese fast alle als Seeleute auf den Weltmeeren ihr Geld verdienen“, antwortete ich. 

„Und was machen wir denn eigentlich hier“, fragte eine der Damen.

„Nach Mallorca hätten wir fahren sollen! Wie jedes Jahr. Da ist wenigstens immer etwas los. Und da gibt es todschicke Latinos wie Sand am Meer!“

Ein Jubelgeschrei hob an.

„Genau. Und da gibt es auch nicht nur dieses Kujambelwasser“, schrie eine Dame mit hochrotem Kopf, ein gefülltes Weinglas in der Hand.

Zur Erklärung: Kujambelwasser steht für Fruchtsaftgetränke. 

„Zurück zum Schiff“, schrie die Dame mit der größten Handtasche.

„Auf, Mädels!“

Und schon setzten sich die Damen in Bewegung – einige schon leicht schwankend. Ich begleitete sie bis zum Strand, wo sie bald darauf die Boote zum Kreuzfahrtschiff – was auf Reede lag – enterten. Als das Schiff wieder die Segel setzte – warum bin ich eigentlich nicht mitgefahren? Wenn Ihr Leticia die Zweite gesehen hättet, würdet Ihr diese Frage erst gar nicht gestellt haben, Kinners – kehrte auf Brava eine himmlische Ruhe ein.

 

Zum 28. Teil!

 

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