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Meine Odyssee oder: Schmietwechs sonderbare Abenteuer
22. Teil: Die Italiener
Dann hörten wir nichts mehr. Clara Davidowitsch und ich verließen die Deckung und liefen direkt in die Arme bewaffneter Eingeborener. Sie bedrohten uns
mit ihren Pfeilen und führten uns ab. Soweit außerhalb Neu-Furzheims schienen die Einheimischen keine Angst mehr vor Geruchsbelästigungen zu haben. Auch meinen Versuch den
Darm grollen zu lassen, beeindruckte sie nicht sonderlich. Es war aber auch ein jämmerlicher Versuch, den jeder normale Neu-Furzheimer Bürger voller Unverständnis missbilligt hätte.
Vielleicht hatten die Südamerikaner uns auch über eine längere Zeit beobachtet und bei uns beiden keine ungewöhnlichen Darmaktivitäten feststellen können. Nun waren wir also Gefangene
und ließen uns von acht Kriegern zu einem Lager führen. An einem kleinen Fluss lebte dieses nicht sehr zahlreiche Volk. Es waren nur eine Handvoll Hütten, die ungeordnet am Fluss aufgereiht
waren. Immerhin besaßen sie auch einige kleine Boote. Vielleicht fünfzig Menschen – unter ihnen auch viele Kinder und Frauen – standen leicht bekleidet um uns herum, als Clara und ich zu dem
Stammesfürsten gebracht wurden. Ich weiß bis heute nicht, wie sich dieses Volk eigentlich nannte. Aber eines weiß ich noch ganz genau. Er war nicht sonderlich freundlich zu uns und ließ uns
binden und in eine alte Holzhütte werfen. Vielleicht war er in der Vergangenheit einmal Neu-Furzheimern in die Hände gefallen und hatte die dortige Luft einatmen müssen, was für einen Menschen,
der aus der reinen, ursprünglichen Natur kam, sicherlich die Hölle gewesen sein muss. Der Häuptling schien unentschlossen, was er mit uns anstellen sollte und ließ uns in den nächsten Tagen
zufrieden. Natürlich blieben wir gefesselt und wurden bewacht. Immerhin bekamen wir genügend zu essen und zu trinken. Obwohl ich über die Zusammensetzung der Nahrungsmittel unsicher war.
Aber man konnte es essen. Clara verhielt sich während unserer Gefangenschaft großartig. Sie blieb ruhig und besonnen, so dass wir uns wunderbar unterhalten konnten. Wir hatten ja auch genügend Zeit dazu.
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Nach fünf Tagen Gefangenschaft bekamen wir überraschend Mithäftlinge. Es war ein italienisches Ehepaar, was dem Stamm in
die Quere gekommen war. Beide sprachen etwas deutsch. Somit konnten wir uns relativ gut verständigen und erfuhren interessante Dinge von Luigi und Tiziana. Und hier ist ihre Geschichte, die sie
beide nach Brasilien führte.
Luigi Silenzio war Süditaliener aus Überzeugung und voller Hingabe. Aber er, der als Sargschnitzer sein Geld verdiente, hatte
eine große Schwäche. Und diese Schwäche ließ ihn und seine Umwelt auf Sizilien verzweifeln. Er hatte eine Fistelstimme, und das im lauten und temperamentvollen Italien, wo alle gleichzeitig
sprachen, und es sich für einen Nichtitaliener so anhörte, als würden die Leute sich beschimpfen und gegeneinander anschreien. Aber so war das nicht. Es war nur ihr Temperament,
also eine zwingende Notwendigkeit. Und da konnte Luigi Silenzio einfach nicht mithalten. Wenn er sprach, verstand ihn niemand.
„Was hast Du gesagt? Sprich doch mal lauter, Luigi!“
Diesen Satz musste der gute Luigi andauernd anhören, aber er sprach schon so laut er konnte. Er presste die Worte mit aller ihm
zur Verfügung stehenden Kraft heraus, bis ihm der Kopf weh tat und sein Gesicht die Farbe einer reifen Tomate angenommen hatte. Aber seine Mitmenschen schauten ihn nur an und schüttelten die Köpfe.
„Ein bisschen deutlicher und vor allem lauter, mein Junge“, sagte Pfarrer Enzo Legastenio im Ort täglich zu Luigi, der als
Sargschnitzer viel mit der Kirche zu tun hatte. Er war vom vielen Schreien schon ganz heiser, aber verstanden hatte ihn doch niemand. Schon die Schulzeit war für ihn eine Tortur gewesen.
Das Gesicht seiner Lehrerin vergaß er sein ganzes, ziemlich langes Leben nicht, obwohl er es ständig versuchte.
„Luigi!“
Der scharfe Tonfall ihrer Stimme klang immer noch in seinen Ohren nach.
Er verzweifelte und wanderte schließlich nach Amerika aus. Natürlich wohnte er dort in Little Italy, aber dort hatte er – wie sollte
es auch anders sein – die gleichen Schwierigkeiten. Er wurde einfach nicht glücklich, bis er Tiziana Verizani traf, sich in sie verliebte und sie schließlich zu seinem Eheweibe machte. Tiziana
war wie er, auch sie konnte aus phonetischen Gründen nicht in der italienischen Gemeinde bestehen, da sie nur eine sehr zarte und leise Stimme hatte, die Luigi sogleich in seinen Bann zog.
Gemeinsam verließ das Paar Little Italy und bestieg die „Benvenuto Express“ um nach Argentinien auszuwandern. Das Schiff war voller Italiener, deren Ziel ebenfalls der
südamerikanische Staat war. Luigi und Tiziana hatten sich für Argentinien entschieden, weil es dort nicht nur viele Italiener, sondern auch noch ziemlich menschenleere Landstriche gab, wo man etwas aufbauen konnte.
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Am vierten Tag auf See passierte dann das große Unglück. Abends wurde den Passagieren normalerweise ein leichtes
Abendessen serviert. Doch am vierten Abend wollte die Schiffsführung ihren italienischen Gästen etwas besonderes bieten und es gab ein Abendessen nach italienischer Art. Und wer
die Italiener kennt, wird wissen was nun kommt. Während des Abendessens ging plötzlich das Licht aus und zwei Besatzungsangehörige rannten singend und tanzend in den Saal.
Die Gäste begannen ihre Servietten zu schwenken und bald sang der ganze Saal italienische Stimmungslieder. Alle waren mächtig fröhlich und die Stewards forderten die weiblichen Gäste zum
Tanz auf. Luigi, der das Serviettenschwenken hasste und als einziger Gast sich nicht daran beteiligte, verwehrte einem Steward den Tanz mit seiner Tiziana. Nun war für die meisten der
anwesenden Italiener das Maß voll, und sie griffen sich empört den – wie sie meinten – Spielverderber und sich unitalienisch benehmenden Mann samt seiner Tiziana und setzten sie aus. Und
ehe sie sich versahen, saßen die beiden ungewöhnlichen Italiener in einem kleinen Boot. Die „Benvenuto Express“ entfernte sich schnell und Tiziana und Luigi waren ohne ihre Habseligkeiten
allein auf dem Meere. Glücklicherweise erreichten sie bald die brasilianische Küste, denn Luigi war ein ausgezeichneter Ruderer. Dort fielen sie sogleich den Eingeborenen in die Hände,
die auch uns zu Gefangenen gemacht hatten.
Luigi jammerte viel während der ersten Tage seiner Gefangenschaft.
„Oh, was bin ich für ein schlechter Italiener“, sagte er immer wieder.
Luigi, nicht sonderlich groß, schlank und eher blass, und Tiziana, die man durchaus als hübsch bezeichnen konnte, waren ein sehr
nettes und angenehmes Paar. Für einen Nicht-Italiener vollkommen unverständlich, was ihnen auf dem Schiff passiert war.
Und immer wieder sagte Luigi zu seiner Tiziana: „Das nächste Mal – ich verspreche es Dir – werde ich auch meine Serviette
schwenken, und wenn ein Kellner – wie es Tradition ist – bei einem Italienischen Abendessen Dich zum Tanz auffordert, werde ich es ihm nic ht verwehren!“
Und dann tröstete Tiziana ihren Luigi. Sie waren ein richtiges Liebespaar. Clara schaute mich immer besonders intensiv an, wenn die beiden Italiener zärtlich
zueinander waren. Aber ich war noch nicht so weit, und das war wiederum für Luigi und Tiziana vollkommen unverständlich. Aber noch waren wir Gefangene des Häuptlings Naserümpf. So nannte
ich ihn, denn jedes Mal wenn er Clara oder mich nachdenklich betrachtete, rümpfte er die Nase, so als würde er an ein Erlebnis in Neu-Furzheim erinnert. Naserümpf, der mich laufend an meinen
wuchernden Augenbrauen zupfte und dabei mächtig grinste, begutachtete uns fast jeden Tag. Scheinbar wusste er noch nicht, was er mit uns machen sollte. Menschenfresser waren sie nicht
und eigentlich – wie wir mit der Zeit feststellen konnten – ein unwahrscheinlich freundliches, friedliebendes Volk.
Aber auch Clara schaute sich den Stammesfürsten näher an und schien zu grübeln.
Und als der Häuptling uns wieder besuchte und mir voller Lust an den wuchernden Augenbrauen zupfte, sagte sie plötzlich: „Kurt, bist du es?“
Der Häuptling zuckte fürchterlich zusammen und schaute Clara ganz ungläubig an.
„Du bist Kurt“, wiederholte sie, „ich erkenne dich wieder. Es ist schon ziemlich lange her, aber … Mensch, Kurt, ich freue mich. Wir dachten Du wärest tot!“
Ohne ein Wort stürmte der Stammesführer aus der Hütte.
„Kurt“, murmelte Clara nachdenklich und lächelte.
Zum dreiundzwanzigsten Teil!
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