|
Meine Odyssee 6. Teil: Der Einbaum
Nun gab es also 6 Schiffbrüchige auf 6 verschiedenen Inseln, die dank meines
florierenden Postamtes miteinander kommunizieren konnten. Der gute Salzhering war das perfekte Büro für meine Flaschenpost-Agentur.
Als ich – Salzhering zuwinkend – eines schönen Tages am Strand
schlenderte, ging mir so einiges durch den Kopf. Wir mußten ein Boot bauen. Ein großes Boot, was uns alle Sechs aufnehmen und für eine vielleicht lange Reise zurück in die Heimat Schutz gegen
die Unbilden der Natur bieten konnte. Warum baute ich nicht einen Einbaum, verfolgte die Flaschenpost, und holte meine Kollegen nach und nach zu mir auf die Salzheringsinsel? Dann könnten wir
ein Boot gemeinsam bauen. Der gute Heini Dünnsupp war nämlich vorbelastet, denn er bastelte kleine Modellschiffchen und nahm an Wettbewerben teil – nein, nicht bei Miss Wet-T-Shirt-Contests,
Blödsinn, Kinners. Sogar das Blaue Band von Geretsried hatte Dünnsupp mit einem Nachbau einmal gewonnen! Also war er fast ein richtiger Fachmann.
Voller Zuversicht bearbeitete ich in den nächsten Wochen einen Baumstamm. Nach der Vollendung würde ich zuerst Katja einen Besuch abstatten. Wieso bin ich ein Schwerenöter? Na, ja,
manchmal träumte ich sogar von ihr. Ja, ich weiß, sie war die Verlobte von Ferdinand Kackerlack, aber vielleicht …. Träumer, ich hab’s gehört. Was hatte ich denn damals auf der Insel? Gut,
Salzhering war da, aber eine Frau …. Ach. Aber nun weiter. Danach wäre natürlich Heini Dünnsupp dran, damit er mit dem Bau des Bootes beginnen konnte. Und erst ganz zum Schluß würde ich
Kackerlack abholen. Irgendwie musste doch meine Paddelei belohnt werden, oder?
 |
Einige Wochen später hatte ich es tatsächlich geschafft. Der Einbaum war fertig, und ein Paddel hatte ich mir auch gebastelt.
Toll sah das alles nicht aus, aber es war funktionstüchtig, und darauf kam es an. Es war ein strahlendschöner Morgen, als ich Abschied von Salzhering nahm, und eine an Katja Katzenpohl gerichtete
Flaschenpost an der richtigen Stelle und zur rechten Zeit ins Meer warf. Dann setzte ich mich – mit etwas Proviant versehen – in den Einbaum, den ich Heiner Amadeus – nach dem berühmten
Erfinder der Haarspange, Heiner Amadeus Edler von Sprack-Dackelsdorf, der nebenbei ein begnadeter Murmelspieler war, und die größte Glasmurmelsammlung der Welt besaß –
nannte, denn ich hatte als kleines Willkommensgeschenk für Katja eine Haarspange aus Fischgräten verfertigt – wie man damals sagte, und verfolgte nun mit meinen Augen, wie sich die
Flaschenpost langsam von der Salzheringsinsel entfernte. Dann nahm ich paddelnd die Verfolgung auf. Bald befand ich mich auf dem offenen Meere und achtete darauf der Flaschenpost nicht zu
nahe zu kommen, um nicht die kaum spürbaren Strömungsverhältnisse zu stören. Es dunkelte langsam, und ich hatte unvernünftigerweise nicht daran gedacht, dass die
Flaschenpost in der Nacht kaum zu verfolgen sein würde. Aber ich hatte Glück, denn am Horizont sah ich gerade noch rechtzeitig eine Insel auftauchen. Einen Augenblick später lagen die Flaschenpost,
Heiner Amadeus und ich glücklich und kaum erschöpft am Strand. „Katja, ich komme,“ jubelte es in mir.
 |
Und ich machte mich auf die Suche nach ihr. Auf einer kleinen Anhöhe entdeckte ich ein hüttenähnliches Gebilde. Strahlend trat
ich ein und fand – was für ein Schock – einen schnarchenden Mann vor. Es konnte nur Pfarrer Ödipus Darmschneider sein. Das hatte ich nicht erwartet, fast hätte ich geheult. Die Postzustellung
war fehlgeschlagen! Leider war es in der Vergangenheit auch schon passiert, dass Post für Katja bei Darmschneider oder umgekehrt gelandet war. Ich weckte den wackeren Pfarrer, der
sich mächtig erschrak, und stellte mich vor. Die Freude einen Schicksalsgenossen zu begrüßen, ließ den Gottesmann erstrahlen.
„Bis hierher hat mich Gott gebracht durch seine große Güte
bis hierher hat er Tag und Nacht bewahrt Herz und Gemüte,“ sagte er und faltete dabei glücklich die Hände.
Pfarrer Ödipus Darmschneider umarmte mich, und wir aßen in
seiner bescheidenen Hütte zu Abend. Er, der die Predigten von seiner Gemeindekanzel über alles geliebt hatte, redete unentwegt auf mich ein. Er erzählte von seinem Heimatdorf, wo er beim
Fußball für die Groß-Gammelsdorfer Talspatzen große Erfolge gefeiert hatte, aber nicht als Fußballer, wie er besonders betonte, sondern als Chorsänger, von seiner Gemeinde und von der Bibel.
Er liebte Gleichnisse, die ich mir nun ungewollt und oft anhören musste.
 |
Wenn ich seinen Ausführungen nicht genug Aufmerksamkeit schenkte, wandte er gerne dieses Gleichnis an: „Wer Ohren hat zu hören, der höre!“
Mit: „Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt,“ meinte er sich selbst. Und wieder gegen mich: „Augen haben und nicht sehen, Ohren haben und nicht hören.“
Ein sehr wahres Gleichnis zum Schluß: „Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, von dem wird auch genommen, was er hat.“
Nach einer fast schlaflosen Nacht folgten Ödipus und ich gemeinsam im Einbaum – es war sehr eng, da der Pfarrer trotz seiner einsamen und darbensreichen Zeit immer noch sehr beleibt
war – eine Flaschenpost, die ich mit dem Ziel Salzheringsinsel ins Meer geworfen hatte. Und wieder war das Wetter schön, und ich hätte das Paddeln wirklich genießen können, wäre nicht Pfarrer
Darmschneider als Passagier an meiner Seite gewesen. Dieses Mal gelang die Zustellung, und wir kamen am Abend an. Ich war glücklich Salzhering wieder zusehen und stellte ihn Darmschneider vor.
 Die ständigen Gebete, Moralpredigten und sein Standardspruch: „Unter uns
Pastorentöchtern“ machten mir in den ersten gemeinsamen Tagen sehr zu schaffen. Und als er sich liebevoll um Salzhering zu kümmern begann, wurde ich auch noch eifersüchtig.
Übrigens bekam ich viele Jahre später zufällig heraus, dass Ödipus Darmschneider unter dem Pseudonym Tamara Nierennäher zwei Bücher geschrieben hatte: „Der Kegelschwestern-Report“ und „Lesbische Wespen“ mit dem
Untertitel: „Wanderungen in der Mark Heidenfeld“. Bemerkenswert!
Nach zwei Wochen mit Ödipus Darmschneider war ich ein seelisches Wrack, und aus reiner Notwehr – ich gebe es
unumwunden zu – machte ich mich bald darauf auf die Verfolgung einer Flaschenpost. Adressat: Dr. Babettus Schniedelholzner. Der Pfarrer und der schwierige Akademiker konnten sich bestimmt
nicht leiden, da war ich mir ziemlich sicher. Sollten sie sich gegenseitig neutralisieren, dann hatte ich wenigstens meine Ruhe.
Leider war in diesen Tagen der Zauber meiner Salzheringsinsel
total verloren gegangen.
Zum siebten Teil!
(vor)
(zurück)
(Startseite)
|
|