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Meine Odyssee
18. Teil: Das Tretboot
Da war ich also schon wieder allein auf dem Meer. Ich nahm Kurs auf die südamerikanische Küste, die aber von St. Helena noch sehr weit entfernt war.
Die Tage vergingen. Das Wetter war bisher unwahrscheinlich gut gewesen. Kein Sturm. Nur diese unendliche Weite bereitete mir mehr und mehr Probleme. Denn außer Wasser gab es nichts um mich. Immerhin war
es mir gelungen, mich vor den stechenden Sonnenstrahlen ziemlich gut zu schützen. Ich trug einen breitkrempigen Hut, wie viele andere Männer auch, wo das Knie schon durch kam. Kennt Ihr den Ausdruck
nicht? Das Knie kommt durch? Na, die Glatze! Diese Schande, die mich von meinen Freunden auf St. Helena vertrieben hatte. Ja, ich weiß, es sind nur zuviel männliche Hormone. Eigentlich sollte man
stolz darauf sein, aber muss man dann gleich eine Glatze bekommen? Und das, wo ich doch so fürchterlich eitel war? Aber das ist eben Schicksal. In den Wochen auf dem Floß hatte ich sehr viel
Zeit, um über dieses Problem nachzudenken. Ich will nicht behaupten, dass ich mich mit meinem Haarproblem abgefunden habe, aber ich war in der Lage – nach großem inneren Kampf – mich damit zu
arrangieren. Darum trug ich also diesen Hut, der im Moment natürlich als Sonnenschutz diente, den ich aber auch – sollte ich jemals wieder festen Boden unter meinen Füßen spüren – von nun an in der
Öffentlichkeit immer tragen wollte. Zumindest so lange, bis ich mein Haarproblem – warum sage ich nicht einfach Glatze? – voll in den Griff bekam. Aber das konnte natürlich noch ziemlich lange dauern,
da ich diesbezüglich schon fast hypersensibel zu nennen war. Nun aber genug zu meinen Haaren.
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Nach ca. vier Wochen auf dem Meer beging ich einen großen Fehler. Ich hatte wenige Wochen vor dem unfreiwilligen Beginn meiner
Odyssee einen Yogakurs an der Volkshochschule belegt. Aber leider konnte ich ihn nicht beenden – die Gründe sind bekannt – und versuchte nun auf See mich einiger Übungen zu erinnern. Und als ich
eines Abends leichte Kopfschmerzen bekam, dachte ich dummerweise an eine Übung, die die Kopfschmerzen vertreiben sollte. Irgendwie musste man zwei Fingerspitzen der rechten Hand so
zusammenführen, dass ein Kreis entstand und mit der anderen Hand musste man auch so etwas Ähnliches machen, aber doch irgendwie anders. Ich konnte mich wirklich nicht mehr so genau daran erinnern.
Aber ich dachte leichtsinnigerweise, dass ich es einfach mal probieren sollte. Also machte ich es, schloss die Augen und lehnte mich so entspannt, wie es nur ging, an meinen Mast. Nachdem ich
ungefähr zehn Minuten so verharrt hatte, öffnete ich wieder meine Augen, aber die Kopfschmerzen waren noch da. Also hatte ich etwas falsch gemacht. Aber erreicht hatte ich trotzdem etwas, auch wenn Ihr
mir jetzt nicht glauben wollt, von diesem Tage an wucherten meine Augenbrauen wie verrückt. Ich hatte also zwei Übungen verwechselt oder wahrscheinlich einfach eine neue Übung selbst erfunden. Die
Yoga-Augenbrauenwachsübung! Ja, was ich Dussel alles kann! Und Ihr könnt euch denken, dass wucherndes Augenbrauenhaar, wenn man vielleicht monatelang unterwegs ist, nicht gerade sehr vorteilhaft
aussieht. Schon am nächsten Tag begann ich kleine Zöpfchen in meine Augenbrauen zu flechten. Merkwürdig war – wahrscheinlich weil ich einen Finger zu weit gespreizt hatte – das meine linke
Augenbraue wesentlich stärker als die rechte wucherte. Ja, das kommt davon, wenn man etwas macht, wovon man nichts versteht.
Kurz nach dieser Erkenntnis setzte eine furchtbare Windstille ein. Flaute! Absolute Flaute. Das war, nach einem Orkan, das Schlimmste
was nicht passieren durfte.
Als ich eines Tages, trübsinnig gegen meinen Mast gelehnt, lautstark über mein Haar und den Wind schimpfte, hörte ich ein plätscherndes
Geräusch. Bitte keine Riesenkrake, dachte ich alarmiert. Aber es war ein Tretboot. Und auf diesem saß kräftig tretend ein noch ziemlich junger Mann. Fassungslos starrte ich ihn an.
„Hallo“, rief ich ihm zu, der schnell näher kam.
„Selber hallo“, antwortete er schon fast frech.
„Na, so allein auf dem Meer“, fragte ich überflüssigerweise.
„Jo.“
Mehr sagte er nicht, sondern erhöhte tretend noch sein Tempo und überholte mich spielend.
Bald war er am Horizont verschwunden. Eine merkwürdige Begegnung mitten auf dem Atlantik. Ich hätte mich gerne noch etwas
mit ihm unterhalten – nach Wochen der Einsamkeit. Er schien Deutscher oder Österreicher zu sein. Selber hallo, was war das eigentlich für eine Antwort? Und denn noch in dieser Umgebung, wo
es weit und breit keine Menschenseele gab.
Glücklicherweise frischte bald der Wind auf, und es ging endlich wieder schneller voran. Es war herrlich! Und zwei Tage später hatte
ich den Tretbootfahrer vor mir.
Ich winkte ihm nur zu, als ich rasant an ihm vorbeisegelte.
Er rief mir verwundert: „Hallo“, zu.
Und ich – Ihr könnt es euch denken - entgegnete: „Selber hallo.“
Ich bin schon ein ekelhafter Mensch, nicht wahr?
Nach zwei Tagen nahm der Wind wieder ab. Die Herrlichkeit war vorbei. Windstille! Und natürlich wurde ich wieder von dem Tretboot
mit dem gleichen Ritual überholt.
Ich: „Hallo.“
Er: „Selber hallo.“
Und er schien sich diebisch dabei zu freuen. Mist! Wieder war er mir entwischt. Scheinbar hatten wir das gleiche Ziel. Dann begann es
wieder zu wehen, und nun überholte ich ihn. Dasselbe Spiel wiederholte sich noch dreimal, ohne dass ich mit ihm richtig gesprochen hatte. Ich war doch nun sehr neugierig zu erfahren, wie er
hieß und wo er Zuhause war. Außerdem konnte man seine sportliche Leistung nicht hoch genug bewerten, denn wochenlang tretend ein kleines Boot über den Südatlantik zu bewegen, da gehörte schon
eine Menge Energie und Kraft dazu.
Dann nahm plötzlich der Wind vehement zu. Es wehte eine starke Brise, die immer stärker wurde. Ich hatte bald große Mühe mit meinen
Segeln und dem Floß, was ich übrigens Jobst – nach einem Großcousin des Bremerhavener Hafenkapitäns getauft hatte, der damals als größter Windhund, Frauenversteher und erster Sitzpinkler
der Stadt galt. Jobst Pistatius war ein viel bewunderter Lebemann, den auch die Jugend anhimmelte, bis sich auch bei ihm das Haar lichtete, und er sich psychisch angeschlagen im Hause seines Vaters
verbarrikadierte. Ich weiß nicht, ob er jemals das Haus wieder verlassen hat, aber nun bin ich schon wieder bei meinem Lieblingsthema: dem Haarausfall. Ach, was bin ich doch für ein armes
Schwein. Immer fällt mir so etwas ein. Selbstzerfleischung, Verzweiflung, ach …. Las sen wir dieses Thema jetzt.
Ich ritt den aufkommenden Sturm regelrecht aus. Ich hatte damit ja als einsamer Seemann auf den Meeren auch schon genug Erfahrungen sammeln können.
Als sich die Wellenberge wieder beruhigt hatten, sah ich das Tretboot ganz in meiner Nähe kieloben treibend und
oben drauf saß erschöpft der Tretbootfahrer. Ein Glück, er hatte den Sturm überlebt!
Nach meinem: „Hallo“, kam dieses mal kein: „Selber hallo“ zurück.
Er hob nur einen Arm zum Gruß. Er schien sehr müde zu sein. Ihm war das Unmögliche nicht gelungen mit einem Tretboot einen Sturm
mitten auf dem Atlantik heil zu überstehen.
Ich nahm ihn an Bord.
Ich versuchte auch das Tretboot zu bergen, aber mein neuer Begleiter schüttelte nur den Kopf und murmelte: „Kaputt.“
Also ließen wir es im Atlantik zurück und segelten gemeinsam in Richtung der Ostküste Südamerikas. Er fiel in einen tiefen Schlaf und
erwachte erst zwei Tage später. Ich gab ihm etwas Zwieback und den letzten Tropfen Trinkwasser. Nun wurde es, rein was die Versorgung betraf, unangenehm und gefährlich. Ich schaute immer intensiver nach
Land aus. Aber man sah nur Wasser – nichts als Wasser. Auch einem erfahrenen Schiffbrüchigen schlug die unendliche Weite langsam auf das Gemüt. Immerhin war ich jetzt nicht mehr allein. Es
machte mir doch viel Mühe den Tretbootfahrer zum Reden zu bringen. Nein, nicht mit Gewalt, was denkt Ihr denn von mir?
Er hieß Ulfert Baron zu Großkopf und hatte sich bisher als Playboy und Sportsmann – ähnlich wie Jobst Pistatius – durch das Leben
gekämpft. Er war der Spross eines uralten Adelsgeschlechts aus der Gegend zwischen Passau und Rendsburg mit Stammsitz in Großkopfskirchen an der Tränke und gerade einmal 27 Jahre alt.
Eine Wette war der Auslöser für die Fahrt mit dem Tretboot über den Atlantik gewesen, die Ulfert mit einigen Trinkgenossen geschlossen hatte. Und wie es aussah hatte er die Wette und viel Geld verloren.
Seine Freunde Edzard Graf Bückenburg und Ölisander McPherson, der ein Pastorensohn und durch Spekulationsgeschäfte zu Reichtum gekommen war, sowie Max van Moritz würden triumphieren, wenn sie
ihn auf meinem Floß hätten sehen können. In den folgenden Tagen kam er langsam aus sich heraus und erzählte das eine und andere über seine Freunde. Besonders Ölisander McPherson – ein wirklich
schöner Name – war ein sehr interessanter Zeitgenosse, der auch schon einiges erlebt und besonders als Sportler – wie die ganze Gruppe – für Aufsehen gesorgt hatte. Radrundfahrten, Segelregatten
und Schwimmwettbewerbe gehörten zum normalen Tagesablauf der vier Playboys und natürlich schöne Frauen mit denen sie sich gerne umg aben.
Drei Tage später sichteten wir Land. Endlich! Und am späten Abend landeten wir an der südamerikanischen Küste. Nach meinen Berechnungen mussten
wir Brasilien erreicht haben. Der Urwald reichte fast bis direkt an den Strand. Erinnerungen an meine wunderschöne Salzheringsinsel kamen in mir hoch. Ach, hatte ich es damals doch gut!
Ureinwohner waren nicht zu sehen, als Ulfert und ich den guten Jobst auf den Strand gezogen hatten. Meine von St. Helena mitgenommenen Nahrungsmittel waren verbraucht, und so war es nun an
uns Essbares und Frischwasser zu finden. Also machten Ulfert und ich uns auf die Küste zu erkunden.
Zum neunzehnten Teil!
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