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Das Holzbein

    Meine Odyssee:

    10. Teil: Das Holzbein

    In den folgenden Tagen wanderten Erwin Sargnagel, Klaus Fritzen und ich den Küstenstreifen Madagaskars entlang. Wir kamen wegen Klaus’ Holzbein nicht sehr schnell voran, hatten aber ein großes Ziel: die Heimat. Wir hofften, hier an der Westküste gegenüber dem afrikanischen Kontinent irgendwann auf ein Schiff zu treffen.
    Nun waren wir bereits seit zwei Wochen unterwegs, und trotzdem, dank der Sangeskünste meiner beiden Mitstreiter, voller Zuversicht. Auch die ständige Bedrohung durch Eingeborene und wilde Tiere, die hier ungewöhnliche Arten hervorgebracht hatten, konnte uns nicht sonderlich schrecken. Gut, ungefährlich waren die Eingeborenen und die exotischen Tiere für uns nicht, aber wir konnten uns wehren, da wir nun auch schon genug Erfahrungen gesammelt hatten, was die Einwohner Madagaskars betraf.

    Dann endlich – was für ein Glücksgefühl – konnten wir am Horizont einen Segler ausmachen. Er schien dort zu ankern. Es dunkelte langsam, und wir entzündeten ein großes Feuer am Strand, um auf uns aufmerksam zu machen. Voller Spannung und Erwartung warteten wir die ganze Nacht am Lagerfeuer sitzend, aber kein Boot kam uns holen. Und auch am Morgen, als die Sonne wieder aufging, kam es nicht, aber wir sahen das Schiff immer noch an der gleichen Position ankern. Warum hatten sie uns nicht entdeckt? In der Nacht muß unser Feuer doch weit sichtbar gewesen sein?

    „Wir müssen hinüberschwimmen,“ rief ich meinen Freunden zu.
    „Zu weit weg, Jan,“ meinte Erwin Sargnagel aus Bremerhaven bedauernd.
    „Und ich mit meinem Holzbein,“ ergänzte Klaus Fritzen kopfschüttelnd.
    „Dann schwimme ich eben allein.“
    Ich gab wieder mächtig mit meinen Schwimmkünsten an und sprang in die Fluten. Nein, das war nun wirklich übertrieben, denn ich watete natürlich hinein. Es waren mindestens 8 km, die ich zurückzulegen hatte. Fast war das Schiff erreicht, als es plötzlich Segel setzte, und den Anker lichtete. Ich konnte gerade noch erkennen, dass der Segler „Prinzessin Trudy“ hieß. Ich rief um Hilfe, aber das Schiff segelte davon. Kraftvoll verfolgte ich es, aber leider frischte der Wind auf, und die „Prinzessin Trudy“ nahm richtig Fahrt auf. Ich gab nicht auf und schwamm ganze vier Tage dem Schiff hinterher, aber als es schließlich doch am Horizont verschwand, und meine Kräfte langsam schwanden, gab ich die Verfolgung auf und schwamm enttäuscht zu meinen Freunden zurück.

    Aber die Tage im Meer hatte ich trotz allem wunderbar genutzt. Ich beobachtete die Seevögel, stellte Berechnungen über die Meeresströmungen an, verhielt mich mucksmäuschenstill, wenn ein Hai meinen Weg kreuzte und bewunderte die vielen verschiedenen Arten dieses gefährlichen, aber auch faszinierenden Fisches. Des Nachts – wenn auch das Schiff in der Ferne schlief – lag ich auf dem Rücken und betrachtete voller Inbrunst die Sterne und stellte auch hier Berechnungen an, die mir später bei meinen Vorträgen über Sternkunde bei der Volkshochschule vortrefflich dienen sollten. Diese einsamen Tage im Meer führten natürlich manchmal auch dazu, dass ich über Gott und die Welt zu philosophieren begann, und abschließend die Schiffsleitung der „Prinzessin Trudy“ verfluchte. Aber wenn ich es richtig bedenke, genoss ich diese Tage im Meer, da auch das Wetter wunderbar war.

    Erwin Sargnagel und Klaus Fritzen hatten mich schon abgeschrieben, und freuten sich ungemein, mich doch noch lebend wieder zusehen. Immerhin war ich ungefähr acht Tage im Meer unterwegs gewesen. Meine Kumpane hatten in der Zwischenzeit eine kleine Hütte gebaut, Lebensmittel gesammelt, Frischwasser entdeckt, sowie fabelhafterweise ein altes Boot gefunden, was unweit von uns zwischen Gestrüpp versteckt gewesen war. Ich war sehr froh über diese Neuigkeiten, dabei aber so rechtschaffen müde, dass ich fast auf der Stelle einschlief. Aber zwei Tage später strotzte ich wieder voller Tatendrang und Kraft. Und wir drei alten Seemänner schoben das mit Lebensmitteln und Wasser beladene Boot in die See. Erwin Sargnagel hatte dazu passende Paddel angefertigt. Unser Ziel war nun die afrikanische Küste, und die „Prinzessin Trudy“ mit ihrer ignoranten Schiffsleitung und scheinbar tauben und blinden Besatzung Geschichte.

    Ein langer Weg lag vor uns. Die Straße von Mosambik – so heißt der Meeresabschnitt, der zwischen Madagaskar und der ostafrikanischen Küste liegt – musste überquert werden. Wir waren sehr zuversichtlich, da auch das Wetter mitspielte. Dann paddelten wir los. Natürlich war ein altes Ruderboot nicht unbedingt dafür geeignet mit – wenn auch großen – Paddeln vorwärts bewegt zu werden, aber wir waren voller Elan und kamen gut voran. Erwin und Klaus sangen und paddelten um die Wette, und die See blieb ruhig. Aber plötzlich nahm unser Boot – was wir kurzfristig „Anti-Prinzessin Trudy“ getauft hatten – Wasser. Zuerst ganz wenig und dann immer mehr, und das natürlich auf offener See, denn Madagaskar war bereits am Horizont verschwunden, und die ostafrikanische Küste noch nicht in Sicht. Erwin Sargnagel suchte und fand das Leck. Es war nur ein kleines Loch im Boden, aber trotzdem für uns sehr gefährlich. Erwin versuchte es mit Stofffetzen zu verstopfen, aber es nutzte nichts. Klaus und ich begannen mit bloßen Händen das Wasser aus unserem Boot zu schöpfen. Aber das Wasser wurde immer mehr. Erwin Sargnagel arbeitete fieberhaft an dem Problem, aber das Leck ließ sich nicht dauerhaft schließen. Bis ihm eine glorreiche Idee kam.
    „Klaus, ich brauche dein Holzbein!“
    „Was?“
    „Ich werde dein Holzbein etwas anspitzen, und dann stecken wir es in das Leck, und schon sind wir gerettet,“ lächelte Erwin seinen Kumpanen Klaus Fritzen an.
    „Prima Idee,“ stimmte ich zu.
    „Mein schönes Holzbein,“ brummte Klaus und schnallte es etwas unwillig ab.
    Sogleich arbeitete der gelernte Tischler aus Bremerhaven an dem blitzblank polierten Holzbein unseres Freundes. Und als er fertig war – ich hatte in der Zwischenzeit wie ein Verrückter Wasser geschöpft – wurde Klaus’ Holzbein vorsichtig von Erwin Sargnagel in das Leck gesteckt. Leider war der Druck des Wassers zu groß, und es strömte wieder vermehrt in unser Boot.
    „Es macht so keinen Sinn,“ meinte Erwin, „das Holzbein ist einfach zu leicht.“
    Also schnallte Klaus sein angespitztes Holzbein wieder an und stellte sich anschließend leicht schwankend – mit seinem ganzen Gewicht – in das Leck. Sofort hörte der Wasserzustrom auf, und ich beförderte das Rest-Wasser völlig entspannt außenbords. Erwin und ich waren glücklich, nur der gute Klaus wirkte etwas unglücklich, wie er so aufrecht im Boot als Leckstopfer stand. Er musste bis zum Ende der Reise stehen bleiben, und uns und die „Anti- Prinzessin Trudy“ am Leben erhalten. Es war für Klaus Fritzen sehr anstrengend, da er sich nicht rühren konnte, dafür wirkte er aber bei Sonnenauf- und Sonnenuntergang sehr malerisch. Zwei Tage später sichteten wir die ostafrikanische Küste und landeten gegen Abend an einem schönen Strand. Und der gute Klaus, den Erwin und ich mit vereinten Kräften aus dem Leck ziehen mussten, war erlöst.


    Zum elften Teil!

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