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Meine Odyssee oder: Schmietwechs sonderbare Abenteuer
31. Teil: Anbiet und die Wüste
Nun stand ich wieder einmal sinnend an einer fremden Küste. Aber immerhin war ich nicht allein. Pfarrer Willi von Schluri und Jasmund Vögele waren
an meiner Seite. Langsam wurde es hell und die Sonne begann erbarmungslos auf uns niederzubrennen. Ich suchte sofort Schutz vor den heißen Strahlen, aber da war nicht viel. Ja, auf meinem Kopf, Kinners. Stimmt! Aber
ich meinte damit Bäume, Häuser oder so etwas. Ihr seid wirklich albern. Weiter im Text. Es war hier schon ziemlich wüstenähnlich, aber wir fanden doch noch Schutz unter einem Arganbaum, die hier im Süden Marokkos
wuchsen. Der Arganbaum war sehr dornig und seine Früchte, die Datteln ähnelten, schmeckten sehr bitter. Aber wir mussten ja etwas essen.
Es schien uns gesünder auf die Abendstunden zu warten um uns Marokko einmal näher anzusehen. So nah an der Heimat war ich
schon so viele Jahre nicht mehr und ich bekam leichtes Magenkribbeln vor Freude, oder war es doch der Hunger, der sich meldete?
Die Sonne brannte auch am frühen Abend immer noch kräftig auf uns nieder, als wir uns schließlich aufgemacht hatten, an der
Küste in Richtung Norden zu wandern.
Als der Pfarrer plötzlich sang: „Ich hab’ die Haare schön“, brummelte ich eifersüchtig und verstimmt: „Ich nicht.“
Wie konnte man so grausam sein? Ich konnte einfach nicht aus meiner Haut, aber anderseits wusste ich nun auch, dass wir uns
wohl doch zu früh auf den Weg gemacht hatten. Die Sonne schlug sich auf unsere Hirne nieder. Wir brauchten Hüte! Meinen schönen Hut von Neu-Furzheim hatte ich schon lange nicht mehr.
Als wir in dieser kargen Landschaft wieder auf einen Arganbaum trafen, bastelten wir uns aus einigen dornigen Zweigen Hut- ähnliche Gebilde, die uns wenigstens etwas Schutz gegen die
Sonne boten. Jasmunds Kopfbedeckung kam einem Hut schon ziemlich nahe, meiner ging so, aber Willi von Schluris Sonnenschutz wirkte eher wie ein riesiger, wild gewachsener Busch.
Nach meinen Berechnungen musste Agadir die nächstgelegene größere Stadt Marokkos sein, die es zu erreichen galt. Und bis
dahin hatten wir mindestens 6 bis 7 Nachtmärsche vor uns.
Unsere nächtlichen Wanderungen absolvierten wir meistens schweigend, aber auch ohne jedwede Probleme. Als wir
braungebrannt Agadir fast erreicht hatten, erblickten wir einen prächtigen kleinen Palast an der Stadtgrenze, vor dem ein Schild mit der Aufschrift: „W. Meyerdierks – An- und Verkauf“ stand. Der
Name deutete sofort auf einen Bremer oder jemandem aus dem Bremer Umland hin. Es war gerade Sonnenaufgang und der Meyerdierks-Palast schien noch zu schlafen, so setzten wir uns
unter einem Baum, der schon zum Grundstück des Kaufmanns gehörte und fingen an zu dösen, denn wir waren müde, da wir ja die ganze Nacht unterwegs gewesen waren.
Werner „Anbiet“ Meyerdierks hatte den Beinamen „Anbiet“ erhalten, weil er alles und jedes zum Verkauf anbot.
„Ich biete an ….“, so fingen seine Sätze immer an.
„Ich biete Sandstrände en gros und frei Haus an und brauche ständig Arbeiter!“
So hatte er uns begrüßt, kaum dass wir ihm „Einen schönen guten Morgen“ wünschen konnten, als uns 2 bewaffnete Männer zu ihm
brachten, der sehr auf seine Sicherheit bedacht war. Denn er selbst war hier in Marokko ein Fremder, der im Land reich geworden war und immer darauf bedacht sein musste, sich mit
den Oberen und Behörden des Landes gut zu stellen.
Werner Meyerdierks stammte tatsächlich aus Bremen und war sehr, sehr korpulent. Er saß wie hingegossen in einem plüschigen
Sessel. Er mochte damals um die 45 Jahre alt gewesen sein. Er schien sich wenig bis gar nicht zu bewegen, denn seine dünnen Beine standen im krassen Gegensatz zu seinem sonstigen
Körperbau. Er schaute uns gelangweilt an und auch meine Bemerkung aus Bremerhaven zu stammen, schien ihn kaum zu interessieren.
„Ihr könnt gleich anfangen.“
Und schon durften wir wieder gehen. Ein Bewaffneter brachte Jasmund, Pfarrer von Schluri und mich zu einer Sammelstelle, wo schon
viele Arbeiter warteten. Glücklich sahen sie alle nicht aus. Ziemlich abgerissen, müde und irgendwie abgearbeitet.
„Das kann ja heiter werden“, raunte Jasmund mir zu und ich nickte.
In den nächsten Tagen schaufelten wir Wüstensand in große Körbe, die von anderen Arbeitern auf Pferdefuhrwerke gehievt
wurden. Wie ich später erfuhr, war die Ladung für Sandstrände an der Copacabana und für Sahlenburg – nah der Heimat – bestimmt. Es war eine sehr harte Arbeit, nach und nach die
Sahara in Körbe wegzuschaffen. Unsere Muskeln schwellten mächtig an. Ja, doch, auch meine! Aber unsere Rücken schmerzten schon sehr. Unsere arabischen – oder waren es
Berber? – Kollegen hatten sämtlich Probleme mit ihren Rücken und auch – obwohl sie es gewohnt waren – mit der Hitze. Leider mussten wir tagsüber arbeiten und die Sonnenstrahlen setzten
uns sehr zu, immerhin ruhten wir während der Mittagsglut unter schattigen Bäumen und dösten vor uns hin. Aber als Jasmund, der Pfarrer und ich den ersten Lohn in den Händen halten
konnten, war alles vergessen. Und mehr als vielleicht 2 Monate wollten wir hier sowieso nicht bleiben, denn die Heimat rief immer lauter. Hinter Meyerdierks’ Palast befand sich ein einfacher Bau,
wo wir Arbeiter über und unter Strohmatten nächtigen konnten. Es war dort auch leidlich sauber. Und schlecht behandelt wurde bei Meyerdierks niemand. Das Essen – sollte es Hirsebrei sein? –
war einfach, aber es sättigte. Nur Pfarrer Willi von Schluri bekam Probleme mit dem Magen. Und jedes Mal, wenn er sich zum Sandschaufeln beugte, entfuhr ihm ein Geräusch. Ich will nicht
näher darauf eingehen, denkt nur an Neu-Furzheim! Ich glaube, da habe ich genug von den besagten duftvollen Winden berichtet. Aber es war schon faszinierend mit welcher Präzision ihn die Winde freudvoll verließen.
Und Werner „Anbiet“ Meyerdierks verdiente bombig. Er selbst ließ sich nie sehen und schien körperlicher Arbeit ziemlich
feindselig gegenüber zu stehen. Seine Arbeiter und auch die Vorarbeiter sagten, er sei ein stinkend fauler Mensch, aber er hatte Ideen und wusste Geschäfte zu machen.
Viele Jahre später kehrte Werner Meyerdierks als steinreicher Mann nach Bremen zurück. Seine Faulheit wurde schnell
legendär, denn er war sogar zu faul seine Hand in die Hosentasche zu stecken. Und auf seinen zwei eigenen Beinen stehend, hatte ihn noch niemand in Bremen gesehen, und wenn
ich es mir recht überlege, in Marokko habe ich ihn auch nur sitzend oder liegend erblicken dürfen.
„Machst wieder einen auf Anbiet, was“, fragten die Vorarbeiter im Hafen, wenn sie meinten ihre Leute würden zu viel Pausen
machen und zu wenig arbeiten.
Und mit der Zeit wurde aus diesem wohlgemeinten Spruch die Bezeichnung für die Schichtpause im Bremer Hafen: „Anbiet“.
Pfarrer Willi von Schluri hatte fast schulterlanges – ich glaube, ich habe es noch nicht erwähnt – rotblondes Haar, welches
regelrecht in der Sonne leuchtete. Bei einem Wochenendausflug in die Innenstadt Agadirs fiel von Schluris prachtvolles Haar einem Friseurmeister sofort ins Auge.
„Mein Herr, ich biete ihnen eine Modelkarriere an. Ihr wundervolles Haar muss einfach unserem Friseurnachwuchs zur
Verfügung gestellt werden. Und, wer weiß, einer meiner Schwager ist der Kunstmaler am Hofe unseres Königs, vielleicht ….“
Ich gebe es zu, Neid durchflutete mich. Nicht wegen der Modelkarriere, nein, wirklich nicht, einzig seines herrlichen
Haarwuchses wegen. Ich weiß, es ist immer das gleiche mit mir, aber in diesem Punkt bin ich eben äußerst sensibel, Kinners. Verzeiht!
Und als der Pfarrer begeistert: „Ich hab’ die Haare schön“, anstimmte, war ich tief gekränkt.
Musste er denn immer so auf sein tolles Haar herumreiten? Zuerst der Pirat und nun auch noch dieser Friseur aus Agadir! Unfassbar. Ach, was war die
Welt ungerecht!
Zwei Tage später wurde Pfarrer Willi von Schluri von einer schönen Kutsche abgeholt. Er
drehte sich nicht einmal zu uns um und verschwand für immer aus unserem Leben. Der arme Jasmund Vögele war furchtbar traurig, denn sein Leben hatte sich immer nur um den Pfarrer gedreht und
nun war er fort. Aber dann begegneten Jasmund und ich Peter von Daus.
Zum 32. Teil!
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