Die holde Hulda oder:
Wie aus einer Einzelhandelskauffrau eine Meerjungfrau wurde
Die Trainerin der Damenschwimmabteilung des Vereins, Gerda Kämpel, war auf ihrem Gebiet eine Kapazität. Auch noch im hohen Alter gab sie ihre fundierten Kenntnisse an Schwimmer weiter. Meistens saß sie dann im Schaukelstuhl und döste vor sich hin.

Wir weckten sie immer mit den Worten: „Na, Omi Kämpel.“
Der damalige Präsident des Vereins und ehemalige Meisterschwimmer Abraham Vorderdrückbecke hatte wenige Jahre zuvor die Badekappe erfunden, und das nur, weil er ungeheuere Segelohren hatte, die sich vorzüglich unter einer Badekappe verbergen ließen. Nie sah man ihn ohne seine mit Blümchen bestickte Badekappe. Scherzkekse sprachen davon, dass er sie auch nachts trug. Ich weiß nicht ob es ein Traum war. Ich sah ihn ein einziges Mal ohne Badekappe vollkommen entrückt auf dem Ein-Meter-Brett stehen. Plötzlich stellte er seine wirklich riesigen Ohren in den Wind und hob ab. Wie ein Vogel ließ er sich von der Luftströmung tragen und setzte einige hundert Meter vom Strand entfernt sanft im Watt auf. Aber vielleicht habe ich das alles nur geträumt. Ich bin mir wirklich nicht mehr sicher.
Ach, wo ich gerade bei Erfindungen bin, der damalige Schwimmwart von Grün-Orange Midlum, Attila Schmitzperger, der unverheiratet war und seine ganze Liebe den Enten schenkte, war der erste Mensch, der mit einem gelben Quietschentchen ins Wasser ging.
Der Schmetterlingsschwimmstil soll durch einen Insektensammler, ebenfalls an der Wurster Küste, entwickelt worden sein, als er einen seltenen Schmetterling bis ins Watt verfolgte und dabei unvorsichtigerweise von der Flut überrascht wurde. Joseph Dösdeppendorf - so hieß dieser Sammler - soll den Ausflug in das Wattenmeer dank der neuen Schwimmtechnik mit viel Glück überlebt haben.

Nun wieder zu den schönen Schwimmerinnen. Die gelernte Einzelhandelskauffrau Hulda Moosbecker, die beim Kaufmann an der Ecke ihren Beruf ausübte, war sehr keusch, und sie hätte ständig einen eisernen Keuschheitsgürtel getragen, wenn er nicht so schwer gewesen wäre. Aber sie liebte es nackt, wie Gott sie geschaffen hatte, zu schwimmen, aber natürlich erst nach dem Training, wenn ich schon Feierabend hatte, ach, wie bedauerte ich das damals, aber Überstunden durfte ich auf Anweisung des Vereins nicht machen. Sie hatte viele Verehrer, die sie umschwärmten, aber mit Totila Zehenschmidt, einen Beau aus Rechtenfleth, einen besonders glühenden, der sie ständig mit Liebesbeweisen für sich gewinnen wollte. Aber jedes Mal, wenn er am Strand auftauchte, sprang sie verschreckt ins Wasser - was natürlich bei Ebbe nicht möglich war, aber dann trainierten die vier Schönheiten auch nicht, logisch, oder? - und schwamm weit hinaus. Immer wieder trieb Totila Zehenschmidt die vergötterte Hulda Moosbecker ins Wasser.
„Ich warte hier, bis du zu mir kommst“, sagte er eines Tages, als seine Geduld erschöpft war.
Aber sie blieb im Wasser und ließ sich nicht blicken. Und er rührte sich nicht vom Fleck. Hulda blieb verschollen, und wir glaubten bald an ein tragisches Unglück, das ihr widerfahren sein musste.
Zehenschmidt stand weiter eisern am Strand und wurde älter und älter, bis er schließlich nach vielen Jahren von einer Wanderdüne verschluckt wurde.
Bald darauf berichteten Seeleute von einer wunderschönen Meerjungfrau, die sie vor der Küste gesehen hatten. Nackt und wunderschön. Immer noch keusch, aber voll ihrer Schönheit bewusst.