Ich
lernte Anna Lüse am Abend des 21. April im Jahre des Herrn 1737 an
der Volkshochschule kennen. Neunzehn Frauen und ich hatten einen
Strickkursus für Fortgeschrittene – ja, ja, ist ja gut, Kinners,
das findet Ihr lustig, ist klar – belegt. Aber um das Stricken geht
es hier gar nicht, sondern um eine andere Begabung Annas. Aber dazu
später.
Lenz Lüse war, als er Anna bei einem
Gartenfest begegnete, ein erfahrener Seemann, der schon alle Meere
befahren hatte. Ich selbst hatte, bevor ich ihn bei einer
Goodwillparty des Vereins „Der verstörte Mann e.V.“ persönlich
traf, schon viel von ihm gehört, denn der gute Lenz hatte sich als
innovativer Fahrensmann erwiesen. Das hatte sich bei einem gewaltigen
Orkan gezeigt, bei dem die „Dicke Bertha“ samt Besatzung fast
untergegangen wäre, und wo andere sich schon längst aufgegeben
hatten, zeigte Lenz, daß er Nerven wie Drahtseile hatte. Obwohl
äußerst stabil gebaut, war er trotzdem sehr beweglich und rettete
mit seiner virtuosen Pumptechnik das Schiff, in dem er das
eingedrungene Wasser ganz allein wieder herausbeförderte. Nach
dieser dramatischen Rettungsaktion begann er an der damals genutzten
Pumpe herumzubasteln und entwickelte nach vielen Tests ein neuartiges
Gerät, das später Lenzpumpe genannt wurde. Von nun an hieß es auch
„lenzen“, wenn Wasser aus einem Schiff gepumpt werden mußte.
Rastlos arbeitete Lenz Lüse an den Problemen, die ein gefährlicher
Wassereintritt für ein Schiff bedeuteten, weiter. In den nächsten
Jahren kamen weitere Erfindungen hinzu, wie zum Beispiel die
Lenzpforte. Das ist eine verschließbare Öffnung in der Seitenwand
eines Schiffes zum Ablaufen des Wassers. Und dann gab es noch den
Lenzsack, ein von ihm entwickelter ...., Kinners, bitte, denkt an
Eure Kinderstube, das ist kein Schweinkram! Der Lenzsack ist ein von
Lenz Lüse entwickelter Treibanker. Nicht mehr und nicht weniger.
Mal
was anderes zwischendurch. Wißt Ihr was ein Luschpäckchen ist?
Nein, kein Lustpäckchen, Leute! Immer diese unreifen Bemerkungen,
schämt Euch! Ein Luschpäckchen ist ein unordentlicher Seemann.
Damit ist der gute Lenz Lüse aber wahrlich nicht gemeint.
Ich
lernte ihn erst einige Jahre nach seinen Erfindungen kennen, und da
war er leider schon sehr krank, denn die harten Jahre auf See und
seine unstete Entwicklungsarbeit hatten ihn viel Kraft gekostet, so
daß er ziemlich voluminös nur noch im Hause saß und – nennen wir
es – Probleme hatte, die ich gleich näher erläutern werde. Aber
als Lenz Lüse – „Der Lenz ist da“, hat übrigens mit dem Mann
Anna Lüses nichts zu tun, das ist eine ganz andere Geschichte –
seine innovative Energie verloren hatte, übernahm Anna mit ihrer
wissenschaftlichen Arbeit seine Kreativität.
Anna Lüses
Mann Lenz litt in den letzten Jahren seines Lebens an fürchterlichen
Blähungen, und gerade diese körperliche Schwäche ihres Mannes,
hatte die findige Frau darauf gebracht, Messungen an ihrem Mann
vorzunehmen. Sie maß die Abluft ihres Mannes morgens gleich nach dem
Aufstehen, nach dem Frühstück, die Abluft nach dem Mittagessen,
nach Kaffee und Kuchen am Nachmittag und schließlich auch seine
Abluft nach dem Abendessen. Fein säuberlich notierte sie die Werte
in ein kleines rotes Büchlein, daß sie niemals aus der Hand gab.
Dann begann sie die Mengen der jeweiligen Abluft mit den
verschiedenen Nahrungsaufnahmen zu vergleichen. Haarscharf
annalüsierte sie die Krankheit – so konnte man sie wirklich
bezeichnen, wahrlich kein Arschgebrechen, wie meine Oma gesagt hätte,
wenn er mit aufgeblasenen Bauch hoffnungslos und Verständnis
erheischend seine Frau anblickte, bevor wieder eine Woge Abluft von
ihm ausgestoßen wurde. Na gut, helfen konnte sie ihrem Mann damit
nicht, aber der Grundstein für ihre Analystenkarriere war gelegt.
Nicht
umsonst wurden ihre Fähigkeiten Jahrhunderte später, als es
erstmals anderen Wissenschaftlern gelang, ihr umfassendes Werk zu
annalüsieren – wie es damals noch hieß, damit gewürdigt, daß
diese Art der wissenschaftlichen Arbeit nach ihr benannt wurde. Aus
annalüsieren wurde analysieren – eigentlich schade. Aber noch
immer arbeiten nicht nur demoskopische Institute oder Beratungsfirmen
nach den von Anna Lüse entwickelten Methoden.
Schon während
des Strickens an der Volkshochschule beeindruckte sie mich mit ihrer
Intelligenz. Es zeigte sich schon damals, daß sie eine Meisterin des
Vergleichs war. Sie analysierte, wie es dazu kommen konnte, daß mein
Leibchen – haha, lustig, lacht ruhig weiter, Leute, aber ich, daß
sage ich hier ganz deutlich, stehe zu meinen Taten, so, genug – bei
weitem nicht die Güte, des von ihr angefertigten Leibchens hatte.
Über ihr Ergebnis möchte ich keine Aussage machen, Leute. Nein,
schon allein aus ethischen Gründen.
So kam sie eines Tages
in unseren Hafen und analysierte im Auftrage der Geschäftsleitung
die Umschlagsaktivitäten. Es gab wohl sehr viel Zahlenmaterial, daß
sie unserem Geschäftsführer Papadoupoulos Jantzen vorlegen konnte,
und es wurde tatsächlich auch versucht Arbeitsabläufe zu
optimieren, aber entweder waren die angedachten Maßnahmen nicht
durchführbar, da einfach zu theoretischer Natur, oder es fehlte zur
Umsetzung einfach das Geld. Immerhin kam die gute Anna auf eine Idee,
die dem heutigen Leasing sehr ähnlich ist. Sie prägte den Begriff:
„Stapeln auf Pump“ – kurz: SaP. So mieteten wir also unsere
Gabelstapler und zahlten mit Naturalien zurück. Was für Naturalien,
fragt Ihr? Natürlich Pferdeäpfel, Kinners. Auch neue, junge
Kranpferde kamen so zu uns. Unsere Facilities – wie man heute
schlau und weltgewandt sagt – wurden somit moderner und den
Anforderungen, die die Verladerschaft an uns stellte, gerechter.
Anna
Lüses Karriere nahm in der Folgezeit ein Ausmaß an, daß ihr
vereinsamter Mann Lenz eines Tages einfach zerplatzte. Gut, das das
Paar kinderlos geblieben war, aber trotzdem belastete sein Ende doch
die Arbeit Anna Lüses nachhaltig. Sie fiel in eine tiefe Depression,
bedingt nicht nur durch den großen menschlichen Verlust, der auch
mich traf, da ich mich als Freund der Familie bezeichnen konnte,
sondern auch durch die nun anstehenden und kaum zu bewältigenden
großen Reinigungsarbeiten daheim. Der arme Lenz Lüse.
Erst
eine neue Liebe zu dem Koloratursopranisten Anna Konda – natürlich
ein Künstlername, Kinners – ließ ihre alte wissenschaftliche
Neugier wieder erwachen.
Anna Konda, der beim Stadttheater unter
Vertrag stand, und der, wie Ihr euch sicher denken könnt, auf der
Bühne permanent Frauenrollen übernehmen mußte, hatte ein ähnliches
Problem, wie der verblichene Lenz Lüse. Konda liebte Kohlsuppe –
eine Spezialität seiner Mutter Pandora, die als junge Frau einst das
Matterhorn bestiegen hatte, worauf neun Monate später ihr Sohn, der
spätere Anna Konda, zur Welt kam – die ihn aber
Entlüftungsprobleme bereitete, und die dazu führten, daß die
austretenden Winde seinen Seidenrock aufflattern ließen, und das
wiederum wirkte auf der Bühne nicht sehr elegant. Von den Gefühlen
der anderen Sänger und Schauspieler ganz abgesehen, die sehr
sensibel reagieren konnten.
By the way, – ja, ja, etwas
internationales Flair wollte ich noch hineinbringen – eigentlich
muß es nicht „das Matterhorn“ heißen, sondern den Matterhorn,
genauer den Max Matterhorn, einen Skilehrer, der aus Hinternzarten
stammte.
Somit
konnte Anna Lüse ihre Analysen, die sie mit dem Tode ihres Mannes
eingestellt hatte, wieder aufnehmen. Viele Jahre später nutzten
Entsorgungs- und Schädlingsbekämpfungsmittelfirmen die
Erkenntnisse, die Anna Lüse in vielen Jahren der Forschung
erarbeitet hatte, gewinnbringend. Und zum Wohle der Menschheit –
das hatte ich fast vergessen.
So wurde das Lenzen
revolutioniert, und Unmengen von Analysten fielen von nun an über
uns Menschen her.
Oder so ähnlich. Nicht wahr?