Knoten und Faden oder
Der Pullover der Lena Patsch
Als
ich im Jahre des Herrn 1706 eine
kleine Kreuzfahrt während meines
Sommerurlaubs auf der „Princess of Schweinfurt“, einem wunderschönen
Segler mit dem Heimathafen Buxtehude, unternahm, lernte ich eine hübsche
Lettin aus dem Fichtelgebirge kennen.
Lena Patsch war eine überaus
gebildete Frau, mit der ich an Deck lange, tiefschürfende Gespräche über
Gott und die Welt führte. Während wir philosophierten, strickte sie
unentwegt an einem
Pullover für ihren beneidenswerten
Liebsten, der als Gardekürassier dem Fürsten Friedobert, auch der
Haarlose genannt, von Humpeldonien – zur Erläuterung für die
Geographieunkundigen:
Humpeldonien liegt grob gesagt zwischen
dem Kaukasus und dem Finnischen Meerbusen – seit vielen Jahren diente.
Das
bemerkenswerteste an Lena Patsch´s Strickerei war, daß sie
den Pullover aus vielen kleinen
Wollresten zusammenfügte. Heute sagt man Patchwork dazu. Ratet mal
warum?
Die kleinen Wollstückchen verknotete sie geschickt mit
ihren
wohlgeformten Händen. Lena konnte es so
schnell, daß man fast schwindelig wurde, wenn man ihr dabei zusah.
Als
die „Princess of Schweinfurt“ an einem schönen
Sonntagvormittag Port Wangerooge
verließ, machte ich mir den Spaß und begann die Knoten, die Lena Patsch
knüpfte, zu zählen. Und als unser Schiff – der Kapitän hieß übrigens
Branco Schulze und
entstammte einem uralten Adelsgeschlecht
aus Kastanien – den nächsten Hafen Spiekerooghaven anlief, zählte ich
10 Knoten, die die schöne Lena innerhalb der knapp 30minütigen Fahrt,
während
des Strickens dem kunterbunten Pullover
zugefügt hatte.

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Ich
berichtete Kapitän Branco Schulze fröhlich von meiner Zählaktion, und
dieser erfahrene Seebär, der schon die ganze Welt gesehen
hatte, verfiel auf einen grandiosen
Gedanken, der ihn von nun an tagelang keinen Schlaf finden ließ. Denn
damals, liebe Freunde, gab es noch keine einheitliche
Geschwindigkeitsmessung auf See.
Seemeilen waren bereits bekannt, die
aber häufig unterschiedlich interpretiert wurden, aber wie schnell
segelte nun ein Schiff? Man sprach nur von Tagen, Wochen, Monaten oder
Jahren. Ihr werdet es
ahnen! Knoten sollten von nun an ....
Ja,
ja, ich weiß, in den Büchern steht, daß der Ausdruck Knoten –
abgekürzt: kn – von der Markierung der Logleine des alten Handlogs
mit Knoten stammen soll. Quatsch, sag
ich nur.
Ich war doch dabei, als die nautische Geschwindigkeits-
bezeichnung pro Stunde erfunden wurde. Kapitän Branco Schulze
war der erste Seemann, der die
Bezeichnung Knoten anhand der Knotenknüpferei Lena Patsch´ anwendete. Er
berechnete, daß die „Princess of Schweinfurt“ auf der Reise zwischen
Port Wangerooge
und Spiekerooghaven 20 Knoten schnell
gesegelt war. Er sagte sich, daß Lena Patsch 10 Knoten während der
30minütigen Seereise geknüpft hatte, und das bedeutete 20 Knoten pro
Stunde. Findig dieser Mann, nicht wahr?
Aber
nicht nur die Geschwindigkeitsmessung in der Seefahrt wurde dank
Kapitän Branco Schulze und der schönen Lena Patsch
revolutioniert, sondern auch die Kunst
der Seeleute Knoten und Schlingen zu binden. Branco Schulze, Lena und
ich saßen abends oft an Deck zusammen, unterhielten uns und schauten in
den nächtlichen
Himmel. Schulze erzählte uns von den
Sternen, wie sie hießen und wie man dank ihrer Hilfe navigierte. Lena
Patsch strickte und spielte nur so zum Spaß mit den Wollenden. Sie band
Knoten, die sehr
kompliziert aussahen, sich aber
überraschenderweise leicht lösen ließen. Der Kapitän schaute
interessiert zu und meinte einige dieser Knoten wären für die Seefahrt
durchaus nützlich. An den Abenden
entwickelten Lena und der Kapitän daraus
Knoten und Schlingen, die heute nicht nur auf dem Meer, sondern auch
beim Klettern im Gebirge, bei den Pfadfindern und natürlich den
Segelsportlern
weltweit Anerkennung und Verwendung
finden.
Hier einige Beispiele: Reffknoten, Palstek, Achtknoten,
Fischerstek, Achterschlinge, Kreuzknoten und Schotstek. Einer heißt
sogar Trompete.
Auch ich versuchte mich in der Kunst des
Bindens – oder Verschlingens – von Seilen, aber ich muß zugeben, daß
ich doch ein relativ ungeschickter Mensch bin und an den meisten dieser
Kunstwerke scheiterte.
Es
waren romantische Stunden voll Harmonie, nur erhellt von den Sternen
und einer einzigen, im leichten Seewind flackernden Kerze.
Eines morgens, wir hatten gerade Texel
in Sichtweite, zeigte ich Lena Patsch Schweinswale, die unser Schiff
begleiteten. Um besser sehen zu können, beugte sie sich sehr weit über
die Reling, den
unfertigen Pullover in der Hand. War es
ein Fliegender Fisch oder ein Schweinswal? Ich weiß es bis heute nicht.
Es ging einfach zu schnell. Kurz gesagt, ein Fisch schnappte sich einen
vielleicht zwanzig
Zentimeter über der Wasseroberfläche
hängenden Faden, wahrscheinlich hielt er es für ein schmackhaftes
Insekt, und tauchte damit ab. Wie eine Angelrute hielt Lena ihren
Pullover fest, aber das
gute Stück verschwand Zentimeter um
Zentimeter in der Nordsee. Ich machte mir schon Sorgen und wollte ihr
tatkräftig zur Seite stehen, da ließ der Fisch glücklicherweise den
nicht verdaulichen Faden los.
Schwer atmend lehnte sich Lena Patsch
kurz an meine Brust. Ich gebe es zu, ich habe es genossen. Nachdem sie
sich beruhigt hatte, zogen wir gemeinsam den Wollfaden aus dem Meer.
Branco Schulze
gesellte sich zu uns und taxierte den
nassen Faden. Dieser war ungefähr 1 Meter und 80 Zentimeter lang. Das
war die Geburt des Tiefenmaßes in der Seefahrt. Von nun an wurde der
Tiefgang nach Faden bemessen.
Wißt
Ihr, daß die Armenier die Geschwindigkeitsmessung nach
ihrem Handelsgott Schmalzdiris
benannten? Ein Schmalzdiris war natürlich nicht die Zeit, in der ein
armenischer Seemann ein Schmalzbrot essen konnte – was Ihr
auch immer denkt! – sondern der
Zeitraum, in dem ein armenischer Händler ein völlig von Motten
zerfressenes Kleidungsstück an einen Kunden verkaufen konnte. Ob das
stimmt? Also dieses mit den
Armeniern hat mir jemand erzählt.
Wahrscheinlich ist es nur ein Märchen!
Was war das für eine
Kreuzfahrt! Die Seefahrt wurde revolutioniert! Kapitän Branco Schulze
und Lena Patsch wurden zu den Eltern der
modernen Schifffahrt.
Hier nun die oben beschriebenen Maße, die bald überall Anwendung finden sollten:
1 Knoten = 1 Seemeile pro Stunde,
1 Seemeile = 1852 Meter (Englische Seemeile: 1853 m),
1 Faden = 1,852 Meter = 1/1000
Seemeile (Englischer Faden: 1,8288 m).
Erst
1712 gelang es der Freiin Dorothee von Mayn-Witwenstein, einer
einflußreichen Großtante Branco Schulzes, die Vorsitzende des
Kuratoriums „Christliches Segeln und
Streben“ mit Sitz in Donaueschingen war,
die auf der ganzen Welt in der Seefahrt unterschiedlichen Maße – mit
Ausnahme die der Engländer, dort in London hatte die Freiin Dorothee mit
Lady Jane Swallowtail eine alte Feindin
sitzen – nach dem Modell ihres Großneffen zu vereinheitlichen.
So zogen Knoten und Faden in die Seefahrt ein, und Patchwork wurde erfunden.