Hein Mück aus Bremerhaven oder
Die prämierte Unnerbüx


Na, Kinners. Heute will ich Euch von Hein Mück erzählen, der die Symbolfigur Bremerhavens ist. Und das Tolle an ihm, ihn hat es wirklich gegeben. Er ist keine Kunstfigur, wie einige Städte sie oft kreieren, oder eine Märchen- oder Sagengestalt. Hein Mück war während der schönen Segelschiffszeit ein Seemann aus Bremerhaven, der immer hungrig war, und es liebte auf seinem Quetschbüdel – auch Ziehharmonika oder Akkordeon genannt – Shanties zu spielen. Es gibt – fällt mir gerade ein – noch eine vierte Bezeichnung für dieses Musikinstrument: Schifferklavier. Was hört sich besser an: Schifferklavier oder Quetschbüdel? Heutzutage wird so etwas in einem Forum im Internet diskutiert. Wie haben sich doch die Zeiten geändert! Hein Mück war ein fröhlicher, lustiger Mensch, der den Schalk – nicht den dicken Schalck-Golodkowski – im Nacken hatte. Er hieß Heinrich Soltziem, denn Hein Mück war nur sein Spitzname, den er 1901 auf der „Hanna Heye“ erhalten hatte. Die anderen Matrosen gaben ihrem beliebten Kameraden einen Spitznamen als Anerkennung für seine Lebensfreude und Unbekümmertheit, und natürlich seines musikalischen Talents wegen. Hein weil er Heinrich hieß, und Mück nach der Muck, so nannte man an Bord den Essenstopf, den sich der Schiffszimmermann Heinrich Soltziem immer zweimal füllen ließ. Im Ersten Weltkrieg war er Matrose bei der Marine- und Artillerieabteilung auf Fort Brinkamahof. Später arbeitete er bei der Rickmers Werft. Der Name des beliebten Matrosen Hein Mück fand bald als Sinnbild eines fröhlichen und freien Seemanns Eingang in den Wortschatz der Seeleute und Hafenarbeiter.

Als in den 30er Jahren der Texter Charlie Amberg und der Komponist Willy Engel-Berger den Namen aufgriffen, und daraus ein Lied machten, wurde Hein Mück und mit ihm Bremerhaven berühmt. Lale Andersen, Bremerhavens bekannteste Tochter, Hans Albers und die Drei Peheiros sangen es.

Der Text:

Hein Mück
Text: Charlie Amberg / Musik: Willy Engel-Berger

In den fernen Zonen
wo nur Menschen wohnen
sogar im wilden Feuerland,
kennt man Hein Mück von der Waterkant!
Er ist ein Matrose
mit `ner weiten Hose
die Mädchen geraten ganz aus Rand und Band,
sehn sie Hein Mück von der Waterkant!
Backbord und Stüerbord!
Heut wird‘s mal wieder groß.
Stürmisch ist die Nacht,
heute ist der Deubel wieder los!

Hein Mück aus Bremerhaven ist allen Mädchen treu
er hat nur eine feste Braut und zwanzig nebenbei
Die eine in Havanna,
die andere in Hawaii
und auch in Nagasaki
Wartet eine Butterfly!
Sein Herz ist so groß,
Das Meer ist weit
Und fort ist er solange Zeit!
Hein Mück aus Bremerhaven
Hat bei den Mädchen Glück
doch seine alte Liebe ist
Und bleibt sein bestes Stück!

Aber was habe ich wieder damit zu tun, fragt Ihr? Tja, das will ich Euch mal kurz erzählen.

Das fing an, als ich Trutgunde Freifrau von Kitzelwitz bei einem Tanzwettbewerb im Gasthaus „Zur wilden Christiane“ in Geestenseth kennenlernte. Wir verstanden uns auf Anhieb, und als ich mit ihr dann auch noch den Walzer falsch herum tanzte, was damals verboten war, verliebte ich mich in die schöne dunkelhaarige Frau. Sie war beim Tanzen biegsam wie ein junger Zweig. Trutgunde war die einzige Tochter des Unterwäschefabrikanten Pippin Bernardino Freiherr von Kitzelwitz, der, als er von der – nennen wir es – Freundschaft seiner Tochter zu einem wesentlich – natürlich immer noch blendend aussehenden – älteren ... Ja, lacht ruhig! Auch laut, bitte. Ich kann es ertragen. Nun hört aber langsam auf und laßt mich weitererzählen. Also, noch einmal, zu einem wesentlich – jetzt laß ich, der bescheidene Jan Schmietwech, das mit meinem Aussehen weg, ist gut, ist gut, ich hab es verstanden – älteren Mann und auch noch ohne Adel hörte, sofort reagierte und seine Tochter nach Hause beorderte. Trutgunde lebte mit ihrer Familie irgendwo im Breisgau an der finnisch-deutschen Grenze. Oder so ungefähr. Sie nahm herzzerreißend von mir Abschied.

Eine Ausschreibung über die Namensgebung der Unterhose der Saison brachte mich wieder in die Nähe Trutgundes. Ich liebte schon immer die plattdeutsche Bezeichnung für Unterhose: Unnerbüx! Unnerbüx, was für ein Wort. So voller Romantik und Poesie. Unnerbüx, Kinners, laßt einmal dieses Wort auf eurer Zunge zergehen. Sprecht es ruhig aus – und zwar ganz langsam und mit frohem Herzen:

Un – ner – büx.

Ist das nicht schön? Ich reichte Unnerbüx ein, das sich wahrscheinlich für einen Süddeutschen sehr exotisch anhören mußte, und gewann. Ich reiste nach Süddeutschland um mir den Preis: Das zwölfteilige Unterhosenset „Kai“ abzuholen, und natürlich um Trutgunde wiederzusehen. Aber diese treulose Tomate hatte mich schon lange vergessen und schwadronierte in einem Restaurant mit einem Rittmeister – wohl arm, aber von adeligem Geblüt – herum. Der Begriff treulose Tomate entstand, als sie wie eine Tomate rot anlief, als sie mich gewahr wurde, und von der folgenden Tomatenschlacht, die in die Annalen einging. Die in die Öffentlichkeit getragene Darstellung der Familie Kitzelwitz zu diesen Ereignissen ist so nicht ganz korrekt, dort wird behauptet, das ich wütend einen in der Nähe stehenden Gemüsehändler sämtliche Tomaten abkaufte, und sie mit Schwung verteilend im Restaurant ließ. Na, habe ich mich nicht gewählt ausgedrückt? Richtig ist, das auch einige Gurken dabei waren, die schon bald das hübsche Gesicht Trutgundes verzierten.

Die größte Reinigungsaktion, die je in einem Restaurant durchgeführt werden mußte, hatte für den Wirt des „Lila Schwans“ auch noch etwas Positives, denn er entdeckte, als er sich um Trutgunde kümmerte, wie gut die Gurken ihrer Haut getan hatten. Einige Wochen nach der sogenannten Tomatenschlacht eröffnete der Wirt Alberto Forte in der Nachbarschaft einen Schönheitssalon, in dem speziell Gurkenmasken als Gesichtspackungen angeboten wurden. Dazu wurde den Damen Tomatensaft als Erfrischung gereicht. Als ich am nächsten Tag, kurz vor meiner Abreise, im wieder sauberen Lokal, sah, wie der Rittmeister meiner Ehemaligen liebevoll ein Schwarzbrot mit Schweinskopfsülze bestrich, und ihr dabei allerlei Nettigkeiten ins Ohr flüsterte, daher auch der Ausdruck: dieses Gesülze, landete der Rittmeister bei der Gelegenheit mit dem Gesicht zufällig in dem Topf mit der Schweinskopfsülze. Wie gesagt, es war reiner Zufall. Obwohl, ach, lassen wir das.

Aber was hat dieses alles mit Hein Mück zu tun, fragt Ihr berechtigterweise? Ja, das weiß ich im Moment auch nicht mehr so recht. Ja, genau, wegen der Unnerbüx natürlich! Jetzt fällt es mir wieder ein. Leute, ich bin eben nicht mehr der Jüngste, und außerdem: wer erinnert sich besonders gern an persönliche Niederlagen. Und meine kurze Begegnung mit Hein Mück fällt genau in diese Zeit. Und Eifersucht spielt natürlich auch mit hinein. Leider bin ich auch nicht frei von Eitelkeiten. Dieser alte Knecht spinnt, denkt Ihr? Auch ein alter Mensch hat ein Anrecht darauf eitel zu sein. Jawoll! Ach, denkt Ihr, daß ich auf den Rittmeister – er hieß, glaube ich, Kevin vom Schwitzenberg, oder so ähnlich, ein Name wie ein Rassehund, nicht wahr? – eifersüchtig war? Natürlich nicht! Auf Hein Mück war und bin ich noch heute eifersüchtig. Er wurde zur Symbolfigur Bremerhavens. Und ich? Nun werde ich aber ungerecht. Ach, was bin ich doch für ein schlechter Mensch.

Kennt Ihr den Ausdruck: Lacheknust oder Weineknust? Was ist das wohl? Oder Döötz? Ihr habt recht, ich will ablenken. Stimmt. Aber nun sagt mal? Lacheknust ist das erste Stück eines frisch angeschnittenen Brotes. Und Weineknust? Das letzte, Kinners. Und Döötz? Kopf! Ja, das hättet Ihr Binnenländer wohl nicht gedacht, nicht wahr? Döötz und Unnerbüx – sind das nicht herrliche Worte? Ach ja, Hein Mück. Was hat er eigentlich mit Trutgunde zu tun? Nichts! Na, seid Ihr neeschierig geworden? Wieder ein Fremdwort für Euch! Neeschierig bedeutet neugierig. Die einzige Verbindung zwischen Trutgunde und Hein Mück ist die Unnerbüx, aber natürlich keine spezielle oder gemeinsame. Und bevor Ihr mir einen „aufen“ Döötz haut, will ich Euch von meiner Begegnung mit Hein Mück erzählen.

Ich sah ihn einmal fröhlich lachend mit einer Unnerbüx in der Hand aus einer Hafenkneipe kommen. Er trug sie wie eine Trophäe, und soll sie beim Kartenspiel gewonnen haben. So hörte ich wenigstens. Wie, das war schon alles, beschwert Ihr Euch? Ja, das war meine einzige und äußerst kurze Begegnung mit Hein Mück. Aber dafür habe ich doch eine ganze Menge anderer Sachen erzählt, oder glaubt Ihr, ich habe etwa getünt? Tünen bedeutet lügen.

Und von einem Kurzlehrgang Plattdeutsch ganz zu schweigen!

So wurde aus einem einfachen Seemann die Symbolfigur Bremerhavens. Ach ja, tövt mal. Töven bedeutet warten. Und ich revolutionierte – das hätte ich fast vergessen – unbewußt die Schönheitspflege.

Oder so ähnlich.

Nicht wahr? Allns kloor? 


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