Der fliegende Holländer


Nun will ich euch vom fliegenden Holländer erzählen. Beginnen möchte ich mit der offiziellen Sage, die ihr hier nun ohne Bedenken lesen könnt:

Der fliegende Holländer hieß Bernard Fokke und lebte zu Anfang des 17. Jahrhunderts in Holland - ist klar, oder? Er war ein Seemann, der immer mit vollen Segeln fuhr, egal wie Wind und Wetter war. Er hatte eiserne Stangen auf den Masten, damit diese bei starkem Winde nicht über Bord gehen konnten, und benötigte 1678 nur 90 Tage für die Reise von Batavia (jetzt Jakarta) nach Holland. Eine Wahnsinnsleistung. Und das zu einer Zeit, in der die Seeleute die Winde und Strömungen noch nicht so genau kannten, und wo der Steuermann, sobald es dunkelte, die Segel einzog. So ungewöhnlich schnelle Reisen wurden übernatürlichen Ursachen oder dem Bösen zugeschrieben, zumal Fokke auch von ganz ungewöhnlicher Größe und Körperkraft war, dabei ein höchst abschreckendes Äußeres besaß, und sich sehr roh und abstoßend benahm. Er konnte fürchterlich fluchen, schon wenn ihn eine Kleinigkeit störte. Als er zum letzten Mal den Hafen verlassen hatte und man dann nichts mehr von ihm hörte, hieß es: er sei des Teufels Beute geworden, welcher ihn zur Strafe für seine Sünden verurteilt habe, auf ewig mit seinem Schiffe zwischen dem Kap der Guten Hoffnung und Kap Hoorn herumzukreuzen, ohne jemals einen Hafen anlaufen zu dürfen. Von diesem heimatlosen Schiff wussten in vorigen Jahrhunderten fast alle Seefahrer zu berichten. Mancher Seemann war des Nachts von dem verzauberten, höllischen Schiff angerufen worden und hatte es deutlich gesehen. Die Mannschaft an Bord des geheimnisvollen Schiffes bestand nur aus dem Kapitän, dem Bootsmann, dem Koch und einem einzigen Matrosen, alle waren uralt und hatten lange Bärte. Jede an sie gerichtete Frage blieb unbeantwortet, in der Folge verschwand dann das Schiff augenblicklich. Manchmal wurde das Gespensterschiff auch am Tage gesehen, und dann kam es vor, dass besonders Mutige versuchten es mit einer Schaluppe zu erreichen um an Bord zu gehen, aber sobald sie kurz vor dem Ziel waren, entschwand das Schiff wieder ihren Blicken.

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Das war also die offizielle Sage, aber ich kannte schon viele Jahre vorher einen anderen fliegenden Holländer. Und von diesem will ich Euch nun erzählen. Er hieß Kees van Mijsselbosch und war ein sehr interessanter Mensch, als ich ihn im Spätherbst 1597 an Bord der „Tulpe“ erstmals sah und sprach. Auf den ersten Blick wirkte der Holländer - oder wie es eigentlich richtig heißen müsste: der Niederländer - wie ein ganz normaler Seemann. Doch das täuschte, denn Kees van Mijsselbosch war ganz und gar nicht gewöhnlich. Er wurde von seinen Kameraden: „Der fliegende Holländer“ genannt, nein, nicht weil er ein schlechter Seemann war und laufend entlassen wurde, und die Schiffe wechseln musste. Kees hatte einfach nur ein äußerst ungewöhnliches Hobby. Er träumte vom Segeln. Nein, nicht auf dem Meere, das wäre für einen holländischen Seemann ja nichts Besonderes. Nein, er wollte durch die Lüfte segeln. Schon als kleines Kind hatte Kees van Mijsselbosch davon geträumt, wie eine Möwe - nein, nicht wie ein Adler, wie oft habe ich eigentlich schon „nein“ in dieser Geschichte gesagt? - durch die Lüfte zu fliegen. Viele Jahre hatte er schon mit verschiedenen Materialien experimentiert, um seinen Traum verwirklichen zu können. Der Ausguck - man nennt es auch Krähennest - der „Tulpe“ und die phantastischen Aufwinde auf See sollten ihn bei seinem Vorhaben unterstützen.

Sein erster Versuch schien auch mir sehr gewagt, denn Kees, der sehr windschnittig gebaut war, hatte an seinen außergewöhnlich großen Ohren nachempfundene Fledermausflügel angebracht und sprang nach einem kurzen „Obacht!“ vom Ausguck ab. Aber trotz seines beeindruckenden Ohrenflatterns fiel er wie ein Stein ins Meer. Mit vereinten Kräften bargen wir den Flugpionier. Kapitän Sigismund Kreuzschlüssel stand kopfschüttelnd an Deck, aber er ließ den Holländer gewähren, da auch er an wissenschaftlichen Dingen sehr interessiert war.

Tage später trug Kees einen Overall mit aufgenähten Gänsefedern, und seine Arme sahen wie richtige Flügel aus, aber auch dieser Versuch missglückte. Immerhin stürzte er nicht gleich neben der Bordwand ins Meer - wie bei dem Ohrenflug, oder knallte gar auf das Deck, was natürlich das Schlimmste gewesen wäre, sondern schien tatsächlich leicht gesegelt zu sein, denn dieses Mal mussten wir ein Beiboot zu Wasser lassen, um ihn aus dem Meer zu fischen. Aber Kees van Mijsselbosch ließ sich nicht entmutigen und arbeitete weiter an der Erfüllung seines Traumes.

Geeste

Dann kam er auf die Idee dem Wind und der Luft so wenig Widerstand wie möglich zu bieten und begann seinen Körper zu enthaaren. Nebenbei muss ich erwähnen, dass einige Jahre später Epiphania van Mijsselbosch - nach den Aufzeichnungen ihres Bruders - den ersten Damen-Epilierer entwickelte. Eine Erfolgsgeschichte der Innovation! Nun aber wieder zurück zum neuen Versuch des fliegenden Holländers. Vollkommen enthaart und nackt wie Gott ihn erschaffen hatte, nur mit seinen selbst gefertigten Gänsefeder-Schwingen an den Armen bekleidet, wartete er hoch oben im Ausguck auf die richtigen Aufwinde. Wir anderen standen unten und starrten - je nach Neigung - begeistert oder voller Ablehnung auf den nackten Menschen hoch über unseren Köpfen. Kees hatte schon zu zittern begonnen, da oben doch eine ziemlich kühle Brise wehte. Doch dann war es endlich so weit, und Kees van Mijsselbosch sprang ab. Kapitän Kreuzschlüssel und der Rest der Mannschaft sahen, wie der Holländer tatsächlich den Aufwind nutzen und sich einige Sekunden in der Luft halten konnte. Er versuchte mit seinen Schwingen nicht zu hastig zu arbeiten, aber als er zu sinken begann, wurden seine Armbewegungen von der Angst geleitet abzustürzen. Ungefähr hundert Meter von der „Tulpe“ entfernt, fiel er kopfüber ins Meer. Der Kapitän ließ ein Beiboot zu Wasser, gerade noch rechtzeitig erreichte es - unter meiner Führung - den Flieger, denn ein Hai war sehr bedrohlich näher gekommen, und hätte um ein Haar - im wahrsten Sinne des Wortes - ihm ein nicht mehr vorhandenes Haar gekrümmt. Wenn ich mich recht entsinne, hatte der Hai schon mit einer Pediküre bei Kees begonnen, aber mehr als einen Fußnagel musste der Holländer nicht hergeben. Trotz allem, Kees hatte geflogen. Einhundert Meter war er durch die Lüfte gesegelt - ein neuer Rekord! Er war selig.

Für einen weiteren Versuch fertigte er aus Schilfmatten - verstärkt mit Bambus - einen kleinen Gleiter mit eingearbeiteten Schlaufen für seine Arme an. Als er zum rechten Zeitpunkt vom Ausguck abhob - das Wetter war perfekt - glitt Kees mehr als 10 Minuten durch die Lüfte. Es war ein phantastischer Anblick. Unten auf Deck hörten wir, wie er glücklich lachte und: „Ich bin eine Möwe“ schrie, als er direkt über uns flog. Eine überraschende Böe warf ihn schließlich ins Meer, aber Kees van Mijsselbosch hatte es geschafft. Er war wie eine Möwe geflogen.

In den nächsten Tagen folgten weitere Flüge, und er schien überglücklich, aber dann wurde er größenwahnsinnig. Er wollte mehr. Der Holländer baute ein großes Katapult, um auf höhere Luftschichten zu gelangen, die vielleicht eine bessere Tragkraft besaßen. Wir rieten ihn davon ab, denn uns schien der Plan, mit einem Katapult in die Luft geschleudert zu werden, einfach zu riskant, aber Kees ließ sich von seinem Plan nicht abhalten. Ich weigerte mich das Katapult zu bedienen, aber Totti McMillan, ein Exil-Polynesier aus dem Elsass erklärte sich nach mehreren Gesprächen bereit, unseren fliegenden Holländer in den Himmel zu schießen. Haarlos, mit angelegten Armen und den zusammengefalteten Gleitschwingen am Mann betrat er das Katapult und verschwand nach dem gewaltigen Abschuss schnell am Horizont. 

Wir sahen ihn nie wieder! Und was blieb? Die Erfindung des Damen-Epilierers - na ja, immerhin etwas.

Das war meine Geschichte vom fliegenden Holländer. Und wenn er nicht gestorben ist, so lebt und fliegt Kees van Mijsselbosch noch heute.


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