Leider
war sie wirklich eine Insel und nicht etwa eine Halbinsel, wie ich
insgeheim gehofft hatte. Sie war ziemlich klein und unbewohnt, aber
schön und bot mir reichlich Nahrung. Nach dieser Erkenntnis begann ich
für Salzhering und mich, den ich wieder vorsichtig restaurierte, eine
kleine geschützte Hütte zu bauen.
Was? Ja, ihr habt recht,
die Hütte wurde etwas windschief, denn ein wirklich geschickter
Heimwerker war ich nie. Aber für uns war meine Baukunst ausreichend. In
den ersten Wochen -
das Wetter war einfach herrlich, immer Sonne mit einer leichten Brise
vom Meer - führten mein Freund Salzhering und ich sehr ausführliche
Gespräche, aber langsam gingen uns die Themen aus. So lief ich bald
ziellos und sinnend am Strand hin und her und betätigte mich
schließlich als Strandmaler. Na ja, richtig gemalt habe ich natürlich
nicht, aber immerhin malte ich mit meinen Fingern herrliche
Frauenkörper in den Sand. Aber die Flut nahm sie immer wieder mit sich
fort. Gemein so etwas. Unentwegt malte ich diese Frauen und eine große
Sehnsucht überkam mich. Die Frauen wurden immer ausladender und ich
kämpfte unnachgiebig gegen die Flut an. Manchmal hatte ich mehr als
zwanzig Körper in den Sand gemalt, aber die Flut war stärker und
vernichtete meine Werke - wie immer. Es war fast wie ein Zwang, wenn
ich mehr und mehr Körper in den Sand zeichnete und ich bildete mir ein,
dass eines Tages die Flut es nicht schaffen würde, alle meine Werke zu
zerstören. Salzhering musste schon beschwörend auf mich einreden, damit
ich nicht vollends verrückt wurde. Aber dann trat etwas ein, was mein
Leben vollkommen veränderte.
Ich
muss damals wohl schon ein halbes Jahr auf der Insel gewesen sein, die
ich nach meinem Freund Salzhering benannt hatte, als ich wieder einmal
verbissen einen voluminösen Frauenkörper in den Sand gemalt hatte, als
etwas an den Strand - direkt vor meine Füße - gespült wurde. Es war
eine verkorkte Flasche. Obwohl ich mir das Trinken abgewöhnt hatte,
erfreute mich dieser neue Gast sehr, ich - nein, ich redete nicht auf
die Flasche ein, wie kommt ihr bloß darauf? - griff nach ihr, in der
Hoffnung einen guten Schluck, was immerhin eine Abwechslung im
Ernährungsallerlei war, nehmen zu können. Aber meine Augen staunten
nicht schlecht, denn es war kein Alkohol oder sonstige Flüssigkeit in
ihr, sondern ein aufgerollter Brief. Ich entkorkte mühevoll die Flasche
und zog mit nervösen Fingern den Brief heraus. Und was durfte ich da
lesen: „Ich bin ein Schiffbrüchiger und brauche Hilfe. Bitte kommt! Und
bringt Antischuppen-Shampoo für mich mit.
Dr. Babettus Q. Schniedelholzner.“
Aber wo war dieser
Schniedelholzner? Wie sollte er gerettet werden, wenn er nicht in der
Lage war eine ungefähre Ortsangabe zu machen. Und dann auch noch von
meiner Wenigkeit, der - bescheiden, nicht wahr? - selbst gerettet
werden musste. In den nächsten Tagen überlegte ich intensiv was das Q.
in seinem Namen bedeuten könnte. Quintus vielleicht oder Quadratwurzel?
Oder besser Quasselheini, aber nein, das war gemein. Er war ein Doktor.
Mediziner, Physiker, Jurist? Gerichtspräsident Dr. jur. Babettus
Quintus Schniedelholzner! So könnte es sein. Wochenlang beschäftigte
ich mich mit diesem Namen - neben meiner Tätigkeit als
Frauenkörpersandstrandmaler. Herrliches Wort, nicht wahr? In dieser
Zeit begann ich Salzhering zu vernachlässigen, der langsam in der Hitze
zerfiel.
Aber als ich eines Tages eine Kokosnuss auf den Kopf bekam und nach
einer kurzen Ohnmacht wieder klarer zu denken begann, reifte in mir ein
Plan. Wenn die Strömungs-verhältnisse die Flaschenpost
Schniedel-holzners zu mir gebracht hatten, vielleicht würde auch Post
von mir den einsamen Babettus erreichen. Natürlich mussten auch die
Windverhältnisse fast identisch sein, das war mir schon klar. Also
begann ich sofort ihm auf der Rückseite seines Briefes - Papier hatte
ich leider nicht - zu schreiben:
„Hallo Herr Dr. Schniedelholzner, oder darf ich du sagen? Mir geht’s
wie dir. Ich sitze auf einer Insel fest und weiß auch nicht genau, wo
sie liegt. Ist dein zweiter Vorname Quintus? Und was für ein Doktor
bist du? Auf baldige Antwort hoffend.
Jan Schmietwech.
P.S. Antischuppen-Shampoo habe ich leider nicht.“
Ich verkorkte die Flasche sorgfältig und warf sie ins Meer und sah ihr
zu, wie sie am Horizont verschwand. Nervös wartete ich auf Antwort.
Meine Sandschöpfungen vernachlässigte ich nun auch und kümmerte mich
wieder etwas mehr um den guten Salzhering, meinem Freund aus schweren
Zeiten trauter Zweisamkeit. Wofür so eine Kokosnuss alles gut sein kann!
Wie in Fieber wartete ich Tag um Tag und als ich nicht mehr an eine
Antwort zu glauben wagte, wurde plötzlich eine Flasche an den Strand
gespült. Vor Aufregung konnte ich kaum den Korken entfernen und den
Brief entfalten. Er war von Schniedelholzner, der schrieb: „Herr
Schmietwech, ich bin Doktor der Zahnmedizin und heiße mit zweitem
Vornamen nicht Quintus. Da Sie mir nicht einmal Antischuppen-Shampoo
senden können, bitte ich Sie darum den Schriftverkehr mit mir
einzustellen.
Dr. med. dent. Babettus Q. Schniedelholzner, Honorarkonsul von Bhutan.“
Die Enttäuschung über die Antwort des scheinbar hochnäsigen und
unfreundlichen - um es einmal nett auszudrücken - Zahnarztes saß tief
und ich brauchte mehrere Tage um mich davon zu erholen. Meine
Strand-malereien stellte ich ganz ein und mein Gesprächspartner
Salzhering konnte mich auch nicht trösten. Als ich traurig - kaum zwei
Wochen nach Schniedelholzners Antwort - ziellos am Strand spazieren
ging, lag im Sand - ich konnte meinen Augen kaum trauen - eine Flasche.
Der gute Babettus hat es sich doch noch einmal überlegt, dachte ich
glücklich, als ich die Flasche öffnete und den Brief in die Hand nahm:
„Hilfe, Katja Katzenpohl aus Tauberbischofsheim braucht Hilfe. Ich bin
hier auf einer einsamen Insel und will nach Hause. Mein Termin bei
Greta meiner Hairstylistin ist schon nächsten Freitag, und Termine bei
ihr sind sehr begehrt. Wer kann mir helfen? Und wer kennt Ferdinand
Kackerlack?
Herzlichst Katja.“
Ich jubelte. Noch ein möglicher Gesprächs-partner und dazu noch eine
Frau. Ich war wieder glücklich und lief sofort zu Salzhering um ihm von
der Neuigkeit zu berichten. Katja Katzenpohl, was für ein schöner Name.
Katja! Und sie schien nicht so hochnäsig wie Schniedelholzner zu sein.
Wie sie wohl aussah? Ich musste ihr sofort antworten:
„Hallo Katja,
ich heiße Jan Schmietwech und bin auch Bewohner einer einsamen Insel,
die, seit ich deine Nachricht in meinen Händen halte, nicht mehr so
einsam ist. Leider habe ich kein Boot um dich zu retten, ebenso keine
Möglichkeit deiner Friseuse eine Nachricht zukommen zu lassen. Sorry.
Auch kenne ich Ferdinand Kackerlack nicht. Hat er dir etwas angetan?
Wenn ja, ich kann dir bestimmt helfen. Ich habe hier - ebenfalls per
Flaschenpost - die Bekanntschaft mit einem Zahnarzt namens
Schniedelholzner gemacht, der aber nicht besonders freundlich ist.
Bitte schreibe mir wieder.
Herzlichst Jan.“
Die nächsten Tage verbrachte ich in freudiger Erwartung. Ich war
sicher, dass Katja Katzenpohl antworten würde. Ich bekam vor Aufregung
fast Schüttelfrost und sah Katja in meinen Strandmalereien wieder, aber
das waren nur Träumereien. Als ich noch auf ihre Antwort wartete und
sinnend auf das Meer hinausschaute, sah ich plötzlich eine Flasche in
der Dünung dümpeln. Ich sprang, so wie ich war, ins Meer und barg sie.
Freudig erregt öffnete ich die Flasche und las den Brief:
„Zu Hilfe. Gott hat mich verlassen. Habe ich gesündigt? Ich weiß es
nicht. Gott, ich möchte von dieser Insel fort und wieder dir und meiner
Gemeinde dienen.
Ödipus Darmschneider, Pfarrer von Mariahilf zu Unterhoshaching.“
Noch ein Schiffbrüchiger! Und dazu noch ein Geistlicher. Ich war
glücklich und als am selben Tag auch die Antwort von Katja Katzenpohl
eintraf, war mein Glück vollkommen.
Sie schrieb:
„Hallo Jan, ich freue mich - auch wenn du mir nicht helfen kannst - in
diesen Breiten einen netten Menschen gefunden zu haben. Solltest du
etwas von Ferdinand Kackerlack hören, gebe mir bitte Bescheid.
Vielleicht sehen wir uns eines Tages. Ich sende dir anbei etwas Papier,
dass ich reichlich besitze, damit wir uns ausführlich unterhalten
können. Bis dann.
Herzlichst Katja.“
Diese Flaschenpost ging mir runter wie Öl. Was für ein nettes Mädchen!
Oder war sie vielleicht schon eine ältere Dame? Mann, nun hatte ich
gleich zwei Briefe zu beantworten.
In den nächsten Monaten entwickelte sich ein reger Schriftverkehr
zwischen Katja und mir und dem Geistlichen Ödipus Darmschneider.
Schließlich beteiligte sich auch Dr. Babettus Schniedelholzner - was
für ein Wunder - an unseren geistreichen Ergüssen.
Die Salzheringsinsel schien die ideale Flaschenpost-Insel zu sein. Und
so verfiel ich auf den Gedanken ein Flaschenpostamt zu eröffnen. Die
Strömungs- und Windverhältnisse mussten für die Flaschenpostzustellung
genauestens berechnet werden. Ich wusste bald an welcher Stelle ich die
Flaschen für die einzelnen Empfänger hineinzuwerfen hatte und wann es
besser war mit der Zustellung zu warten. Es kam auch schon mal vor,
dass Darmschneider die Post, die für Schniedel-holzner bestimmt war,
bekam. Aber daraus lernte ich, wie ein Postbote, der mit der Zeit genau
wusste, welchen Hunden er aus dem Wege zu gehen hatte. Meine leidlichen
nautischen Kenntnisse halfen mir bei der Betreibung des Postamtes und
der gute Salzhering diente mir als Büro.
In unseren Briefen ging es um Gemüsezucht, das Meer, das Wetter,
Frauenleiden - ja, auch das! - und natürlich über die Liebe, denn Katja
hatte Liebeskummer und natürlich um unsere Heimkehr.
Eines Tages, zu diesem Zeitpunkt betrieb ich das Postamt Salzhering 1 -
so nannte ich es - ungefähr ein Jahr, erreichte mich eine ungewöhnliche
Flaschenpost. Ungewöhnlich, weil ich so eine dickbäuchige Flasche im
Postverkehr noch nicht gesehen hatte. Wieder ein neuer Postkunde,
jubelte ich. Dann las ich die Zeilen:
„Schmietwech, lass meine Verlobte in Ruhe.
Ferdinand Kackerlack.“
Er lebte und musste wohl eine Flaschenpost abgefangen haben oder ich
hatte eine falsch zugestellt. Ärgerlich. Sogleich schrieb ich an Katja,
dass sich ihr Verlobter bei mir gemeldet hatte.
In den folgenden Monaten missionierte der Geistliche Ödipus
Darmschneider zwischen Katja und Ferdinand, die sich bei einem
Schiffsunglück aus den Augen verloren hatten. Und ihm gelang es, die
beiden Menschen wieder zusammenzuführen, wenn auch nur schriftlich.
„Ich habe dich nicht freiwillig verlassen, Liebste. Ich wurde über Bord
gespült, noch bevor du mit der „Schneesturm von Burundi“ untergingst,“
schrieb Ferdinand Kackerlack einmal an Katja. Was, der Schmietwech
liest fremde Post? Noch nie etwas vom Post-geheimnis gehört? Nun,
Kinners, ich habe wirklich manchmal die Post gelesen. Zerknirscht muss
ich es leider zugeben, aber nicht immer, ich war doch so einsam. Ich
hatte doch Salzhering? Ja, schon, ihr habt recht. Jeder Mensch begeht
mal Fehler. Hiermit möchte ich mich in aller Form entschuldigen. Und
bitte kein Strafverfahren einleiten. Okay?
Als dann noch eine Flaschenpost von einem gewissen Heini Dünnsupp
eintraf, war ein ganzes Netzwerk Schiffbrüchiger in meinem Postamt
Kunde. Nein, ich nahm für meine Dienste natürlich kein Geld, Leute. So
gierig bin ich nicht! Nun waren wir also sechs Menschen, die auf
unterschiedlichen einsamen Inseln lebten.