Shanghait

Shanghait

 

Leute, hier geht es nicht um die chinesische Stadt Shanghai, sondern eigentlich um eine meiner JugendsĂŒnden. Als junger Mensch - ich gebe es ungern zu - habe ich ab und an auch mal dem Alkohol zugesprochen.

Und eines Tages - es muss schon am Vormittag gewesen sein - saß ich volltrunken und unfĂ€hig mich zu wehren an einem alten Haus gelehnt in der NĂ€he der letzten von mir besuchten Kneipe, als ich von einem Presskommando shanghait wurde. Was ist das denn fĂŒr ein Kram, fragt ihr? Shanghaien bedeutet MĂ€nner zur Arbeit pressen, also mit Gewalt verschleppen und zu Zwangsarbeit auf einem fremden Schiff verpflichten. So kamen nicht nur richtige Seeleute zu einem neuen ungewollten Job, sondern auch Berufsfremde.

Es war der 22. Mai 17.. (oder so), als ich mich - nun wieder nĂŒchtern - an Bord der “Schönen Kathrein” wiederfand. Das Schiff befand sich auf dem Weg nach Australien. Sie war ein kleiner Frachtensegler unter dem Kommando eines gewissen Hector Finglis, der aus Neu-Schweinsthal an der PfĂŒtze stammte. Ein ĂŒberaus harter KapitĂ€n, obwohl er nur von kleiner Statur und ein Fan der damals populĂ€ren schon Ă€ltlichen Damenkapelle “Liebesperlen” war, die sĂ€mtliche Hitparaden beherrschte, und das mit faszinierenden Titeln wie: “Graue Nacht ĂŒber Reykjavik”, “Dackel Frederick und du” oder “Weine nicht, kleiner Gregor”.

Warum heißt es eigentlich “shanghaien”, unterbricht mich jemand? NatĂŒrlich weil in Shanghai das erste Presskommando weltweit im Einsatz gewesen war. Und das erste Opfer kannte ich sehr gut! Es war der Hilfskaplan Hellmut Maria DummenbĂŒttel aus Hengstenscherz im AllgĂ€u, der als Missionar in China gearbeitet hatte, bis er auf die “Mondlicht von Mombasa” verschleppt wurde und fĂŒnf Jahre seines noch jungen Lebens an Bord des Schiffes mit dem Heimathafen Wiener Neustadt verbringen durfte. Aber er - wie auch ich - ĂŒberlebte diese Strapazen, und man kann durchaus sagen, es war eine Schule des Lebens, Kinners, das könnt ihr mir wirklich glauben! DummenbĂŒttel lernte ich einige Jahre spĂ€ter kennen, als er als Seelsorger fĂŒr die Seeleute in Bremerhaven arbeitete und eine ArmenkĂŒche ins Leben rief, wo ich manchmal aß. Dick Geld, aber da den armen Mann mimen, was? Nein, Kinners, das stimmt so nicht! Ich habe den Armen wirklich nichts weggegessen. Der einzige Grund, warum ich zur ArmenkĂŒche ging, war eine Frau, so jetzt wisst ihrÂŽs! Vielleicht eine von der Heilsarmee? Na und, und wenn es so wĂ€re? Jetzt Schluss damit. Keine Spekulationen, bitte. Nein, ich sage weiter nichts mehr dazu.


Es war ein sehr hartes Leben an Bord der “Schönen Kathrein”, denn als shanghaiter Matrose wurde man fast wie ein Sklave behandelt. Man arbeitete praktisch Tag und Nacht, denn KapitĂ€n Hector Finglis war ein Ă€ußerst geschĂ€ftstĂŒchtiger SchiffsfĂŒhrer, der beim Personal krĂ€ftig gespart hatte, um seinen Gewinn, den diese Reise einbringen sollte, massiv zu steigern. Ich war nicht der einzige shanghaite Seemann an Bord. Neben mir waren noch der Grundschullehrer Ethelbert Bockmöller aus Puddinghausen, der ZollsekretĂ€r Karl Martell Dungmast aus Cuxhaven oder war es Nordenham (?) und der Hamburger Koch Lukull von Bickmeck auf der “Schönen Kathrein”. Mit ihnen freundete ich mich bald an und somit wurde die lange Reise nach Australien ein wenig ertrĂ€glicher, obwohl ich mit dem ZollsekretĂ€r Dungmast doch sehr viel MĂŒhe hatte, denn er besaß die Angewohnheit beim Segelsetzen die Wanten nicht wieder hinunterklettern zu können. Er hing dann dort voller Angst und weigerte sich noch einen Fuß vor den anderen zu setzen. So musste ich mich jedesmal opfern um meinen Leidensgenossen zu retten, denn ich war der einzige der Shanghaiten, der schon Berufserfahrung als Seemann hatte. Die regulĂ€ren Matrosen sahen nur zu und amĂŒsierten sich prĂ€chtig und machten ĂŒble Scherze, besonders wenn Dungmast sich vehement gegen seine Rettung wehrte. Stop! Was sind Wanten? Und jetzt der Oberlehrer: Wanten sind Taue zum seitlichen StĂŒtzen des Mastes, bei Segelschiffen durch eingebundene Webeleinen zu Strickleitern zusammengefasst.

Als wir in einen starken Orkan vor Borneo gerieten - ich war nun ungefĂ€hr ein halbes Jahr an Bord - nutzte ich das Durcheinander auf der “Schönen Kathrein” und sprang einem Beiboot hinterher, das vor meinen Augen vom Orkan von Bord gerissen worden war. Aus heutiger Sicht betrachtet war es sehr leichtsinnig, was ich tat, aber ich erreichte das Boot und ĂŒberlebte mit viel GlĂŒck das tosende Inferno um mich. Das Beiboot war sehr seetĂŒchtig konstruiert und wuchs mir in den nĂ€chsten Tagen richtig ans Herz.

SpĂ€ter hörte ich, dass auch die “Schöne Kathrein” und mit ihr die gesamte Besatzung diesen gewaltigen Sturm fast unbeschadet ĂŒberstanden hatten. Lukull von Bickmeck gelang nur zwei Wochen nach mir die Flucht, als die Besatzung zur Wasseraufnahme in Australien an Land ging. Er eröffnete dort bald ein Restaurant und kreierte den ersten Hamburger, der von dort die ganze Welt eroberte und besonders bei den jungen Leuten viele AnhĂ€nger fand. Dungmast und Ethelbert Bockmöller hatten Pech und mussten fast vier Jahre auf der “Schönen Kathrein” abdienen, bevor sie wieder ihre Freiheit bekamen. Übrigens ĂŒbernahm Bockmöller - wenn auch unwillig - nach meiner Flucht die Aufgabe den ZollsekretĂ€r Karl Martell Dungmast aus den Wanten zu holen.

Ich erreichte nach einigen Tagen vollkommen erschöpft die KĂŒste Nord-Borneos. Leider ging bei dem Landungsversuch mein geliebtes Boot entzwei, das ich BrĂŒnhilde nach der damals berĂŒhmten OpernsĂ€ngerin BrĂŒnhilde von Brunshausen, genannt hatte. Denn bei dem gerade herrschenden Hochwasser hatte ich die Felsbrocken am Strand nicht gesehen. Vollkommen zerschmettert lag die arme BrĂŒnhilde am fremden Gestade. Somit war ich allein in einer fĂŒr mich unbekannten, exotischen Welt.



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