Na,
Kinners, heute will ich Euch wie angekündigt vom „Blanken Hans“
erzählen. Der blanke Hans ist in der Seemannssprache die Bezeichnung
für die drohende Nordsee, wenn Sturmfluten die Deiche bedrohen und
alles Leben hinter dem Deich und natürlich auf See gefährden.
„Der
blanke Hans kommt!“, heißt es dann.
In den Büchern steht, daß
Seeleute zur Abwehr des drohenden Unheils den Heiligen Johannes
anriefen – nicht per Handy, was denkt Ihr denn? – , aber daraus
soll sich mit der Zeit die Bezeichnung für das Unheil selbst
gebildet haben. Aber das ist totaler Quatsch. Denn ich war damals
selbst dabei, als der blanke Hans erstmals in Erscheinung trat.
Glaubt Ihr nicht? Aber es stimmt!
Es muß um das Jahr 1550
herum gewesen sein, als ich Johann Habakuk Dettjen aus Freschluneberg
kennenlernte, der damals das Café Habakuk in der Bremerhavener
Innenstadt betrieb. Meine Freundin Hertha und ich waren dort
Stammgäste. Er war ein sehr fröhlicher und enorm korpulenter
Mensch. In seinem Café trafen sich die Intellektuellen Bremerhavens
und Umgebung. Ja, ja, ist gut! Ich gehörte natürlich nicht dazu,
aber trotzdem kannte ich Johann – kurz Hans – Habakuk Dettjen
sehr gut, und wir beide hatten eine heimliche Leidenschaft, die in
der damaligen Zeit schon maßlos fortschrittlich genannt werden
konnte. Und diese Leidenschaft teilten wir mit einigen
Intellektuellen. Wenn wir dieser frönten, fühlten wir uns wie
revolutionäre Pioniere, die kurz vor einer drohenden
Exkommunizierung standen. Wir lachten dabei und freuten uns wie
kleine Kinder. Mach hin, sagt jemand? Ist gut, ist gut, ich verrate
Euch, was uns so eine große Freude bereitete.
Wir
hatten schon im Frühjahr den ersten FKK-Verein Norddeutschlands
gegründet. Der alte Schmietwech als Nudist? Hahaha. Lacht ruhig,
bitte! Aber ich war auch einmal jung und schön. Wird das Lachen
lauter? Ist gut, also nur jung. FKK – Freie Körperkultur im
wahrsten Sinne des Wortes! Um die Etikette zu wahren, hieß unser
Verein offiziell: Freschluneberger Klöppel-Kreis (FKK). Klöppeln
war damals bei den Damen der Gesellschaft große Mode. Wir acht
Vereinsmitglieder trafen uns jeweils zur Abenddämmerung an der Lune
und badeten nackt, wie Gott uns schuf. Unsere Damen waren nur als
Begleiterinnen zugelassen und warteten züchtig gekleidet – wie es
die damalige Zeit gebot – am Lunestrand. Wir Männer taten etwas
Ungesetzliches und wollten unsere Frauen bzw. Freundinnen nicht zu
Mittätern machen. Es war wirklich nicht ungefährlich was wir taten,
und das spürten wir bald am eigenen Leibe, spätestens als der
Pfarrer Fritz Fürchtenichts von unserer Sache Wind bekam. Auslöser
war natürlich eine eifersüchtige Frau, die im Beichtstuhl von
unserem großen Vergnügen berichtete und den tugendhaften Pfarrer
auf den Plan rief.
Er lauerte uns mit einigen Gefolgsleuten
eines abends auf, gerade als wir dabei waren uns unserer Kleider zu
entledigen. Sie trieben uns quer durch das Schilf. Neben Pfarrer
Fürchtenichts tat sich bei unserer Verfolgung besonders die nicht
mehr ganz taufrische und ziemlich füllige Witwe Messerknauf hervor,
die erbarmungslos neben dem Pfarrer lief
und uns beschimpfte. Als wir Sünder uns schwer atmend im Schilf
teilten – Dettjen und ich waren schon vollkommen entblößt –
nahm die Witwe Messerknauf mich ins Visier. Sie hetzte wie eine Furie
hinter mir her, aber schließlich konnte ich sie doch abschütteln.
Ihr hättet es bestimmt lieber gesehen, wenn sie mich erwischt hätte,
richtig? Aber damals war ich noch gut in Form. Ja, doch, das stimmt,
Kinners! Die Situation für Johann Habakuk
Dettjen war dagegen
viel kritischer, denn der verbissene Fürchtenichts kam ihm immer
näher. Aber Hans sprang in die Lune, als er das Ende des
Schilfgürtels erreicht hatte. Eine gewaltige Bugwelle, die fast
einer Flutwelle ähnelte, ausgelöst durch einen Bauchklatscher des
korpulenten Cafebesitzers, schwappte über den Gottesmann zusammen,
der entsetzt zurückwich, denn er haßte das feuchte Element, wie der
Teufel das Weihwasser.
„Du hinterhältiger Philister!“
fluchend – eigentlich eine Ausdrucksweise, die eines Pfarrers
unwürdig war – gab dieser die Verfolgung auf, als er sah, daß
sein Kontrahent sich schwimmend entfernte.
In den folgenden Tagen
und Wochen gab es ein regelrechtes Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem
Pfarrer mit seinen tugendhaften, entrüsteten Bürgern und uns
Nudisten. Und jedesmal, wenn Fritz Fürchtenichts dachte, endlich
Hans – den er als Rädelsführer ausgemacht zu haben schien – zu
erwischen, entkam dieser immer wieder mit einem gewaltigen
Bauchklatscher.
Der Pfarrer, der aus Berlin stammte, entwickelte
mit der Zeit eine so große Angst vor der Flutwelle des Flüchtigen,
daß er verzweifelt: „Der blanke Hans kommt,“ schrie, um seine
Mitstreiter zu warnen. Aber jedesmal wurde er vollkommen naß und mit
der Zeit ein richtiges Nervenbündel. Zwischendurch muß ich Euch
wohl erklären, warum Fürchtenichts ihn als blank bezeichnete. Blank
meinte er im Sinne für bloß bzw. entblößt. Diese
umgangssprachliche Wendung stammt aus Berlin und bedeutet auch: Kein
Geld mehr haben. Bei dieser Gelegenheit muß ich gleich etwas
klarstellen. Die Meldungen in der Presse, daß Dettjen wegen hoher
Schulden der blanke Hans genannt wurde, sind frei erfunden. Blank
steht hier wirklich für entblößt, und das war er ja nun wirklich.
Und das auch noch voller Überzeugung.
Ihr wollt nun natürlich
wissen, ob mich die Witwe Messerknauf je erwischt hat? Fast! Es war
schon Spätsommer, und die Tugendhaften versuchten verstärkt uns nun
zu schnappen, denn bisher konnten wir immer wieder entwischen.
Fürchtenichts und seine Leute mußten uns auf frischer Tat ertappen,
um uns vor ein ordentliches Gericht zu zerren. Sie verbargen sich
hinter uralten Weiden und warteten auf unseren Striptease. An diesem
Tag war es recht kühl. Ich kann mich sehr gut an ihn erinnern. Ich
hatte mich noch nicht vollkommen entblößt und trug noch meine –
für die damalige Zeit – sexy – heute habt Ihr aber viel zu
lachen, was? Kinners, Kinners! Also gut, lassen wir sexy weg und
fangen noch mal von vorne an. Also, ich trug noch meine nicht gerade
hautenge Badehose – gut so? – , die mir bis zu den Knien reichte,
wie es im 16. Jahrhundert üblich war, als unsere Gegner wie die
Wilden über uns herfielen. Johann Habakuk Dettjen, der Junglehrer
Lüder Buntbarsch, mein damals bester Freund, und die anderen
Vereinsmitglieder rasten nackt ins Schilf, während unsere Damen vor
Schreck kreischten, als ich noch mit den Weiten meiner Badehose
beschäftigt war. Und zwar einen Augenblick zu lang, denn die Witwe
Messerknauf hatte mich schon am Hosenbund zu fassen bekommen. Ich
versuchte mich loszureißen, aber sie hielt eisern dagegen. Ich
mobilisierte meine letzten Kräfte, aber die Witwe lockerte nicht
ihren Griff. So entstand der erste String-Tanga der Welt. Schade, daß
kein Modeschöpfer anwesend war. So mußten noch Jahrhunderte
vergehen, bis sich dieses Kleidungsstück endlich durchsetzen konnte.
Aber in diesem Moment dachte ich nicht an Mode, denn meine nun
wirklich hauteng gewordene Hose trieb mir Unmengen von Schweißperlen
auf die Stirn. Aber eine Unkonzentriertheit meiner
Kontrahentin, als eine Libelle sie plötzlich umflog, nutzte ich um
zu entkommen. Schimpfworte, wie „Bleib stehen, Du Drecksack, du
Staubiger!“, verfolgten meine Flucht. Ich war endlich frei!
Auch
an diesem Abend war Dettjen mit einem Bauchklatscher seinen
Verfolgern entkommen. Der blanke Hans hatte wieder triumphiert.
Für
ein paar Tage war meine Stimme seltsam hoch, aber das gab sich dann
glücklicherweise bald wieder.
Pfarrer Fritz Fürchtenichts
hielt von seiner Kanzel herab flammende Reden wider uns Nudisten,
aber es gelang ihm nicht die Bevölkerung Bremerhavens gegen uns
aufzubringen. Und wie geht es weiter, fragt Ihr? Geduld, Kinners, ich
bin gleich fertig.
Vielleicht ein bis zwei Wochen nach der
Vorführung des ersten String-Tangas – da lacht Ihr, was? – waren
Lüder und ich gegen Mittag zu Fuß unterwegs. Wir wollten zu unserem
Strand gehen, um nach dem Goldkettchen der sehr hübschen Freundin
Lüders zu suchen, das diese am Vorabend dort verloren hatte. Auf dem
Weg dorthin hörten wir Stimmen. Es waren Fritz Fürchtenichts und
die Witwe Messerknauf, die Hand in Hand gehend ebenfalls zum Strand
unterwegs waren. Lüder und ich versteckten uns schnell im Schilf,
denn das „schöne“ Paar hatte uns nicht bemerkt. Wir wurden Zeuge
eines historisch zu nennenden Ereignisses.
„Ich geniere mich
so,“ sagte die Witwe Messerknauf, dabei blickte sie den Pfarrer
zweifelnd an.
„Das brauchst Du nicht. Dieses ist ein
wissenschaftliches Experiment, was unbedingt durchgeführt werden
muß, liebe Isolde.“
„Wie sollen wir,“ fuhr er fort, „die
Beweggründe vom blanken Hans und seinen Mitstreitern verstehen, wenn
wir selbst dieses Gefühl nicht kennen, nicht einmal erahnen
können!“
„Ist gut, Love,“ säuselte sie und drückte sich
an den Pfarrer.
Dann sahen wir Fassungslosen wie die beiden
turtelnd den Strand betraten und sich ihrer Kleider
entledigten.
„Fritz, Lieber, ich geniere mich,“ sagte sie noch
einmal.
Aber er half ihr geschickt beim Auskleiden. Und dann
sprangen beide splitternackt in die Lune. Jauchzend spritzten die
beiden Liebenden sich gegenseitig naß. Was für eine Szene! Die
Tugendhaften mitten im Sündenpfuhl.
Lüder und ich sahen uns nur
an, wir konnten nicht glauben, was wir da sahen. Und das des Pfarrers
fleischliche Lust dazugeführt hatte seine extreme Wasserscheu zu
überwinden, war schon bemerkenswert. Kurz entschlossen stürmten wir
beide an den Strand und nahmen die Bekleidung der Witwe Isolde –
wie wir jetzt wissen – Messerknauf und des Pfarrers Fritz
Fürchtenichts an uns und rannten, so schnell wie wir konnten, zurück
in die Stadt. Das Paar hatte den Kleiderdiebstahl nicht bemerkt. Dort
begaben wir uns sogleich ins Café Habakuk. Hans, Lüder und ich
beratschlagten kurz unsere Strategie. Na, könnt Ihr euch denken, was
wir taten, Kinners?
Richtig! Wir nagelten die Kleider des Pfarrers
und seiner Isolde Messerknauf fein säuberlich an das Kirchentor, und
zwar so, daß es aussah, als würden die beiden vor dem Tore stehen
und sich umarmen.
Ja, das
war´s, Leute. Die Liebelei der Tugendhaften wurde zum Stadtgespräch
für viele Jahre. Bremerhaven sah den Pfarrer und seine Geliebte nie
wieder und ließ uns Nudisten für alle Zeiten gewähren. Wie ich
hörte ist das Paar in die Neue Welt ausgewandert, wo er sich als
Laienprediger profilierte, während sie einen „Hau-den-Lukas“,
der ursprünglich „Hau-den-Habakuk“ geheißen haben soll,
betrieb.
So entstand der Begriff „Blanker Hans“, der erste
FKK-Verein fand in Norddeutschland seine Gründung, und der
String-Tanga wurde kreiert.
Oder so ähnlich.
Nicht wahr?